StZ Magazin: Qlocktwo Hier ticken die Uhren anders

Von Joachim Hentschel 

Eine Uhr ohne Zeiger und Zahlen – ist das ein leidlich origineller Gag oder ein zeitloses Kunstobjekt? Der Erfolg der Firma Qlocktwo aus Schwäbisch Gmünd zeigt jedenfalls: Aus kleinen, irren Ideen können immer noch große Geschichten werden.

Es ist das Geheimnis der Qlocktwo-Uhren, dass einem beim Betrachten irgendwann klar wird, wie sehr ihr Anzeigemodus das eigene Zeitgefühl verändert. Foto: Melanie Ziggel/Melanie Ziggel
Es ist das Geheimnis der Qlocktwo-Uhren, dass einem beim Betrachten irgendwann klar wird, wie sehr ihr Anzeigemodus das eigene Zeitgefühl verändert. Foto: Melanie Ziggel/Melanie Ziggel

Stuttgart - Das Tollste an diesen komischen Uhren: Sie machen fast keine Angst. Sie lassen einen in Ruhe, stressen nicht, zupfen nicht ständig an einem herum. Anders als die Zeitmesser, die uns sonst den Alltag brutal in mundgerechte Stücke hacken. Die vorwurfsvoll blinkenden Wecker am Morgen, die Armband-, Smartphone oder Wanduhren, die uns ständig erinnern, wie spät wir dran sind. Oder wie lange sich der grässliche Termin noch ziehen wird, in dem wir gerade sitzen. Wenn man die Objekte der kleinen Firma Qlocktwo aus Schwäbisch Gmünd zum ersten Mal sieht, braucht man allerdings oft einen Moment, um den Gag zu kapieren. Man steht vor den großen, quadratischen Platten, golden, rostig, farbig meliert, erkennt wirre Buchstabenzeilen, keine Zeiger. Nicht wie Uhren, eher wie falsch gelöste Kreuzworträtsel. Bis dann plötzlich die Wörter aufleuchten: „ES IST VIERTEL NACH DREI“. „ES IST ZWANZIG NACH DREI“. Und so weiter. Als hätte man jemanden nach der Zeit gefragt. Findet man das länger als drei Momente originell?

Eine zeitlose Erfolgsstory

Es ist das Geheimnis der Qlocktwo-Uhren, dass einem beim Betrachten irgendwann klar wird, wie sehr ihr Anzeigemodus das eigene Zeitgefühl verändert. Momente sind plötzlich keine hektischen Punkte auf einer fortlaufenden Zahlenreihe mehr. Man sitzt stärker im Jetzt mit ihnen. Man rechnet nicht ständig zehn Minuten weiter. Klingt nach Esoterik, aber man kann es ausprobieren. „Viele Uhren sorgen ja eher dafür, dass unsere Tage noch schneller und rastloser ablaufen“, sagt Marco Biegert, einer der Firmengründer. „Uns ging es darum, Objekte zu kreieren, die die Zeit verlangsamen.“ So gesehen ist die Geschichte von Qlocktwo nicht nur die fünfunddreißigste schwäbische Start-up-Erfolgsstory. Sie hat durchaus einen philosophischen Hauch. Etwas, nun ja, Zeitloses.

Berlin-Charlottenburg, Kaufhaus des Westens, das sieben Etagen hohe Wahrzeichen der Extrem-Shopping-Parade am und um den Kurfürstendamm. In Stockwerk fünf hat letzten Dezember die neu konzipierte Abteilung „Home Atelier“ eröffnet, ein riesiges De-luxe-Wohnzimmer mit Möbeln, Kissen, Deko, Lampen. Und rund 30 Quadratmeter davon gehören Qlocktwo. Vor der Wand mit den Modellen – in Schiefer, grünblau patiniertem Kupfer oder lackiertem Edelstahl, kleiner, größer, mini mit Armband – bleiben die Bummler stehen, sobald sie kapieren, was hier passiert: „ES IST HALB SIEBEN“, ganz genau. Respekteinflößendes Prachtstück ist die „180 Creator’s Edition Silver & Gold“, mit 12-Karat-Weißgold überzogen, 1 Meter 80 im Quadrat. Die 45-Zentimeter-Variante kostet um die 3000 Euro, für die große braucht man eine mittlere fünfstellige Summe. Der Preis für ein Kunstwerk. „Bei Qlocktwo hat tatsächlich die Nachfrage das Angebot geregelt“, sagt Andreas Funk, der andere der zwei Gründer. „Wir hatten eine Uhr als Einzelstück gebaut, dann fragten plötzlich immer mehr Freunde: Krieg ich auch so eine?“ Funk, aus Schwäbisch Gmünd zu Besuch, hat sich mit Businesspartner Marco Biegert auf den Sesseln einer benachbarten Interior-Verkaufsfläche niedergelassen, der mittlerweile dritte Geschäftsführer Jens Adamik ist am Stand mit Kundenfragen beschäftigt. Dafür, dass Qlocktwo vor knapp zwölf Jahren als leicht spinnertes Kunstprojekt startete, ist das hier ein großer Aufschlag.

Yin und Yang aus Bastelgeschick und Kunstsinn

Funk und Biegert, beide Ende 40, sind eigentlich Werber. Besser: waren es. Die Agentur, die sie in Gmünd gemeinsam führten, gibt es nicht mehr, seit Qlocktwo um 2015 herum zur Vollbeschäftigung wurde. 60 Menschen arbeiten heute für die Marke, die Uhren hängen im „Grand Hyatt“ in Abu Dhabi, im „Aria Casino“ in Las Vegas, und wie so oft steckt kein ernsthaft strategischer Ansatz dahinter. „Wir sind da sehr schwäbisch“, sagt Biegert. „Wir gehen Schritt für Schritt voran und schauen immer erst, ob es funktioniert.“ Die zwei wuchsen in den 80ern als Freunde in Gmünd-Hussenhofen auf, erfanden schon damals lustige Sachen. Zum Beispiel einen zum Beamer umgekrempelten Tageslichtprojektor, mit dem sie Commodore-64-Autorennspiele an die Zimmerwand projizierten. „Man musste zwar den Raum komplett abdunkeln und sogar das Schlüsselloch zukleben“, erinnert sich Funk, „aber es funktionierte.“

Kreativität, Selbstlerneffekte, das im besten Moment magische Yin und Yang aus Bastelgeschick und Kunstsinn blieb auch später die Basis ihrer Arbeit. Wenn Biegert und Funk mit den digitalen 3-D-Postkarten fertig waren, die sie für Agenturkunden programmierten, bauten sie anschließend in der Werkstatt nebenan noch eine Lichtskulptur. Zum Spaß. Oder eben eine Wanduhr, die aus einer Buchstabenschablone und einer Leuchtfläche bestand und über eine digitale Steuereinheit die Zeit in Worten anzeigen kann. 2008 wurde die erste fertig. Dass gerade dies die Idee sein würde, die alles verändern würde, ahnte keiner.

Das KaDeWe ist die bisherige Krönung

Man wird diese Uhr nicht einfach im Netz bestellen, nachts vom Küchentisch aus. Es ist die Stärke, aber auch das Umständliche an der Geschäftsidee von Qlocktwo, dass man die Luxusobjekte, die die Firma verkauft, erst einmal in Echt sehen muss, bevor man sie haben will. Die Social-Distancing-Phase hat damit auch Biegert, Funk und Adamik das Leben und Marketing schwerer gemacht. Auf der Website setzen sie jetzt verstärkt auf Augmented Reality, damit man sich auch von London, Barcelona und Los Angeles aus vorstellen kann, wie die Uhr im Raum aussieht. Das Herz des Konzepts aber bleiben die Läden. Das Berliner KaDeWe ist hier die bisherige Krönung, davor wurden über die Jahre – neben dem firmeneigenen Store in Gmünd – Showrooms beim Stuttgarter Rathaus und am Jungfernstieg in Hamburg eröffnet.

Wenn die Qlocktwo-Leute über ihre erstaunliche Wachstumsgeschichte sprechen, die 2009 mit den ersten zehn Prototypen auf der Ambiente-Messe in Frankfurt begann, strahlen sie eine ähnlich buddhistische Geduld aus wie ihre Uhren. Und die kommt ihnen derzeit zugute: Alle Pläne von 2020 wurden aufs nächste Jahr verschoben, von Schwäbisch Gmünd und der US-Niederlassung in Yorba Linda, Kalifornien, aus wolle man sich erst mal verstärkt um die internationale Positionierung der in 26 Sprachen lieferbaren Produkte kümmern. Seelenruhig. „Wir haben über die Jahre so oft von Experten gehört, dass dies oder das auf keinen Fall funktionieren kann“, sagt Marco Biegert, „und dann haben wir es doch geschafft. Es ist ganz gut, sich auch weiterhin eine gewisse inhaltliche Selbstständigkeit zu bewahren.“

Zehn Emaille-Uhren als Unikate

So wie 2019, als Qlocktwo zum zehnten Firmenjubiläum eine besondere Edition auflegen wollte. Seit Agenturzeiten saß man in den ehemaligen Manufakturgebäuden der legendären Gmünder Schmuckfirma Perli, und so kam die Idee: Emaille hatte in der Perli-Historie eine große Rolle gespielt, das sollte das Material für die Sonder-Qlocktwo werden. Doch leider war es unmöglich, einen Produktionspartner zu finden. Über drei Monate lang fragten sie Dutzende von Emaille-Spezialisten an, alle antworteten: Die handelsüblichen Brennöfen seien für ein solches Objekt zu klein. Überhaupt keine Chance. Also kauften Biegert und Funk sich selbst einen Ofen. Bauten ihn um, probierten herum. Produzierten in den ersten vier Wochen nur Ausschuss. Dokumentierten den Prozess, optimierten ihn Stück für Stück. Im Sommer 2019 wurde die Jubiläumsedition enthüllt. Zehn Emaille-Uhren, selbst entwickelt, als Unikate gefertigt. Gegen die Naturgesetze quasi. Sie gingen schnell weg. „Wir spüren keinen Druck“, sagt Jens Adamik. „Wir sind gut im Warten.“ Wenn das funktioniert, ist es die Gegenthese zum Turbokapitalismus. Und ein exzellentes Credo für Leute, die Uhren bauen, die die Zeit anhalten.




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