StZ Magazin: Strippenzieher unter sich Günther Oettinger und Jörg Mink über Macht, steife Schwaben und Victor Orbàn

Von José Redondo Vega 

Der Politiker Günther Oettinger und der Gastronom Jörg Mink kennen sich seit Jahrzehnten: Im Interview sprechen die beiden Strippenzieher über Heimat, Politik und Freudschaft – und was das alles mit Skat spielen zu tun hat.

Jörg Mink und Günther Oettinger im Gespräch. Foto: StZ Magazin/Petra Ruehle 4 Bilder
Jörg Mink und Günther Oettinger im Gespräch. Foto: StZ Magazin/Petra Ruehle

Stuttgart - Ein Spätsommerabend auf Schloss Solitude. Jörg Mink, seit 2008 Chef der Gastronomie, hastet ruhelos zwischen Außenterrasse und festlich gedecktem Hauptsaal. In zwei Stunden eröffnet sein „Business Club“, der wegen Corona monatelang pausieren musste. 60 Gäste dürfen es deswegen nur sein, die übrigen 180 Mitglieder müssen auf andere Gelegenheiten hoffen.

Mink hat schon einige Herausforderungen gemeistert, für den VfB, das Kanzleramt, die Berlinale und in Hollywood aufgekocht, dazu mehrere Restaurants geführt, aber die Corona-Krise schmeckt auch ihm nicht. Unruhig schaut er auf die Uhr, der Ehrengast verspätet sich, aber endlich rollt eine dunkle Limousine heran: Günther Oettinger, der ehemalige Landesvater, ist angekommen. Das Gespräch kann beginnen.

Herr Oettinger, Herr Mink, Sie gelten beide als gut vernetzte Strippenzieher. Wie pflegt man ein Netzwerk in Zeiten von COVID-19?

 Günther Oettinger: Zuerst muss man eines haben. Es fängt in der Schule an, im Sportverein, in der Studentenverbindung. Klar, man kann in unserem Alter noch Freunde gewinnen, muss aber die, die man aus der Jugend mitbringt, gut pflegen. Das geht auch nur, wenn man Menschen mag, ihre Stärken erkennt, gesellig ist. Und natürlich ist Skat spielen wichtig. Jörg ist ein guter Spieler, er spielt so gut Skat wie er kocht und verliert ungern. Bei ihm sieht man immer eine Mischung aus Spannung, sportlichem Ehrgeizig und Konzentration. Und immer mit einem frechem Spruch. So entsteht Freundschaft.

Herr Mink, Ihre Beschreibung von Günther Oettinger als Skatspieler?

Jörg Mink: Er ist sehr strategisch, aber risikobereit. Hat vor nichts Angst, in jedem Spiel wird etwas probiert, bis die Karten ausgereizt und bestenfalls auch ausgespielt sind. So würde ich ihn auch als Person einschätzen. Dazu ist er sehr zuverlässig, was die Basis für ein gutes Netzwerk ist. Nur mit zuverlässigen Personen funktioniert ein solches Miteinander. Man muss Vertrauen aufbauen, zuhören und Informationen sammeln, um zu wissen, wie man die richtigen Menschen immer wieder zusammenbringen kann. Das ist die Basis meines Lebens und auch unseres „Business Clubs“, für den sich Günther Oettinger immer wieder Zeit nimmt. Auch, wenn er mal keine hat.

Herr Oettinger, Herr Mink hat mal erzählt, dass Sie schon mal bis morgens sein Gast sind. In der Öffentlichkeit gelten Sie dagegen als steifer Schwabe. Sind Sie in Wahrheit ein Partylöwe?

GO: Nein, ich gehe sicher nicht in Discos, bin aber ein geselliger Typ. Wenn es lustig ist, bleibe ich hocken. Wenn man in der Politik bis spät abends arbeitet, dann holt man erst ab 22 Uhr das nach, was andere um 18 Uhr beginnen. Dann kann es mal spät werden. Komme dazu mit wenig Schlaf aus und kann überall sofort schlafen. Wenn wir in der „Linde“ Skat gespielt haben, dann hat Jörg um Mitternacht noch eine Pfanne gemacht mit Speck, Spiegelei und Bratkartoffeln. Oder Käseriegel und Schwarzwursträdle. Unvergesslich.

Weil die Corona-Pandemie speziell die Gastronomie hart getroffen hat: Welche Wünsche würden Sie, Herr Mink, an Günther Oettinger adressieren, der über beste Kontakte in die Politik verfügt, damit sich die Situation in Ihrer Branche verbessert?

JM: Ich wünsche mir, dass die Nacht- und Clubgastronomie gezielte Hilfe erhält. Das ist wirklich dringend. Wir als Gastronomen können auch im Winter mit allen Auflagen professionell umgehen, die Politik muss mit uns nur vernünftig reden. Geschieht das nicht, sehe ich schwarz.

Klingt nicht sehr optimistisch.

GO: Mir macht das Gaststättensterben tatsächlich große Sorgen. Sie sind ein Wirtschaftsfaktor, aber auch Kulturgut. Früher, mit acht oder neun Jahren, ging ich mit meinem Opa nach dem Kirchgang in die Wirtschaft zum Frühschoppen am Marktplatz. Das gibt es heute nicht mehr. Es ist ja auch ein harter Beruf, von morgens sechs bis in die Nacht, jeden Tag. Gastronomie zu erhalten ist nicht nur die Aufgabe von Gastronomen, sondern auch die der Bürgermeister und der Politik.

JM: Da würde ich jetzt applaudieren. Wie beispielsweise der Stuttgarter Bürgermeister in dieser Angelegenheit kommuniziert, da ist noch sehr viel Luft nach oben. Ein persönliches Anschreiben meinerseits wegen Corona ließ er sechs Wochen unbeantwortet liegen. Die Antwort war dann nicht wirklich konstruktiv. So was höre ich oft, auch aus der Berliner Szene.

Interessanterweise richtet sich ja seit Jahrzehnten der Blick im Ländle nach Berlin. Über die „Schwäbisierung“ der Hauptstadt wurde bereits viel geschrieben. Jetzt behaupten böse Zungen: Stuttgart hat jetzt wenigstens in einem Punkt aufgeschlossen – die Krawalle vor einigen Monaten hatten Berliner Niveau.

GO: Demonstrationen sind selbstverständlich völlig legitim, solange keine passive oder aktive Gewalt passiert. Aber was da in den Schlossanlagen geschehen ist, geht gar nicht. Ich habe vollstes Vertrauen in unsere Polizeibeamten, sie haben einen sehr schwierigen Job. Es war viel von Deeskalation die Rede, was als Begriff schwierig ist, weil es um Gewalt gegen Polizisten ging, um Einbrüche, Zerstörung und Drogen jeder Art. Wenn man da im Einsatz ist, tut man sich sehr schwer mit dieser Formulierung. Eine starke Polizei braucht auch den starken Rückhalt der Bevölkerung.

Ist das schwäbische Image der Rechtschaffenheit beschädigt?

GO: An jenem Sonntag stand Stuttgart im Mittelpunkt von „Tagesschau“ und „Tagesthemen“. Ich wünsche mir für Stuttgart andere Themen, wie gute Autos, eine liberale Lebensart und einem starken VfB. Der Imageschaden bleibt nicht von Dauer, aber ich bin sogar in Brüssel gefragt worden: Was ist denn da bei euch los? Die Menschen konnten es sich nicht erklären.

Welche Erklärung haben Sie?

JM: Da hatte sich, auch durch Corona, etwas aufgestaut. Es waren nur aber wenige, die wirklich ausfällig geworden sind. Die meisten waren Mitläufer. Was definitiv fehlt, ist eine funktionierende Nachtgastronomie. Das wäre transparenter und würde den Alkoholkonsum besser kontrollieren. Dann hätte sich manche Energie eher auf der Tanzfläche entladen als an Schaufenstern.

GO: Es hat mit dieser sogenannten Partyszene nichts zu tun. Denn, wer Partys feiert, will in der Regel friedlich feiern, auch in Corona-Zeiten. Es hat sicher was zu tun mit Drogen- und Alkoholkonsum, aber natürlich auch damit, dass es Personen gibt, egal, mit welchem Hintergrund, die die Regeln nicht respektieren: Respekt vor Eigentum, Einhaltung der Sicherheitsregeln, keine Gewalt. Da sollte man entschieden gegen vorgehen, um keine Nachahmer zu ermuntern. Ich wünsche mir ein anderes Bild von Stuttgart in der Welt.

Das war bisher eher so geprägt: Stuttgarter Ballett, Schwäbischer Hip-Hop, das gute schwäbische Essen und vorallem: die schwäbische Wirtschaftskraft. Grund genug, ein wenig optimistischer und selbstbewusster in die Zukunft zu blicken?

GO: In der Vergangenheit wurden andere Städte geschickter mit ihren Regionen vernetzt. In München findet das städtische Leben etwa in Schwabing, an der Frauenkirche oder am Viktualienmarkt statt. In Stuttgart in der Innenstadt, am Schlossplatz, auf der Königstraße, aber auch in Ludwigsburg, Esslingen, Echterdingen oder Waiblingen. Wir brauchen deswegen ein stärkeres regionales Selbstbewusstsein. Als Region sind wir mindestens so stark wie München, Frankfurt, Köln oder Hamburg.

JM: Das kann man ohne Übertreibung sagen. Wir Schwaben sollten ruhig selbstbewusster auftreten. Unsere Heimat kann sich mit jeder anderen messen.

Ein Loblied auf die Provinz?

GO: Ein Loblied auf unsere Wesensart. Die Münchner haben ihr „Mir san mir“, auch die Frankfurter sind sehr selbstbewusst mit ihren Hochhäusern. Wir sind da eher zurückhaltend bis verklemmt.

Welche Vorteile hat die Provinz gegenüber der Großstadt?

GO Man braucht beides. Eine Museumslandschaft wie in Stuttgart, eine Staatsgalerie, ein Porsche- und Mercedes-Museum, das wird man auf einem Dorf nicht finden. Für Leuchttürme brauchst du die Großstadt. Aber eben auch die „Hidden Champions“ im Schwarzwald, Rottweil, Tuttlingen, Biberach oder Laupheim. Baden-Württemberg ist mehr als die Landeshauptstadt. Für Stuttgart gab es mal den Slogan: „Großstadt zwischen Wald und Reben“. Das trifft es perfekt.

Sie sind in der Vergangenheit öfter wegen Ihrer schwäbischen Herkunft belächelt worden.

GO: Meine Eltern sind Schwaben, ich bin in Schwaben aufgewachsen, Schwäbisch ist mein Dialekt. Aber wenn ich auf die Schwäbische Alb nach Münsingen gefahren bin, dachten die, ich spreche Hochdeutsch. Es ist schon interessant, dass ein Bayer in Berlin seinen Dialekt nicht rechtfertigen muss, ein Schwabe aber schon. Ich habe auch weiterhin vor, so zu reden, dass man mich versteht. Wie in Hannover werde ich sicher nie sprechen. Sonst würde ich meine Herkunft, Erziehung, Eltern und Heimat verleugnen.

JM: Ständig wurde ich in Berlin mit dem sogenannten schwäbischen Geiz konfrontiert. Irgendwann habe ich dann gesagt: Der Schwabe ist überhaupt nicht geizig. Es ist nichts Verwerfliches daran, fleißig zu sein, Erfolg zu haben und Geld zu verdienen. Wer wirklich geizig ist, sind die Berliner. Denn die gehen am liebsten nur außer Haus, wenn sie eingeladen sind.

Sie selbst, Herr Oettinger, haben seit Neuestem eine neue berufliche Heimat. Als Wirtschaftsberater unterstützen Sie den ungarischen Ministerpräsidenten Victor Orbàn. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, Menschenrechte einzuschränken und die Presserechte zu beschneiden. Sind Sie angetreten, um Orbàn schwäbisches Rechtsempfinden beizubringen?

GO: Ich kenne ihn seit 15 Jahren, bin aber nicht sein Politikberater. Seine Vorgehensweise in Sachen Rechtsstaatlichkeit halte ich aber für schwierig. Ich habe in meiner Zeit als Ministerpräsident einen Innovationsrat in Baden-Württemberg gegründet, der jetzt in Ungarn als Vorbild dient. Dort arbeite ich mit Vorständen und Forschungseinrichtungen, wie etwa das Frauenhofer-Institut, zusammen. Das ist auch für Europa wichtig, um das wirtschaftliche Gefälle zwischen den Ländern nicht noch größer werden zu lassen.

Lässt sich damit Orbàns Politik wirklich ausblenden?

JM: Orbàn kann von Glück reden, einen solchen Berater zu bekommen, vielleicht wird er dadurch vernünftiger. Für Günther ist es sicher eine schwierige Situation, die ihn sehr fordert. Aber er hat die Erfahrung, sich, sollte es kritischer werden, rechtzeitig zurückzuziehen.

GO: Ich trage die Kritik der EU-Kommission an ihm in vollem Umfang mit. Bei einem Glas Wein würde ich ihm auch sagen: Es ist für den Wirtschaftsstandort Ungarn nicht unbedingt zuträglich, dass er ständig für negative Presse sorgt. Das kann internationale Investoren abschrecken.

Als Weitgereiste: Ist es im Ländle doch am Schönsten? Nennen Sie doch mal etwas aus der Region, was man nur hier findet.

JM: Zuverlässigkeit, Verbindlichkeit und Sicherheit. Stuttgarter sind dazu große Genießer, auch, wenn sie es nicht immer zeigen.

GO: Tüftler mit technischer Brillanz, Basis des Maschinen- und Fahrzeugbaus. Dann die wunderbare Lage, zum Schwarzwald, Bodensee, ins Elsass, in die Alpen. Dazu etwa Hölderlin, Mörike, Uhland, Schiller, Hegel. Große Köpfe und Denker einerseits, gepaart mit Ingenieurskunst. Diese Mischung finden Sie nirgendwo.

Wäre die Welt also ein besserer Ort, wenn alle ein bisschen mehr Schwaben wären?

GO: Schon, aber noch mehr, wenn die Schwaben selbst sich ein wenig mehr von der Großzügigkeit der Welt zu eigen machen würden.

JM: Dazu würde ich mich freuen, wenn der Stuttgarter sich mehr trauen würde, über das zu sprechen, was er hat. Stuttgart ist auf seine Art mindestens so sexy wie Berlin. Durch schwäbischen Fleiß allerdings finanziell wesentlich besser aufgestellt.




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