StZ Magazin: Zu Besuch bei Mey „BHs müssten über 100 Euro kosten, würden wir sie hier herstellen“

Als erfolgreicher Modemanager war Matthias Mey für die Marken windsor.men und Strellson tätig. Foto: StZ Magazin/Florian Generotzky 6 Bilder
Als erfolgreicher Modemanager war Matthias Mey für die Marken windsor.men und Strellson tätig. Foto: StZ Magazin/Florian Generotzky

Matthias Mey weiß, dass die meisten ihre Wäsche gern billig kaufen. Der schwäbischen Wäsche- und Dessoushersteller hat mit Qualitätsprodukten trotzdem gewaltigen Erfolg. Wie geht das?

Leben: Nicole Golombek (golo)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Am Ende des Tages fährt Matthias Mey den einen Hügel hinunter und einen anderen wieder hinauf. Im Mercedes, der weiß lackiert ist, wie schon jeder andere Dienstwagen zuvor. Zumindest dieser Familientradition beugt sich der Geschäftsführer des schwäbischen Wäsche- und Dessousherstellers Mey. Ansonsten macht der 47-Jährige – seit er 2014 seine Führungspositionen bei der Holy Fashion Group aufgab, mit seiner Familie aus der Schweiz zurück nach Albstadt zog und ins Familienunternehmen einstieg – einiges anders.

Auf dem zweiten Hügel angekommen, zeigt er den Ausgangspunkt für die Wanderungen, die er gern unternimmt. Man blickt auf die Schwäbische Alb und hinunter ins Tal, sieht links den alten Alber-Bauernhof. Da gab es zu Meys Kinderzeit, wie er sagt, Forellen. Rechts tut sich der Blick auf. Büro- und Fabrikgebäude, Straßen, eine zersiedelte Landschaft, die davon zeugt: Hier wird geschafft. Kleidung stellt die Zollernalbkreis-Industrie allerdings kaum noch her. Ein großer Hersteller von Rundstrickmaschinen sitzt immerhin noch in Albstadt, die Maschinen von Mayer & Cie. kommen auch bei Mey zum Einsatz.

Regionalität, ökologisches Bewusstsein, Nachhaltigkeit

Fürs Foto hat sich Matthias Mey eine andere Albhochfläche ausgesucht, den Kornberg. Die Schäferin winkt, ihre zwei Hunde kommen dazu, beschnüffeln die Fremden. Mey tätschelt die Hunde, fasst die Ziegen, die dabei sind, an den Hörnern. Lässt sich erklären, warum die so schön warm sind (das Blut, das fließt, sagt die Schäferin). Seine Miene wird nachdenklich, als die Frau bewundernswert lakonisch erzählt, dass sie mit der Schafwolle heute negative Gewinne macht, weil das Scheren mehr kostet als das, was sie für den Verkauf des Ertrags bekommt.

Mey lässt sich nicht nur um der Pose willen inmitten der Schafherde ablichten. Sondern weil er damit zeigt, dass er und seine Firma für Werte stehen: Regionalität, ökologisches Bewusstsein, Nachhaltigkeit. Dafür ist ein Bild in der Natur am Ende aussagekräftiger als jedes der vielen Bio- und Nachhaltigkeitssiegel, die das Unternehmen bekommen hat.

Mey verzeichnet wachsende Umsätze

Was die Qualität betrifft, kann ein günstigeres Unterhemd aus einem Drittweltland mit Mey womöglich mithalten. „In Bangladesch hat man ungefähr 14-mal günstigere Lohnkosten“, rechnet Mey vor, „die Zölle sind auch gering. Doch was ist mit den Produktionsbedingungen, mit Abwasser- und Umweltschutz?“ Seine Waren werden eben nicht von Kinderhand gefertigt, während der Herstellung werden viel weniger Schadstoffe verwendet. Die Kunden schätzen das offenbar. Mey verzeichnet wachsende Umsätze, 103 Millionen Euro waren es 2019, fast doppelt so viel wie noch 2012.

Bei Lieferketten wird, so gut es geht, auf kurze Wege geachtet. Die Baumwolle aus Peru kommt zum Beispiel nach Ulm zur Spinnerei, wird in Mössingen eingefärbt (35 Kilometer von Albstadt entfernt), dann geht sie nach Albstadt in die Fabrik. 85 Prozent der Stoffe wird dort produziert, an 100 Strickmaschinen, die schnellste davon schafft elf Millionen Maschen pro Minute. 680 Tonnen Stoff entstehen so pro Jahr. Ringel- und andere Muster, Hemden mit und ohne Seitennaht. Mit einer einzigen Rundstrickmaschine hatte Meys Großvater Franz 1928 noch angefangen, nach dem Krieg ging es weiter mit der Damen-, Herren- und Kinderkleidern. Bis man auf Wäsche für Erwachsene umstieg und sich 1959 auf Damenwäsche spezialisierte.

Der Frauenanteil beträgt 70 Prozent

Auch genäht wird vor Ort. Der Frauenanteil beim zuständigen Personal beträgt 70 Prozent. Viele der über 100 Näherinnen arbeiten halbtags, manche, sagt Mey, gehen mittags heim, kochen für die Familie. Es sirrt und rauscht in der Halle, Köpfe sind über Gerätschaften gebeugt, die mit herkömmlichen Nähmaschinen wenig zu tun haben. Hauseigene Ingenieure konfigurieren die Maschinen so speziell, dass sie die feinen Stoffe besonders gut verarbeiten können. Weshalb es auch nicht erlaubt ist, sie aus der Nähe zu fotografieren. Betriebsgeheimnis.

„BHs allerdings“, sagt Mey, während er in der Design-Entwicklungsabteilung steht, „erfordern so viele Arbeitsschritte von Hand. Sie müssten über 100 Euro kosten, würde man sie hier herstellen. Daher werden sie in unserem Werk in Ungarn gefertigt.“ Er selbst ist auch für Marketing und Design zuständig und eng in den Entwurfsprozess eingebunden.

Die Deutschen möge es natürlich, schlicht und bequem

Umfragen ergeben immer wieder, dass die Deutschen es natürlich, schlicht und bequem mögen. Dass sie ihre Schubladen sehr preisbewusst füllen, dabei im Vergleich zu europäischen Nachbarn auch nicht allzu aufgeschlossen für Experimente sind. So standen Firmen wie Mey lange Zeit für hochwertige, aber eben auch etwas biedere Wäsche. Mit seinem Versuch, Männern rosafarbene T-Shirts zu verkaufen, weil sie ja auch gern Oberhemden in der Farbe tragen, erzählt Mey mit einem Lächeln, sei er vor ein paar Jahren leider gescheitert.

Das Image für hochwertige Wäsche soll erhalten bleiben, man versuche aber auch, „mehr Fashion, mehr Sexyness“ ins Spiel zu bringen. Unterm Weihnachtsbaum liegen, wenn es nach Matthias Mey geht, „der solide weiße Lieblingsslip für die 80-Jährige“, aber eben auch „das hocherotische Dessous-Set“. Für die Herbstkollektion 2020 wurden für Homeoffice-taugliche Pyjamas und Morgenmäntel auch großformatige Muster in den derzeit angesagten Farben Terrakotta und Blau entworfen. Bio muss ja nicht nach Oldschool-Öko aussehen.

„Wir müssen die Dinge wieder mehr wertschätzen“

„Es wird viel getrickst in der Bioszene“, sagt Mey beim Rundgang durch die Fabrik. „Uns ist Transparenz wichtig. Wir zeigen den Kunden, was wir tun und warum.“ Die Baumwolle zum Beispiel, die in Albstadt verarbeitet wird, kommt unter anderem aus Peru, wie gesagt – ganz schön weit weg. Aber eben von so hoch gelegenen Feldern, dass man dort wegen der extremen Luftfeuchtigkeit die Pflanzen nur einmal pro Saison bewässert, deutlich weniger als an näher gelegenen Orten. Stoffreste, die beim Zuschnitt der Pyjamas, Unterhosen, Hemden übrig bleiben, gehen als Dämmmaterial an die Baubranche. Und schon 1997 entwickelte Mey ein ökologisch ausgerichtetes Bügel-Kreislaufprinzip für den Handel, ähnlich einem Pfandsystem, und wurde dafür mit dem deutschen Umweltpreis ausgezeichnet. Die Zollernalb-Werkstätten und die Mariaberger Heime, die Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung anbieten, sind hier involviert.

„Uns geht es immer um die komplette Wertschöpfungskette“, sagt Mey. „Das bedeutet, nicht nur wir arbeiten nachhaltig, sondern auch die Zulieferer halten die Umweltbelastung so minimal wie möglich.“ Auch die Konsumenten, so seine Hoffnung, machen dabei mit. „Immer noch wird 80 Prozent der Kleidung nach einem Jahr weggeworfen. Unsere Großelterngeneration hat da noch umweltbewusster konsumiert. Wir müssen die Dinge wieder mehr wertschätzen.“

„Wenn Sie das lesen können, ist Ihr Abstand zu klein“

Seit diesem Jahr ist die Firma auch nach Standard „100 by Oeko-Tex“ zertifiziert, was besagt, dass alle Bestandteile einer Ware vom Knopf bis zum Stoff auf Schadstoffe geprüft wurden. „Dabei“, sagt Matthias Mey, „gehen hier die gesetzten Grenzwerte über nationale und internationale Vorgaben hinaus.“ Greenpeace kritisiert am Standard „100 by Oeko-Tex“ zwar, dass lediglich die Schadstoffrückstände geprüft werden, nicht jedoch die Herstellungsbedingungen. Dafür aber hat Mey aber wiederum ein „bluesign“-Zertifikat, bei dem es um Nachhaltigkeit geht, durch die gesamte Lieferkette hindurch.

„Organische Baumwolle“ steht übrigens auch auf dem Wäschezeichen einer Ware, die nicht zur Standardkollektion gehört: Als eines der ersten deutschen Textilunternehmen hatte Mey zu Anfang der Coronakrise Teile seiner Produktion quasi über Nacht auf die Fertigung von Mund- und Nasenmasken umgestellt. Zuerst für Krankenhäuser und andere institutionelle Einrichtungen, später auch für Endverbraucher.

Die Kliniken ordern Masken inzwischen wieder günstiger im Fernen Osten, aber falls es der zweiten Welle wegen doch wieder knapp werden sollte: Bei Mey sind noch genug am Lager. Die Edition für Kunden, in verschiedenen Farben, trägt die Aufschrift „Wenn Sie das lesen können, ist Ihr Abstand zu klein.“ Ein Wäschehaus, das auch noch taugliche Lebensratschläge gibt: Besser kann es kaum kommen.

Unsere Empfehlung für Sie