StZ-Podiumsdiskussion Keine „News Deserts“ à la USA in Sicht

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Experten diskutieren auf Einladung von Stuttgarter Zeitung, L-Bank und Roland Berger über „Die Zukunft der Medien“. Klar ist: Die Branche steht vor großen Herausforderungen.

Mit ihren gedruckten und digitalen Ausgaben erreichen die Zeitungen mehr Leser denn je. Foto: StZ
Mit ihren gedruckten und digitalen Ausgaben erreichen die Zeitungen mehr Leser denn je. Foto: StZ

Stuttgart - Das klingt nicht nach Krise. Deutschland, so hat im vorigen Jahr der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) über seinen Heimatmarkt geschrieben, sei ein „Zeitungsland“. Mit gedruckten Zeitungen und digitalen Angeboten haben die Verlage 89 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung erreicht – mehr als im Jahr zuvor. „In Print und Digital gilt: Zeitungen sind der zentrale Nachrichtenkanal und erste Quelle für verlässliche Informationen“, sagt BDZV-Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff stolz.

Aber dann gibt es noch die andere Seite der Medaille. Der Medienexperte Horst Röper, Mitgründer und Geschäftsführer des Forschungsinstituts Formatt in Dortmund, hat in seiner Analyse des Zeitungsmarkts im Jahr 2018 eine neue Welle der Pressekonzentration ausgemacht, die die Branche erfasst habe. Maßgeblich dafür, so schreibt er, sei die ökonomische Situation. „Wegen weiterhin deutlich nachlassender Verkaufsauflagen verliert die Branche für manche Verleger ihre Attraktivität.“ So hat jüngst der Kölner Traditionsverlag ­DuMont („Kölner Stadtanzeiger“) bekannt gegeben, dass über die Trennung vom Zeitungsgeschäft nachgedacht werde.

Einbußen bei den Reichweiten sollen vermieden werden

Die gedruckte Auflage sinkt zwar, aber die Mediennutzung via Internet gleicht das mehr als aus – einerseits. Andererseits ist dies die große Herausforderung, vor der die Branche steht. Denn so manches, was die Verlage mit hohem Aufwand produzieren, wird im Internet bisher kostenlos abgegeben, weil andere das auch tun und die Zeitungshäuser keine Einbußen bei den Reichweiten in Kauf nehmen wollen.

Wohin also geht die Reise? „Die Zukunft der Medien – Information zwischen Ramsch und Luxusgut“ ist Thema der Podiumsdiskussion, die Stuttgarter Zeitung, L-Bank und die Unternehmensberatung Roland Berger im Rahmen der Reihe „Die Zukunft der Region“ am 8. April in der Rotunde der L-Bank in Stuttgart veranstalten. Es diskutieren Daniel Drepper, Chefredakteur von Buzzfeed Deutschland, Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von der Uni Tübingen und Christian Wegner, Vorsitzender der Geschäftsführung der Südwestdeutschen Medienholding, die unter anderem die Stuttgarter Zeitung herausgibt. Moderiert wird die Runde von Joachim Dorfs, Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung.

Die Werbeeinnahmen sind das zentrale Problem

Trotz der Herausforderungen durch die im Internet herrschende Gratiskultur und durch neue Anbieter, zu denen zum Beispiel auch das Portal Buzzfeed gehört, hat die Nachrichtendrehscheibe Web die Verlage bisher nicht ruiniert. So gilt die alte Faustregel, wonach zwei Drittel der Umsätze aus der Werbung und nur ein Drittel aus dem Verkauf der Tageszeitungen stammen, schon lange nicht mehr. „Inzwischen hat sich dieses Verhältnis annähernd umgekehrt“, schreibt der Medienwissenschaftler Röper. Den Rückgang der Werbeeinnahmen von gut sechs Milliarden Euro im Jahr 2000 auf nur noch 2,5 Milliarden Euro im Jahr 2016 bezeichnet Röper als das zentrale Problem der Branche.

Die Verlage suchen für ihr redaktionelles Angebot neue Geschäftsmodelle im Internet und versuchen sich bei den gedruckten Blättern über Einsparungen hinaus mit neuen Projekten auf die Zukunft einzustellen. Allerdings stellt das Internet nicht nur etablierte Verlage vor Probleme, sondern auch webbasierte Neugründungen. So wird „Huff Post“, die deutsche Lizenzausgabe der US-Seite „Huffington Post“, Ende März eingestellt. Branchendienste berichteten jüngst zudem über Personalabbau bei der „Huffington Post“ selbst sowie bei den Portalen Buzzfeed und Vice.

Die Zeitungslandschaft verändert sich

Klaus Meier, Professor für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, hat in einem Beitrag für das Medienportal Meedia die Frage aufgeworfen, was passiert, wenn es eines Tages in bestimmten Landkreisen keine Tageszeitung mehr geben sollte. Denn die lokale und regionale Zeitungslandschaft in Deutschland, so schreibt Meier, werde sich in den nächsten zehn Jahren deutlich stärker verändern als in den letzten zehn Jahren.

Die regionalen Abonnementzeitungen sind das Rückgrat des Zeitungsmarktes in Deutschland. Meier zeigt mit Blick auf die USA auf, dass dies keineswegs selbstverständlich ist. Dort, so schreibt er, sei schon seit Jahren von „News Deserts“ die Rede, von Nachrichtenwüsten. Meier zitiert eine Studie der Universität von North Carolina, nach der es in 171 Countys, die in etwa Bezirken in Deutschland entsprechen, keine lokale Zeitung (mehr) gibt und in vielen anderen die Zeitungen nur noch wöchentlich erscheinen; insgesamt haben die Vereinigten Staaten mehr als 3000 Countys. Die Erfahrungen auf einem anderen Markt, Spanien, zeigen aus der Sicht des Wissenschaftlers aber, dass es auch lokal einen Markt für digital verbreitete Nachrichten gibt, wofür die Menschen durchaus bereit sind, Geld auszugeben. Meier leitet aus den Beispielen keine Prognosen für Deutschland ab, geht aber davon aus, dass gedruckte Tageszeitungen in der Zukunft an Bedeutung verlieren werden.

Der Weg der StZ-Leser zur Veranstaltung

Die Veranstaltung „Die Zukunft der Medien –  Information zwischen Ramsch und Luxusgut“, zu der Stuttgarter Zeitung,  L-Bank und die Unternehmensberatung Roland Berger einladen, findet am Montag, 8. April 2019, in der Rotunde der L-Bank, Börsenplatz 1, in Stuttgart statt. Beginn: 19 Uhr.

Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung aber notwendig