Obwohl es einen riesigen Bedarf gibt, bricht der Neubau dramatisch ein – weil sich angesichts steigender Baukosten und Zinsen niemand mehr das Bauen leisten kann. „Die Branche steht am Abgrund, aber in bester Lage“, sagte Joachim Dorfs, Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung und Moderator der Diskussion. Dabei sei Wohnen die entscheidende soziale Frage unserer Zeit.
Bauministerin: Wohnungsmangel ist Standortrisiko
CDU-Bauministerin Nicole Razavi pflichtete ihm auf dem Podium bei. „Für die Region Stuttgart ist das eine veritable Standortfrage“, sagte sie: „Wie will man dringend notwendige Arbeitskräfte bekommen, wenn die sich kein Dach über dem Kopf leisten können?“
Im Laufe der lebhaften Diskussion in der voll besetzten Rotunde der L-Bank wurde deutlich, dass Notprogramme wie der aktuelle 14-Punkte-Plan der Bundesregierung nicht an die Wurzel des Problems gehen. Es zeichnete sich das Bild einer Gesellschaft ab, in der alle Beteiligten, von der Politik über die Bauunternehmer bis hin zu den Bürgern die Früchte einer lange Jahre währenden Niedrigzinsphase in wachsende Ansprüche investiert haben.
„Wir haben uns daran gewöhnt, mit Niedrigzinsen vergleichsweise teuren Wohnraum kaufen zu können“, sagte Kai Schober, Bauexperte bei Roland Berger. Dies war auch die These von Rolf Buch, Chef des Wohnungskonzerns Vonovia: „Wir haben die Mietpreisbremse akzeptiert, großflächig Standards erhöht und deutlich größere Wohnflächen beansprucht.“ Dass der Bund nun Klimaschutzvorschriften gelockert hat, stieß auf dem Podium nicht auf Widerspruch, was StZ-Chefredakteur Dorfs etwas überraschte.
Vonovia-Chef: Geld allein reicht nicht
Mit Geld allein, sagte Vonovia-Chef Buch, sei die Lücke nicht zu stopfen. Man rede hier einschließlich der energetischen Sanierung von 200 Milliarden Euro im Jahr. Das einzige Rezept sei, die Kosten des Bauens nachhaltig und drastisch zu senken. Gibt es womöglich auch ein Verteilungsproblem zwischen denjenigen, die Wohnraum haben und denjenigen, die ihn suchen? Das fragte Moderator Dorfs. Andreas Hofer, der Intendant der IBA’27 in der Region Stuttgart, stimmte zu: „Es gibt ältere Menschen, die leben in 200-Quadratmeter-Wohnungen – und finden das nicht unbedingt toll.“ Buch sah eine andere Umverteilungsmöglichkeit: „Wir sollten diejenigen mehr zahlen lassen, die auch mehr bezahlen können“, sagte er. Das schaffe Luft für andere, die das nicht könnten. Prinzipiell sei auch nicht die Höhe der Zinsen das Problem, sondern das Tempo, in dem sie gestiegen seien.
IBA-Intendant kritisiert Sozialwohnungsbau
Deutschland müsse endlich herauskommen aus einer Baupolitik der krassen Schwankungen, sagte Hofer: „Wenn wir für Hunderte Milliarden Sozialwohnungen bauen, um sie nach 25 Jahren wegzuspekulieren, dann sollten wir auf ein langfristigeres System kommen.“ Bisher schaffe man es, mit unglaublich viel Geld unglaublich wenig zu erzeugen – und es dann wieder zu verlieren.
Die aktuelle Diskussion sei zu sehr auf die Frage des Neubaus fixiert, sagte Bauministerin Razavi: „Es wird ganz entscheidend darauf ankommen, dass Wohnungseigentümer bereit sind, im Bestand zu sanieren.“ IBA-Intendant Hofer pflichtete ihr bei: „Man hat das Problem über viele Jahre mit der Maurerkelle zu lösen versucht – und eigentlich bin ich ganz froh, dass diese Zeit vorbei ist“, sagte er. Es gehe auch darum, von gewissen Ansprüchen Abschied zu nehmen. Im Rahmen der Bauausstellung versuche man etwa Wohnen und Arbeiten wieder näher zueinander zu bringen. Bauministerin Razavi sieht die aktuelle Krise deshalb als Chance, einige Verkrustungen aufzubrechen. Wenn es nach den aktuellen Vorschriften für Neubauten gehe, dann seien achtzig Prozent des Bestandes illegal, sagte Hofer.
Roland-Berger-Experte: Bauen anders denken
Eine Entschlackung der Bauvorschriften sahen die Teilnehmer als zentrales, langfristiges Rezept. Man habe gerade die digitale Bauakte auf den Weg gebracht, sagte Razavi. Und bis zum Jahresende wolle sie die Landesbauordnung gründlich reformieren. Es sei allerdings nicht so, dass es diese Verordnung sei, welche die Kommunen daran hindere, ökonomischer zu planen: „Dass es zwei Stellplätze pro Wohneinheit braucht, steht da nicht drin.“ Nach Einsparungen bei der Garagen- und Stellplatzpflicht hatten auch mehrere StZ-Leser vor der Veranstaltung per E-Mail an Moderator Dorfs gefragt.
Auch die Möglichkeit, das Bauen neu zu denken, etwa Gebäude mit niedrigeren Standards zu errichten, könne eine Ausweg sein, sagte Kai Schober von Roland Berger. Sein Fazit war deshalb optimistisch: „Es wird neue Materialien und neue Methoden geben, sodass man kostengünstiger bauen kann.“