StZ-Redakteur auf Tour Die Grenzerfahrung

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StZ-Redakteur Martin Tschepe radelte die innerdeutsche Grenze entlang – heute ein Grünstreifen mit verlassenen und aufblühenden Ortschaften. Die Bewohner haben einen sehr speziellen Blick auf die Geschichte.

Martin Tschepe fuhr die innerdeutsche Grenze entlang – mit dem Lastenfahrrad. Foto: StZ 7 Bilder
Martin Tschepe fuhr die innerdeutsche Grenze entlang – mit dem Lastenfahrrad. Foto: StZ

Stuttgart - Erster Halt in Lübeck. Ein entgegenkommender Radfahrer legt eine Vollbremsung hin, weil ihm mein knallgrünes Transportrad ins Auge gestochen ist. Dann erzählt der pensionierte Postler von früher: Er sei direkt an der Grenze aufgewachsen, in Eichholz, einer Siedlung im Osten voLübeck. Heute sei alles besser als zu Zeiten der Teilung. Er fahre gerne nach Mecklenburg-Vorpommern, auf dem Rad die Landschaft genießen, die „tollen Wälder“.

Landesgrenze: Schleswig-Holstein endet, Mecklenburg-Vorpommern beginnt. Das sieht man, nach wie vor. Fast in jedem Ort Kopfsteinpflaster. Boizenburg am frühen Morgen. In dem mit unzähligen Kaffeekannen bestückten Bäckereicafé an der Durchgangsstraße ist es leer. Die Bäckerin Anita Krüger erzählt, dass sie als Kind oft in der Elbe gebadet habe. Das war später tabu. Zu DDR-Zeiten sei es strengstens verboten gewesen, ans Ufer zu gehen. Unmittelbar nach dem Fall der Mauer hat sich die Bäckerin ein Faltboot zugelegt. Seither ist die Witwe, deren Mann ein Jahr vor der Wende starb, oft auf dem Fluss unterwegs.

Arbeit gibts – aber kein Bier

Schnackenburg, die kleinste Stadt Niedersachsens, hat 400 Einwohner. Die Pension ist fast leer. Die Frau, die das Zimmer in einem schmucken Backsteingebäude zeigt, erzählt, dass Schnackenburg schon bessere Tage erlebt habe. Als Deutschland noch geteilt war, hätten viele hier beim Zoll gearbeitet. „Wir hatten mal vier Gaststätten, heute gibt es nur noch eine.“ Ob sie diese guten alten Zeiten gerne zurückhätte, sagt sie nicht.Im 60-Seelen-Nest Darsekau in Sachsen-Anhalt geht die Post ab – beim Dorffest im Feuerwehrgerätehaus. Der radelnde Gast aus Stuttgart wird spontan auf Würstchen, Kartoffelsalat und Bier eingeladen. Im Hintergrund singt Udo Lindenberg: „Hinterm Horizont geht’s weiter“. Der Song könnte das Programm beschreiben für diesen Stopp in der deutsch-deutschen Provinz. Eine Bewohnerin des Orts berichtet, dass nach der Wende die große Chemiefabrik und die Zuckerfabrik dichtgemacht worden seien. Und gibt es heute Arbeit in der Region? „Arbeit gibt es schon, aber kein Geld“, antwortet einer der Männer und nippt grinsend an seinem Bier.

Nebel liegt über dem früheren Grenzgebiet bei Zicherie. Man kann sich gut vorstellen, wie der freundliche Herr, der mir eben auf die Frage nach dem nächsten Laden Sprudel und Apfelschorle geschenkt hat, früher an der Demarkationslinie Wache schob. Er sei beim Bundesgrenzschutz gewesen, sagt der Rentner, der in einem schmucken alten Backsteingebäude wohnt.Unmittelbar nach der Wende sei die Stimmung in Böckwitz, dem Zwillingsdorf von Zicherie im Osten, nicht so gut gewesen. Viele ehemalige Immobilienbesitzer aus dem Westen, die zu DDR-Zeiten enteignet worden waren, hätten ihren alten Besitz nach 1989 ­zurückbekommen. Deshalb seien die Nachbarn im Osten „neidisch“ auf die neuen, alten Besitzer gewesen.

Das neue Hotel läuft gut

Gehrendorf, Sachsen-Anhalt: ein Trabbi thront in luftiger Höhe auf einer Eisenstange über dem Gelände einer ehemaligen Grenzkaserne. Am Nachmittag treffen sich auf dem Hof des alten Gebäudes ein paar frühere DDR-Grenzer, um in Erinnerungen zu schwelgen. Fast alle tragen Uniform. Manche verkaufen alte DDR-Orden und sonstigen Krimskrams. Auf die Frage, was sie hier eigentlich treiben, geben sich die Herren zugeknöpft.

Die Besitzer des Alt Ilsenburger Hofs haben vor zehn Jahren „rübergemacht“ – von Paderborn nach Ilsenburg, zunächst die Alte Nagelschmiede übernommen und in ein schönes Ausflugslokal umgebaut. Später haben sie das Hotel gekauft und saniert – und das alles nie bereut, im Gegenteil. Ein Großteil der Verwandtschaft sei nachgezogen und arbeite im Betrieb mit. Das Geschäft laufe „von Jahr zu Jahr besser“. Ein paar Schritte weiter steht ein Ehepaar vor einem Schaukasten mit Wohnungsanzeigen. Drei Zimmer im Neubau sollen 1100 Euro Warmmiete kosten. Ein stolzer Preis für ein Provinzstädtchen im Osten. Doch der 70-jährige Mann erklärt, der Preis sei normal für Ilsenburg. „Wir haben viel Industrie wie etwa Thyssen und Tourismus.“ Der Sohn, ein Ingenieur, arbeitete früher im Westen. Jetzt sei er wieder zurückgekehrt. Sein Geschäft laufe super, sagt ein junger Mann, der im Zentrum ein Radgeschäft betreibt und geführte Biketouren anbietet. Ilsenburg boome. „Wer hier keine Arbeit findet, der ist selber schuld.“

An die Grenze erinnert nur noch das Museum

Die Tour durch den Harz über den Brocken ist ein Härtetest wegen der steilen Schotterpisten. Ankunft in Elend. Der Ortsname ist Programm. Nix los. Zu DDR-Zeiten hat der Name bestimmt noch besser gepasst. Wenig später der nächste Ort mit schrägem Namen: Sorge. Westlich davon liegt das Grenzmuseum „Ring der Erinnerung“: ein DDR-Wachturm, Stacheldraht, Mauerelemente, ein mehrere Kilometer langer alter Kolonnenweg.

Vacha ist eine hübsche kleine Stadt direkt an der innerdeutschen Grenze. Fast alle historischen Fachwerkbauten sind erhalten, viele top renoviert. Zum Beispiel das Adler am Marktplatz. Der Besitzer erzählt, dass das Hotel vor weit mehr als 100 Jahren von seiner Familie eröffnet worden sei. Es war fast durchgängig im Familienbesitz, mit einer Unterbrechung von Anfang der 50er bis Anfang der 90er Jahre. Vor rund 65 Jahren sei seiner Oma von den DDR-Behörden mitgeteilt worden, dass sie packen und am nächsten Tag abreisen müsse. Die Familie ging in den Westen. Fortan wurde das imposante Haus unter anderem als Internat und als öffentliches Gebäude genutzt. Als die Mauer fiel, meldete die Familie ihren Besitzanspruch an. Ein paar Jahre später war die Sache durch.

Früher beäugten sich hier die Soldaten

„Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“, ist auf dem Monument bei Point Alpha zu lesen – Willy Brandts legendärer Satz vom 10. November 1989. Eine bundesdeutsche Fahne flattert im Wind. Nebenan können die Besucher den einstigen Horchposten besuchen. Ein Wachturm der US-Streitkräfte, alte amerikanische Panzer, eine US-Flagge in luftiger Höhe. Ein Mitarbeiter des Infozentrums sagt, dass Point Alpha einst wichtig gewesen sei für den Westen: Kein anderer Landzipfel habe so weit in das Herrschaftsgebiet des Warschauer Pakts hineingereicht. Die öst­lichen und die westlichen Solda­ten  hätten sich von den nur we­nige Hundert Meter entfernten Wachtürmen ständig mit Fernrohren beäugt. Die Amerikaner seien sich während des Kalten Kriegs sicher gewesen: wenn die Russen und ihre Verbündeten angreifen, „dann passiert das genau hier“. Am Kassenhäuschen bezahlt ein Mann den Eintritt für jenes Areal, das er wie seine Westentasche kennen dürfte. Er sei US-Major gewesen und habe von 1988 bis 1991 in Point Alpha gedient, erzählt der Ex-Soldat aus Ohio.Er will seiner Frau zeigen, wo er im Einsatz gewesen ist. Welche Erinnerungen hat er an die Jahre direkt am Eisernen Vorhang? Der Mann lacht und sagt: „Es war immer total langweilig“ – bis 1989. Dass er dabei war, als in Deutschland die Mauer eingerissen wurde, das sei „die unglaublichste Erfahrung gewesen“, die er je gemacht habe. Wenn er an all die „glücklichen Gesichter“ der Menschen denke, als sie erstmals über die Grenze durften, sei er immer noch dankbar, dass er das miterlebt habe.

Ein Redakteur bekommt Gänsehaut

Vorbei an Mauerresten, Gedenkkreuzen und Museen geht es ins bayerische Kronach. Friedwald Schedel, seit 1980 Redakteur beim „Fränkischen Tag“, ist waschechter Frankenwälder. Der Journalist war fast immer dabei, wenn 1989 und 1990 die rund zwei Dutzend Grenzübergänge im Landkreis geöffnet wurden. Es sei die arbeitsamste, aber schönste Zeit in seinem Berufsleben gewesen. Noch heute bekomme er Gänsehaut, wenn er an diese Zeit denke: „Damals wurde Weltgeschichte geschrieben.“ Die Züge waren so überfüllt, dass die Lokführer langsamer fahren mussten, erinnert sich Schedel. Die Waggons seien „doppelt und dreifach überfüllt“ gewesen. Kronach hat seit der Wende rund 3000 Einwohner verloren. Wer heutzutage an einem gewöhnlichen Nachmittag durch die einsamen Gassen schlendert, kann sich kaum vorstellen, dass genau hier vor 25 Jahren die Party des Jahrhunderts gefeiert worden ist.

Auf der letzten Tagesetappe liegt Mödlareuth. Geblieben sind Beobachtungstürme, Warnschilder, die Reste abgebrochener Gebäude, Grenzsteine, Suchscheinwerfer. Die Amerikaner nannten Mödlareuth „Little Berlin“, weil die Grenze mitten durch das Dorf verlief. Ein Teil der Betonsperrmauer ist sogar noch erhalten.

Heute passiert man die Grenze einfach so

Die letzten Kilometer – und ein letztes Mal über eine Landesgrenze, von Sachsen nach Bayern. Schließlich kommt Oberzech, das allerletzte Dorf auf der Biketour von Lübeck im hohen Norden bis in den äußersten Osten Bayerns. Auf den Gassen ist keiner zu sehen. Der Ort wirkt wie ausgestorben. Hier kann auch vor dem Mauerfall nicht weniger los gewesen sein.

Nur noch ein einziges Mal abbiegen: dann habe ich das Dreiländereck erreicht – hier grenzen Bayern, Sachsen und die Tschechische Republik aneinander. Unten in dem idyllischen Tal stehe ein Schild mit der Aufschrift „Staatsgrenze“, ein paar Schritte weiter das nächste Schild „Ceská republika“. Eine kleine Holzbrücke führt dort über einen Bachlauf. Wer sie passiert, ist im Nachbarland – einfach so, ohne Passkontrolle. Davon haben viele Menschen an der ehemaligen Grenze zwischen Nato und Warschauer Pakt einst nicht einmal zu träumen gewagt. Es ist inzwischen längst Alltag – und immer noch grandios.