StZ-Schulprojekt: Herberge der Demokratie Reden, zuhören und ein Problem gemeinsam lösen

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Was die Demokratie mit Journalismus und jedem einzelnen zu tun hat, erlebten rund 80 Neuntklässler aus Fellbach und Stuttgart in der „Herberge der Demokratie“ der Stuttgarter Zeitung.

Die StZ hat für die lange Nacht der Museen Podcasts produziert, die in der „Herberge der Demokratie“ zu hören waren. Foto: Lichtgut/Leif-H.Piechowski 16 Bilder
Die StZ hat für die lange Nacht der Museen Podcasts produziert, die in der „Herberge der Demokratie“ zu hören waren. Foto: Lichtgut/Leif-H.Piechowski

Stuttgart - Und jeden Morgen geht die Sonne auf. So selbstverständlich uns das erscheint, so selbstverständlich sei es für uns, in einer Demokratie zu leben, erklärt Thomas Schnabel den Schülerinnen und Schülern der 9a des Stuttgarter Hölderlin-Gymnasiums. Der ehemalige Leiter des Hauses der Geschichte weiter: „Das stimmt aber nicht. Die Demokratie ist fragil. Wir müssen jeden Tag etwas dafür tun, dass wir sie behalten können.“

Das ist nicht der schlechteste Grund, um eine Woche lang mit Schülern aus vier neunten Klassen (Kolping-Akademie Fellbach, Hölderlin-Gymnasium und Karls-Gymnasium Stuttgart) genau darüber zu sprechen: Was bedeutet uns die Demokratie? Was haben Journalisten damit zu tun? Und warum geht Demokratie jeden etwas an, auch wenn er oder sie noch gar nicht wählen darf?

„Deutschland geht den Bach runter“

Anlässlich der Langen Nacht der Museen hatte die StZ eigens eine „Herberge der Demokratie“ am Hans-im-Glück-Brunnen eingerichtet. Die StZ-Redakteure Armin Käfer, Carola Stadtmüller, Ingmar Volkmann, Mirko Weber sowie der Historiker Thomas Schnabel verwandelten den Ort nach der Museumsnacht in ein „Fliegendes Klassenzimmer der Demokratie“: Es wurde kontrovers diskutiert, debattiert und sehr aufmerksam zugehört.

Wer sich einbringt, blickt positiv in die Zukunft – das konnte man spüren. Die Jugendlichen erzählten aber auch von Ängsten, dass „Deutschland den Bach runter gehe“, so Tom (15 Jahre aus Fellbach). Und auch Wut machte sich breit. Louis (15 Jahre aus Fellbach) meinte: „Ich verstehe nicht, wie VW tausende Autos in der Wüste verrotten lassen kann, weil das Verschrotten zu teuer ist, und die Politiker schauen weg.“

Überhaupt: das Hinsehen und Wegschauen tauchte in der Diskussion häufig auf. Auch, was die Arbeit der Medien betrifft, über die sehr ausführlich diskutiert wurde. Der 15-jährige Julian aus Stuttgart fragte: „Warum wird tagelang berichtet, wenn in Paris Charlie Hebdo angegriffen wird, aber vom Jemenkrieg liest und hört man dagegen nichts?“

Die Klimademos sind ein guter Anfang

Man verstehe, dass sich Zeitungen verkaufen müssten, sagte Joni (15 Jahre aus Stuttgart), aber bedeute nicht die Jagd nach Schlagzeilen auch einen Verlust an Genauigkeit, weil jeder der Erste sein will und abschreibe, statt selbst zu prüfen? Armin Käfer, Titel-Autor der StZ, ermutigte die Jugendlichen, kritisch zu bleiben und „sich nichts auftischen zu lassen“. Er erklärte, wie er zu seinen Informationen kam, als er über das Attentat in Christchurch schreiben musste. Die StZ habe keinen eigenen Korrespondenten in Neuseeland, er habe auf seriöse Agenturberichte von dort zurückgreifen können.

Thomas Schnabel forderte die 14- bis 15-Jährigen auf, sich einzumischen, sowie sie das etwa bei den Klimademos täten. „Das ist ein guter Anfang“, meinte der Historiker. Er erzählte von seiner Politisierung, von den 1968ern – eine für Deutschland so wichtige Zeit, die den Jugendlichen aber kaum mehr etwas sagte. Einmischen aber wollen sie sich. Viele der Neuntklässler waren schon auf der Straße für mehr Klimaschutz. Die 15-jährige Hannah sagte: „Das reicht uns aber nicht. Ich versuche seit Wochen, weniger Kaffee aus Wegwerfbechern zu trinken, habe mit meiner Familie geredet, dass wir weniger Fleisch essen sollen und versucht, meinen Papa dazu zu bewegen, dass wir mit dem Zug an die Nordsee in Urlaub fahren.“ An letzterem sei sie bisher gescheitert, sagte sie, und legte die Betonung auf „bisher“. Das heißt soviel wie: „Papa, ich versuche es noch einmal!“