StZ-Sommerserie: Frühstück mit HG Merz Grüner Tee und rote Tinte

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Der Architekt HG Merz verbringt viel Zeit auf Reisen. Seine Vorliebe für feine Hochgewächse wird bei diesem Leben aus dem Koffer oft auf eine harte Probe gestellt.

Zuhause bevorzugt  HG Merz morgens Darjeeling First Flush, im Café tut es auch ein Beuteltee. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Zuhause bevorzugt HG Merz morgens Darjeeling First Flush, im Café tut es auch ein Beuteltee. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Bei Cappuccino und Honigbrötchen plaudert es sich locker und gemütlich. In unserer Serie „Frühstück mit . . .“ bitten wir in loser Folge Zeitgenossen aus dem Stuttgarter Kulturleben in einem Café ihrer Wahl zum Gespräch über Themen und Projekte, die sie gerade beschäftigen. Und natürlich über ihre Frühstücks­gewohnheiten: Tee oder Kaffee, Müsli oder Croissant? Der Architekt ist Nichtfrühstücker. Eine Tasse Tee, vorzugsweise Darjeeling First Flush – mild und hell –, das genügt ihm morgens. Für irgendwelche zeitraubenden Rührei-Rituale ist er zu früher Stunde zu nervös, „das muss nebenher laufen“. Viel folgt diesem frugalen Start in den Tag darum bis zum Abendessen auch nicht mehr, mit Ausnahme von Grüntee oder einem gelegentlichen Tässchen Espresso. Nur Sonntags gibt es nach dem Aufstehen „was Harmloses“ zu essen: ein Stück Brioche mit gesalzener Butter und Orangenmarmelade oder selbst­gekochtem „Erdbeergsälz“.

Touristische Eindrücke aus Nordkorea

Im Café Stöckle, das er gewählt hat, weil er es „unaufgeregt“ findet, lässt sich HG Merz dann aber doch zu einer Laugen­brezel überreden. Zum Runterspülen bestellt er Beuteltee, mit dem leicht gequälten Gesichtsausdruck des leidgeprüften Teetrinkers. Er ist viel unterwegs und hasst die Plörre aus lauwarmen Wasser und Lipton-Beutel, die einem im Hotel unweigerlich vorgesetzt wird. Gerade war er auf touristischer Erkundungstour eine Woche in Nord­korea und hat seine Eindrücke immer noch nicht verarbeitet: Führerkult natürlich und totale Kontrolle, wie nicht anders zu erwarten. Erschüttert hat ihn aber, dass es in Pjöngjang praktisch keine alten Viertel mehr gibt, dafür überall riesige Plattenbauten und neunspurige Straßen, „auf denen zur Rushhour so viel Verkehr herrscht wie bei uns um vier Uhr morgens“. Und dazwischen „mit einem Wahnsinnsaufwand“ hin­geklotzte Prunkbauten, die einen muffigen Retroschick verströmen. „Das Land wirkt wie aus der Zeit gefallen“, sagt er, „die Atmosphäre ist offen repressiv.“ Immerhin, der lokale grüne Tee, auf den er nach zwei Tagen Beutel-Pein umgestiegen ist, war halbwegs ­genießbar.

Seine Reiseleidenschaft ist Merz in all den Jahren seines Berufslebens trotzdem nicht abhanden gekommen. Nach China, wo er für Daimler mehrere Projekte plant, muss er seit drei Jahren häufig. In Peking ist gerade ein ­sogenanntes „Mercedes Me“-Zentrum im Bau, eine Art Showroom mit Café, in dem die fernöstliche Kundschaft das richtige Markenfeeling inhalieren soll. Das ebenfalls in Peking geplante Mercedes-Museum wird nach einigen Anlaufschwierigkeiten nun ebenfalls realisiert. Verständigungsprobleme (nicht nur sprachlicher Art) zwischen dem schwäbischen Autobauer und den örtlichen Partnern hatten bisher verhindert, dass das Projekt aus den Start­löchern kam.

Alte Häuser sind unberechenbar

Eigentlich, sinniert der Architekt, habe er nach den von seinem Büro gestalteten Ausstellungen für die beiden Automuseen in Stuttgart ja gedacht, dass er durch sei mit Benzinkutschen. Dieser Mobilitätsform gibt er mit Blick auf den Klimawandel und die verstopften Straßen keine große Zukunft. Davon lässt er sich auch von dem Umstand, dass alle Welt am liebsten in SUVs herumbraust, nicht abbringen: „Die Dinosaurier wurden auch immer größer, bevor sie ausgestorben sind.“

Mehr Kopfzerbrechen bereitet ihm gerade ein anderes „Monster“: die Staatsoper unter den Linden in Berlin. Seit 2010 sanierungshalber geschlossen und inzwischen im Jahr zwei nach der ursprünglich für 2013 geplanten Wiedereröffnung. Der erste Termin, verteidigt sich der Architekt, sei ein „rein politischer“ gewesen. „Alle wussten, dass der nicht zu halten ist.“ ­Alte Häuser seien nun einmal unberechenbar. HG Merz zückt einen Füllfederhalter und zeichnet mit roter Tinte auf die Serviette: Sechs Probebohrungen hatten ergeben, dass keine Pfahlgründung vorlag. Kaum hatten die Bauarbeiten begonnen, wurden im Bereich des neuen unter­irdischen Verbindungsbauwerks zwischen Oper und Probenzentrum – senkrechte Tintenstriche – doch alte Holzpfähle gefunden. Darum musste – Querstrich, Schraffuren – ein neues Fundament betoniert werden, das Zusatz­kosten und Bauzeit verschlang. Und in diesem Stil ging es weiter. Firmen-Insolvenzen, marode DDR-Bausub­stanz aus den fünfziger Jahren . . . HG Merz ist aber zuversichtlich, „dass wir noch vor dem Berliner Flughafen fertig werden“ – Übergabe spätestens 2016! Er ­lächelt.

Dann muss er sich verabschieden. Er hat noch einen Termin in Amsterdam. Auf dem ­Teller im Café Stöckle bleibt eine halbe Brezel zurück.




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