Subjektive Helligkeit Folgenreiche Lichtverschmutzung

Ein Blick aus dem All zeigt, dass es nachts ganz schön hell leuchtet auf der Welt. Foto: nasa
Ein Blick aus dem All zeigt, dass es nachts ganz schön hell leuchtet auf der Welt. Foto: nasa

Der Wohlstand macht die Nächte heller. Das hat Auswirkungen auf den Menschen und auch auf die Tiere auf der ganzen Welt. Forscher beschäftigen sich nun mit dem Phänomen der Lichtverschmutzung.

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Stuttgart - Die in das Feuer fliegen“ heißt die Übersetzung des Begriffes, den viele Menschen auf den Philippinen für „Nachtfalter“ verwenden. „Vor allem blauweißes Licht lockt diese Insekten an“, sagt Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle. In Südostasien verbrennen die Tiere dann oft im Feuer, in Mitteleuropa sammeln sie sich an der Straßenbeleuchtung. Auf eine Fledermaus muss eine so umschwirrte Laterne wie ein köstliches Büfett wirken. „In jeder Stunde lockt eine Straßenlampe im Extremfall bis zu tausend Nachtfalter an“, sagt Settele. Profitieren aber auch nachtjagende Fledermäuse davon?

„Das ist eine ambivalente Geschichte“, meint Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin. „Zwergfledermäuse tauchen in Städten häufiger auf“, erklärt der Forscher. Andere Arten könnten die nächtliche Beleuchtung dagegen eher meiden. Um die gesamten Auswirkungen zu untersuchen, bilden seit 2010 sechs Institute der Leibniz-Gemeinschaft, das Helmholtz-Zentrum in Halle und Leipzig, sowie die Freie und die Technische Universität Berlin im Auftrag des deutschen Wissenschaftsministeriums BMBF und des Berliner Senats einen Forschungsverbund, der diese „Lichtverschmutzung“ untersuchen soll.

Licht ist für den Menschen sehr wichtig

Franz Hölker vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin leitet das Projekt: „Das Auge ist das wichtigste Sinnesorgan des Menschen. Licht ist für uns daher nicht nur sehr wichtig, sondern wir werten es meist auch sehr positiv“, sagt der Ökologe. So verringert eine gute Beleuchtung nicht nur viele Unfallgefahren in der Nacht, sondern sie vermittelt den meisten Menschen auch ein größeres Gefühl von Sicherheit.

Je höher der Wohlstand, umso mehr Licht produziert eine Gesellschaft meist. „Die Stärke des nächtlichen Lichts ist daher ein gutes Maß für die Wirtschaftskraft“, erklärt IGB-Forscher Franz Hölker. Bei einem Blick aus dem Weltraum strahlen in der Nacht daher reiche Regionen wie die Nordostküste der USA und der Süden Kaliforniens, die Beneluxländer und Metropolen wie London, Paris, Berlin und Moskau am hellsten. Weil diese Lichterflut auch die Beobachtung der Sterne stört, haben Astronomen die störende Hintergrundstrahlung durch Straßenlaternen und Leuchtreklamen inzwischen gut vermessen. „Über den gesamten Globus gemittelt nimmt die nächtliche Beleuchtung jedes Jahr um rund sechs Prozent zu“, fasst Franz Hölker solche Beobachtungen zusammen.

Die Lichtglocke der Großstadtmenschen

Wo viel Licht ist, gibt es zwangsläufig aber auch Schatten. Erste Hinweise auf die dunklen Seiten der hellen Nächte fanden Mediziner, als sie die Gesundheit von Menschen untersuchten, die immer wieder Nachtschichten einlegen. „Diese Schichtarbeiter schlafen oft schlecht und haben häufiger Magen-Darm-Erkrankungen“, erklärt Franz Hölker. „In Israel haben Forscher sogar gezeigt, dass Männer in gut beleuchteten Gebieten häufiger Prostata-Krebs und Frauen häufiger Brustkrebs haben als in dunkleren Landesteilen“, berichtet der IGB-Forscher. Damit ist jedoch nicht bewiesen, dass nächtliches Licht krebserregend sein könnte. Schließlich pflegen die Großstadtmenschen unter ihrer Lichtglocke oft auch einen völlig anderen Lebensstil als Menschen auf dem dunklen Land. Andere Verhaltensweisen können die Gesundheit stark beeinflussen.

Zumindest zu Schlafstörungen aber können Wissenschaftler einiges sagen: Im Auge reagiert ein Melanopsin genanntes Pigment sehr stark auf blaues Licht, das nicht nur von der Sonne, sondern auch von hellen, weißen Lampen kräftig ausgestrahlt wird. Dieses Pigment wiederum arbeitet direkt mit der inneren Uhr von Menschen und Tieren zusammen, die im Gehirn sitzt und als „Masterclock“ bezeichnet wird, weil sie den Tagesrhythmus vorgibt. Ist es hell, bremst die Masterclock die Zirbeldrüse im Gehirn, die das Hormon Melatonin ausschüttet. Wird es dunkel, produziert der Körper viel mehr Melatonin, das müde macht und auch die wichtigen Tiefschlafphasen steuert. „Nächtliche Beleuchtung bringt den Rhythmus durcheinander und erklärt die Schlafstörungen, die Schichtarbeiter relativ häufig plagen“, sagt Hölker.

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