Suche nach Nachwuchs Das Handwerk hofft auf junge Flüchtlinge

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Viele Handwerksbetriebe suchen handeringend nach Nachwuchs. In dieser Lage setzt auch die Handwerkskammer der Region Stuttgart verstärkt auf Flüchtlinge als Azubis. Doch dafür müsse der Gesetzgeber zügig tätig werden, fordert Hauptgeschäftsführer Claus Munkwitz.

Selbst in bisher gefragten Metallberufen finden Betriebe oft keine Azubis. Foto: dpa
Selbst in bisher gefragten Metallberufen finden Betriebe oft keine Azubis. Foto: dpa

Stuttgart - Fast 900 noch offene Ausbildungsplätze hat die Handwerkskammer (HWK) Region Stuttgart zu Beginn des Ausbildungsjahres im September gemeldet. Insgesamt 39 dieser freien Stellen waren für Metallbauer. Rechnerisch betrachtet, hätte Djilali Hadj einen dieser Plätze besetzen können. Der 21 Jahre alte Marokkaner, der schon mit 13 Jahren aus seiner Heimat floh und über Spanien und Frankreich 2009 nach Deutschland kam, hatte sogar schon einen Lehrvertrag in der Tasche. Doch es klappte aus rechtlichen Gründen nicht: Hadj darf nicht arbeiten, weil er hier nur geduldet ist.

Bernd Bruchmann, sein potenzieller Lehrmeister, Chef der Möhringer Schlosserei Kurt Beck, hat alles getan, Djilali Hadj den Berufsweg zu ebnen. Er hat dem jungen Mann eine exzellente Beurteilung geschrieben, seinen Lerneifer, seine Arbeitsmoral, seine Freundlichkeit und seine guten Deutschkenntnisse gelobt. Doch selbst zwei Eingaben bei der Härtefallkommission für den 21-Jährigen, der nach der Ablehnung seines Asylantrages nur als Geduldeter hier lebt, haben nichts genutzt.

Handwerkskammer setzt sich für Geduldete ein

Am 7. Januar sollte für den Metallbauerlehrling in spe der Blockunterricht in der Robert-Mayer-Berufsschule beginnen, doch daraus wird nichts. „Djilali Hadj könnte längst in Lohn und Brot stehen, aber ich darf ihn nicht beschäftigen“, sagt Bernd Bruchmann. „Es ist nicht zu fassen – man kann nur den Kopf schütteln.“

Nicht anders geht es Claus Munkwitz, dem Hauptgeschäftsführer der HWK. „Der junge Mann ist hervorragend integriert“, stellt Munkwitz fest, weshalb die Kammer den Ausbildungsvertrag von Djilali Hadj auch bereits im Mai genehmigt hatte. Inzwischen hat sich die HWK für den jungen Mann, der sich selbst nicht äußern will, auch in Schreiben an den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und an Oberbürgermeister Fritz Kuhn verwendet.

Wer Leistungswille zeigt, soll bleiben dürfen

Für Claus Munkwitz ist der Fall Hadj ein Beispiel für eine im Umgang mit Flüchtlingen verfehlte Politik. „Jeder, der sich hier gut eingelebt hat, der seinen Willen zur Qualifizierung und seine Leistungsbereitschaft unter Beweis gestellt hat, sollte ein Bleiberecht bekommen“, fordert der HWK-Hauptgeschäftsführer. Schon in der Herbstsitzung der Vollversammlung hatte Kammerpräsident Rainer Reichhold einen „Paradigmenwechsel“ in der Ausländerpolitik gefordert, wozu gehöre, dass aufenthaltsrechtliche Einschränkungen für jugendliche Flüchtlinge weiter abgebaut werden müssten und es keine Abschiebungen während einer Ausbildung geben dürfe.

Claus Munkwitz nennt die aktuellen Regelungen „halbherzig und mutlos“. Dass man die vielen Potenziale von Flüchtlingen brachliegen lasse, sei „sozial und wirtschaftlich ein Wahnsinn“. Zumal die Erfahrung zeige, dass gerade aus Syrien „teils hochmotivierte und hervorragend vorgebildete Menschen zu uns kommen“.

Ein Förderprojekt aus Bayern als Vorbild

Vom Land wünscht sich das Handwerk hier mehr Unterstützung. Was Claus Munkwitz damit genau meint, erläutert er an einem Beispiel aus Bayern. Bei der Handwerkskammer für München und Oberbayern gibt es seit August ein Projekt namens Ausbildungsakquise für das Handwerk, das sich an berufsschulpflichtige junge Flüchtlinge wendet. Für sie wurden spezielle Klassen eingerichtet, bei der Kammer nehmen sich zwei sogenannte Ausbildungsakquisiteure der jungen Leute an. 90 Prozent der Kosten trägt das Land Bayern.

„So etwas brauchen wir auch, um Asylbewerber in die Ausbildung zu bringen“, sagt Claus Munkwitz. Der Hauptgeschäftsführer ist überzeugt, dass diese „dankbar und froh sind, wenn man ihnen die Hand reicht“. Wenn man bedenke, mit welchen Anstrengungen, aber mäßigem Erfolg das Handwerk versuche, etwa junge Leute aus Spanien nach Deutschland zu holen, dann verspricht sich Munkwitz von der Werbung um Flüchtlinge bessere Ergebnisse.

Die Integration der Flüchtlinge braucht Zeit

Christoph Karmann, der bei der HWK in München für das Projekt zuständig ist, bestätigt die Einschätzung. „Der Wille der jungen Flüchtlinge, Deutsch zu lernen, ist sehr groß, die wollen sich schnell eingliedern und unterkommen.“ Auch Christoph Karmann sieht deshalb gute Chancen für die Betriebe, aus diesem Kreis von Jugendlichen Nachwuchs zu gewinnen.

Allerdings macht er auch deutlich, dass dies wohl nicht immer so schnell gehe wie von beiden Seiten gewünscht. „Das braucht seine Zeit“, sagt Karmann, auch wegen der bestehenden „interkulturellen Unterschiede“. Jedenfalls hat man das anfangs auf ein Jahr angelegte Schulmodell bereits auf zwei Jahre ausgeweitet. Und neben dem Spracherwerb und der Ausbildungsreife sei auch ein sicherer Aufenthaltsstatus wichtig. Erst im Februar und dann im September, wenn die ersten Praktika beziehungsweise die ersten Lehrstellen vergeben werden, könne man über den Verlauf des Projekts mehr sagen, so Karmann.

Agentur vergibt Arbeitserlaubnisse

Claus Munkwitz ist indessen schon froh, dass durch den jüngsten Asylkompromiss für die Arbeitsaufnahme von Flüchtlingen wenigstens eine „gewisse Erleichterung“ vereinbart wurde. In der Abteilung Integration der Landeshauptstadt hat man aber festgestellt, dass diese noch nicht wirken. Neben zunächst fehlenden Sprachkenntnissen haben die Asylbewerber oft das Problem, dass Qualifikationen, so vorhanden, nicht oder „meist nur teilweise anerkannt werden“, sagt Gari Pavkovic, der Leiter der Abteilung Integration. Und das Hauptproblem ist, das haben ihm Träger wie die Caritas mitgeteilt, dass die Agentur für Arbeit aufgrund des sogenannten Nachrangprinzips nur sehr restriktiv Arbeitserlaubnisse an Flüchtlinge vergibt. Diese dürfen nun zwar schon nach drei Monaten eine Arbeit aufnehmen, dies geht allerdings nur dann, wenn sich kein deutscher oder EU-Bürger dafür findet. Erst nach 15 Monaten haben sie einen uneingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt.

Landeshaupt schafft mehr Jobs für Flüchtlinge

In dieser Situation ist die Stadt dabei, die gemeinnützigen Arbeitsgelegenheiten für Flüchtlinge noch weiter zu erhöhen. Schon in den vergangenen Jahren wurden diese von 35 auf nun knapp 200 Plätze aufgestockt, in diesem Jahr soll diese Zahl auf 300 steigen. „Das ist ein nie dagewesener Umfang“, sagt Sozialamtsleiter Stefan Spatz. Die Asylbewerber können etwa als Hausmeisterassistenten in den Unterkünften tätig werden oder in Sozialunternehmen bei Reinigungsarbeiten in Parks, in Sozialkaufhäusern, in der Fahrradreparatur und bei der Schwäbischen Tafel. Pro Stunde erhalten sie zusätzlich zu ihrer Unterstützung einen Euro. Auf diese Weise fänden Flüchtlinge nicht nur eine Beschäftigung, sagt Stefan Spatz, „sie werden auch in der Gesellschaft sichtbar.“

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