Suche nach Pflegefamilien wird schwieriger Auf der Suche nach Familien auf Zeit

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Pro Jahr vermittel der Pflegekinderdienst Göppingen rund 30 Kinder. Die meisten Jungen und Mädchen haben schon in frühen Jahren Gewalt erlebt.

Kleine Kinder haben noch am ehesten die Chance, vom Pflegekinderdienst im Göppinger Landratsamt in eine Pflegefamilie vermittel zu werden. Foto: dpa
Kleine Kinder haben noch am ehesten die Chance, vom Pflegekinderdienst im Göppinger Landratsamt in eine Pflegefamilie vermittel zu werden. Foto: dpa

Göppingen - Auch wenn Kinder Meister in der Anpassung und regelrechte Überlebenskünstler sind, damit sie sich gesund entwickeln können, benötigen sie doch Liebe, Geborgenheit, Sicherheit und Orientierung. Mit diesen Eckpunkten beschreibt der Pflegekinderdienst im Kreisjugendamt Göppingen die Anforderungen, denen sich Eltern täglich stellen, die sich zur Versorgung eines Pflegekindes entschlossen haben. Pro Jahr suchen rund 30 Kinder im Kreis Göppingen eine neue Familie auf Zeit, und es wird offenbar immer schwieriger, sie unterzubringen.

Welle der Betroffenheit ausgelöst

Cornelia Schrag vom Pflegekinderdienst hat deshalb gemeinsam mit ihren Kolleginnen auf unkonventionelle Art für ihr Anliegen geworben. In ihrer jüngsten Pressemitteilung stellte die Sozialpädagogin die anonymisierten Schicksale von vier Kleinkindern vor und löste damit eine Welle der Betroffenheit aus. „Noch nie haben wir so viele Anrufe von potenziellen Pflegefamilien erhalten wie nach diesem Aufruf“, berichtet Schrag und beteuert, dass es ihr fern liege, mit dem Schicksal der Kinder Schlagzeilen provozieren zu wollen. Bei der Vermittlung von Pflegekindern handle es sich vielmehr um eine höchst sensible Aufgabe, erklärt Cornelia Schrag, und man nimmt es der zweifachen Mutter ab, dass sie sich lieber diskret um die Belange ihrer Schützlinge kümmert, für die sie von Amtswegen verantwortlich ist.

Die leiblichen Eltern sind mit Anja überfordert

Allerdings gerät Schrag zusammen mit ihren drei Fachkolleginnen bei der Suche nach der passenden Pflegestelle immer wieder unter Zeitdruck, wie das Beispiel der einjährigen Anja zeigt. Das Mädchen leidet unter körperlichen Einschränkungen und benötigt deshalb eine intensive Förderung im motorischen Bereich. Hier sollte keine Zeit verloren gehen, und weil die leiblichen Eltern die regelmäßigen Arzttermine und die krankengymnastische Förderung des Mädchens nicht bewerkstelligen können, müsste das Kind schleunigst in eine engagierte Pflegefamilie kommen, die sich auf Dauer um die kleine Anja kümmern kann.

Junge Mütter haben meist keine Zeit für Pflegekinder

Wer ein Kind in Pflege nehmen möchte, sollte neben Geduld und Einfühlungsvermögen in die Bedürfnisse des Kindes vor allem auch genügend Zeit für die Erziehung mitbringen, sagt Schrag. Da aber gerade junge Mütter heute nach einer immer kürzeren Familienphase zurück in den Beruf streben, können sich diese Frauen die Betreuung eines weiteren Kindes meist nicht vorstellen, denn der eigene, häufig noch sehr junge Nachwuchs fordert sein Recht.

„Pflegekinder brauchen die passende Familie und nicht umgekehrt“, erklärt Schrag und macht sich damit zur Anwältin der Kinder, die oft durch Gewalt traumatisiert sind. Vermutlich trifft das auch auf den zehn Monate alte Paul zu, bei dem noch gar nicht geklärt ist, welche körperliche und geistige Entwicklung er künftig nehmen wird. Solche Unsicherheiten und die immer über Pflegeverhältnissen schwebende Frage, ob und wann das Kind zu den leiblichen Eltern zurückgeführt werden muss und kann, erschweren Schrags Vermittlungsarbeit.

Herkunfts- und Pflegefamilie leisten Großes

Die Sozialpädagogin lässt keinen Zweifel daran, dass bei allem, was sie tut das Wunsch- und Wahlrecht der Eltern an oberster Stelle steht, denn die Eltern dürfen in den meisten Fällen mitbestimmen, welche Pflegefamilie sich um ihr Kind kümmern soll. Schon vor einer Vermittlung führt Schrag die leiblichen und die potenziellen Pflegeeltern in der Hoffnung zusammen, dass die Chemie zwischen ihnen stimmt. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für eine oft Jahre währende intensive Zusammenarbeit. Schrag wirbt auch für ein neues Verständnis solcher Pflegeverhältnisse: „Die Herkunfts- und die Pflegefamilie leisten hier wirklich Großes. Es ist ein Geschenk an das Kind und zeugt von viel Liebe, wenn Eltern ihr Kind in eine Pflegefamilie ziehen lassen“,sagt sie voller Überzeugung. Oft seien es Multiproblemlagen, eine junge Elternschaft, die fehlende soziale Verankerung, eigene schwierige biografische Erfahrungen und immer häufiger auch psychische Erkrankungen, die Eltern veranlassten, Hilfe beim Pflegekinderdienst zu suchen, erklärt Schrag.

Schulung für Pflegefamilien

Wer sich überlegt, ein Pflegekind aufzunehmen, wird in ausführlichen Vorbereitungsseminaren geschult, die der hiesige Pflegekinderdienst anbietet. Dabei werden insbesondere die Stärken und Grenzen einer Pflegefamilie in spe sondiert, für die auch klar sein sollte, dass es sich hier um ein Ehrenamt handelt, das lediglich mit einem Taschengeld honoriert wird. Auch während eines Pflegeverhältnisses stehen Cornelia Schrag und ihr Team den Pflegeeltern beratend zur Seite, sie begleiten die Eingewöhnungszeit und vermitteln Weiterbildungsangebote.

Der Kreis bezahlt 17,3 Millionen Euro für die Jugendhilfe

Belastung

Die Jugendhilfe im Kreis Göppingen sei einer hohen Belastung ausgesetzt, sagt der Leiter des Kreisjugendamtes, Lothar Hilger. So liege der Anteil der unter ­18-jährigen Hartz-IV-Empfänger bei 8,1 Prozent. Das ist der drittschlechteste Wert aller 35 Landkreise in Baden-Württemberg. Beim Anteil der Arbeitslosen unter 25 Jahren ist der Kreis Schlusslicht.

Kosten

Der größte Brocken am Kreisetat fällt auf den Teilhaushalt Jugend und Soziales. In diesem Jahr sind allein für die Jugendhilfe rund 17,3 Millionen Euro eingeplant. Pro jugendlichem Einwohner gibt der Kreis im Jahr durchschnittlich 313 Euro aus, im Landesschnitt sind es 320 Euro.

Hilfe

Neben zahlreichen ambulanten Angeboten gibt es Vollzeitpflege und Heimerziehung. Kinder bis etwa neun Jahren können meist in Pflegefamilien vermittelt werden, ältere werden meist in Heimen großgezogen. com