Das Diakonische Werk Baden beschäftigt sich mit der „Sucht im Alter“. Medikamente stellen dabei das größte Problem dar.

Karlsruhe - So viele Vorurteile: Alkoholiker, das sind die Penner, die auf den Straßen herumlungern und mit versoffener Stimme herumkrakeelen. Süchtige: Das sind die Jugendlichen, Langhaarige oder Punker, die an der Nadel hängen und zugedröhnt auf der Straße herumliegen. Sucht im Alter - das ist dagegen immer noch ein Tabuthema, das es eigentlich gar nicht gibt.

Die Realität ist eine andere. In einer Befragung hat das Diakonische Werk Baden jetzt in 250 Altenhilfeeinrichtungen im Stadt- und im Landkreis Karlsruhe nachgehakt: in Pflegeheimen, Tagespflegeeinrichtungen, bei Betreutem Wohnen und Pflegediensten: "Erfreulich war das Ergebnis, dass das Problem beim betreuenden Personal durchaus gesehen wird", sagte Martin Beutel, Chefarzt der Kraichtalkliniken, der an der Befragung beteiligt war.

Suchtmittel Nr. 1: Medikamente

In über 80 Prozent aller Einrichtungen wird das Personal immer wieder damit konfrontiert. Das Problem wird vor allem spürbar an der zunehmenden Isolierung der alten Menschen, aber auch an der Verwahrlosung. Oft ist der Auslöser ein Schicksalsschlag, ein Verlust: der Tod des Ehepartners, der Verlust des normalen Alltags mit dem Arbeitsplatz, wenn man in Rente geht.

Medikamente sind das Hauptsuchtmittel. Ältere Menschen haben sich oft an Schmerz-, Beruhigungs- oder Schlafmittel gewöhnt: "Fünfzig Prozent aller in Deutschland verschriebenen Medikamente gehen an Personen über 60 Jahren", berichtet Beutel. Alkohol steht an zweiter Stelle. Und wie eine anonym bleiben wollende Frau aus dem Karlsruher Freundeskreis, einer schon lange bestehenden Selbsthilfegruppe für Suchtkranke und Angehörige, berichtete, "nimmt die Internetspielsucht und die Fernsehsucht bei älteren Menschen fast sprunghaft zu". Es kommt aber darauf an, wo man sich befindet: In Heimen, die eine strenge Hausordnung haben, ist Alkohol- oder Zigarettensucht nicht so ein Thema wie in der ambulanten Pflege, wo die Älteren nur zeitweise betreut werden und leichter an ihren Stoff kommen. 

Frauen von Armut betroffen.

Neben gesundheitlichen Folgen treten auch soziale und finanzielle auf, denn Sucht kostet. Altersarmut ist vor allem bei Frauen keine Seltenheit, Sucht verstärkt sie. "Wichtig ist vor allem die Frühintervention", sagt Beutel: "Immer früher die Sucht zu erkennen, am besten, wenn sie noch nicht stark ausgeprägt ist, um sofort helfend eingreifen zu können." Und sich auch um die Angehörigen zu kümmern: "Denn auch sie leiden, auch sie sind gefährdet, auch sie brauchen Unterstützung."

So bietet die Physiotherapeutin Karin Heidt vom Stadtseniorenrat bei Hausbesuchen auch Angehörigen Massagen oder andere Anwendungen an: "Und oft ergibt sich daraus ein Gespräch. Sie fangen an, sich zu öffnen und reden über ihre Probleme. Es dauert aber sehr lange, bis das passiert."

Wer hilft?

Es gibt viele Stellen, die sich um das Problem kümmern: Seniorenbüros, die Evangelische Sozialstation, Suchtberatungsstellen. Alle Einrichtungen eint das Bedürfnis, sich gegenseitig und die Ansätze der anderen, ihre Konzepte, mit Sucht umzugehen besser kennenzulernen. Sie haben ein Bedürfnis, mehr Fortbildungen machen, um einen präziseren Blick auf die alten Menschen werfen zu können. "Und das lohnt sich, denn die Prognose ist bei älteren Menschen besser als bei jüngeren", sagt Beutel. "Denn sie wissen, dass sie nur noch wenige Jahre haben, und die wollen sie eigentlich selbstbestimmt und in Würde leben."

Die Befragung ist ein Schritt in einem dreijährigen landesweiten Pilotprojekt, in dem alle Stellen zusammengeführt, eigene Untersuchungen und Projekte unterstützt, mit Beiräten und Runden Tischen Strukturen zusammengebracht, Informationen ausgetauscht und gezielte Schulungsmaßnahmen entwickelt werden sollen.

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