Suchthilfe in Stuttgart Praxis sucht immer noch nach neuen Räumen

Es fehlt an Subsitutionsplätzen in Stuttgart. Foto: Michael Steinert
Es fehlt an Subsitutionsplätzen in Stuttgart. Foto: Michael Steinert

Die Drogensubstitution bleibt ein Problemfeld in Stuttgart. Eine der Suchthilfepraxen, die sich eine neue Bleibe suchen muss, hat noch immer keine Ersatzräume gefunden. Nun werden als Übergangslösung Container aufgestellt.

Lokales: Mathias Bury (ury)
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Stuttgart - Es ist ein Wechselbad der Gefühle, das die Verantwortlichen der Drogenhilfe in Stuttgart seit einigen Wochen durchleben. Wie berichtet, muss die lange Jahre an der Schwabstraße im Stuttgarter Westen beheimatete Substitutionspraxis Schnaitmann, Trein, Schaffert und Beck sich neue Räume suchen, weil ihr Vermieter den Vertrag nicht weiter verlängert. Anfang Oktober verbreitete sich die Hiobsbotschaft, dass dadurch zum Jahresende die Versorgung von gut 200 suchtkranken Patienten gefährdet sei. Das ist immerhin knapp ein Viertel aller in Stuttgart insbesondere mit dem Ersatzstoff Methadon substituierten Abhängigen. Mitte November kam dann die vermeintlich erleichternde Nachricht, die Gemeinschaftspraxis habe neue Räume für ihre Arbeit gefunden.

Doch man hatte sich zu früh gefreut. Wie sich herausstellte, ist das Mietverhältnis zuletzt doch nicht zustande gekommen. Was also tun so kurz vor dem Auslaufen des alten Mietvertrags? Um den Wegfall so vieler Substitutionsplätze mit gravierenden menschlichen wie gesellschaftlichen Folgen zu verhindern, wird es für maximal ein Jahr eine Übergangslösung mit einem oder mehreren Arztcontainern am städtischen Gesundheitsamt an der Ecke Schlossstraße/ Senefelder Straße im Westen geben. „Wir denken, dass wir von Februar an die Substitution in den Containern am Gesundheitsamt weiterführen können“, sagt der Suchtmediziner Eiko Schnaitmann. Trotz intensiver Suche habe man derzeit keine neue Immobilie in Aussicht. „Wir können aber bis Ende Januar in den jetzigen Praxisräumen bleiben“, so Schnaitmann.

Psychosoziale Betreuung wir angeboten

Erleichtert ist auch Sozialbürgermeister Werner Wölfle (Grüne), der die Containerlösung am Gesundheitsamt befördert hat. Er geht nach den bisherigen Erfahrungen davon aus, dass man das Substitutionsangebot „trotz einer gewissen Konzentration anwohnerfreundlich hinkriegen wird“. In Räumen des Gesundheitsamts substituiert nämlich der Suchtmediziner Andreas Zsolnai jetzt schon rund 150 Suchtpatienten. Die geplanten Container werden nicht weit entfernt vom Eingang in Zsolnais Suchthilfepraxis im Hinterhof an der Senefelder Straße stehen. Wölfle ist überzeugt: „Das wird so geräuschlos laufen wie in der Praxis an der Schwabstraße.“

So werde man die Praxiszeiten im Container auf wenige Stunden am Morgen und am Abend begrenzen, sagt der Sozialbürgermeister. Und die Patienten der provisorischen Praxis sollen wie die Substituierten von Andreas Zsolnai eine psychosoziale Betreuung durch die Suchtberatungsstelle Release erhalten, welche diese im Gesundheitsamt anbietet. „Das haben diese Patienten bisher noch nicht“, so Wölfle. Und der Bürgermeister wünscht der Praxis Schnaitmann, Trein, Schaffert und Beck „einen schnelle Erfolg bei der Raumsuche“.

Es fehlen Räume und Ärzte

Laut Wölfle gibt es in Stuttgart rund 800 Substitutionsplätze, etwa 1000 wären nötig. Angesichts einer sinken Zahl von Suchtmedizinern arbeitet der Bürgermeister daran, dass auch das Klinikum der Stadt in die Substitution einsteigt, um so eine gewisse Entlastung zu schaffen. Wölfle: „Die Gespräche mit den Kassen laufen. Doch das geht nicht von heute auf morgen.“

Raumprobleme wie diese habe die Heroinsubstitution nicht nur in Stuttgart. Solche gebe es in der Region auch in Sindelfingen, Göppingen und Ulm, hat der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW), Johannes Fechner, unlängst erklärt. Das mache ihm „gewaltige Sorgen“.

Auch sei es zunehmend schwierig, für die Drogensubstitution junge Ärzte zu finden. Derzeit gebe es in Baden-Württemberg rund 9500 Substitutionspatienten. Sie werden von 220 Suchtmedizinern betreut. Das seien früher mehr gewesen, so Fechner. „Seit ein, zwei Jahren verschärft sich die Lage.“ Etwa 40 Prozent der Patienten seien gut eingestellt, hätten oft Familie und Arbeit.

Wenn dieser Personenkreis ihren Ersatzstoff nicht mehr bekäme, würden die Betroffen rückfällig und wieder straffällig. Ganze Familien stürzten dann ins Unglück. Deshalb sei die Drogensubstitution eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, so Fechner.




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