Suchtprävention Kreis Esslingen „War nie leichter, an Drogen zu kommen“ – Kokain und Mediensucht nehmen zu

Soziale Medien können süchtig machen. Das Handy hat viele Funktionen und ist fast immer verfügbar. Foto: Imago

Das Suchtverhalten verändert sich – auch im Kreis Esslingen. Während Alkohol und Tabak bei Jugendlichen an Bedeutung verlieren, treten neue Risiken in den Vordergrund.

Der Konsum von Alkohol und Tabak nimmt bei Jugendlichen immer mehr ab. Hatten im Jahr 2001 noch rund 80 Prozent der unter 18-Jährigen mindestens einmal jährlich Alkohol getrunken, liegt dieser Anteil heute bei unter 50 Prozent. Beim Rauchen ist der Rückgang sogar noch ausgeprägter: Von etwa 30 Prozent ist der Anteil auf rund sieben Prozent gesunken. Auch bei Erwachsenen ist diese Entwicklung erkennbar. Allerdings sind die Zahlen beim Alkoholkonsum nach wie vor sehr hoch. „Fast 20 Prozent der Erwachsenen haben einen riskanten oder schädlichen Alkoholkonsum“, sagt Christiane Heinze, die Beauftragte für Suchtprävention des Landkreises. Von Entwarnung kann also keine Rede sein.

 

„Die Einstiegsdrogen sind heute genauso wie früher in erster Linie Alkohol und Rauchen“, sagt sie. Bei Jugendlichen sind vor allem E-Zigaretten, sogenannte Vapes, beliebt. Neu und besonders auffällig ist der steigende Konsum von Kokain. „Wir erleben seit einiger Zeit einen deutlichen Anstieg in diesem Bereich bei jungen Erwachsenen. Das ist ein bundesweiter Trend, der auch in der Beratungsstelle Sucht und Prävention im Landkreis wahrgenommen wird“, berichtet die Präventionsbeauftragte.

Nicht nur Substanzen machen abhängig: Verhaltenssüchte legen zu

„Drogen sind über das Internet so leicht verfügbar wie noch nie“, erklärt Christiane Heinze. Aber nicht nur die Einnahme von Substanzen, sondern auch Verhaltensweisen können in eine Abhängigkeit führen. „Medienkonsum, Glücksspiel und andere Verhaltenssüchte haben stark zugenommen“, sagt die Expertin. Die Schnelllebigkeit und der Leistungsdruck unserer Zeit erhöhen allgemein den Stress und würden so anfälliger für Suchtverhalten machen. „Die Bewältigung von schwierigen Lebenssituationen ist ein Konsummotiv, das häufig vorkommt “, so Christiane Heinze.

Suchtprävention richtet sich vor allem an junge Menschen, da der Einstieg häufig in dieser Lebensphase erfolgt. „Aber auch Erwachsene sind eine Zielgruppe für suchtpräventive Ansätze“, sagt Christiane Heinze. Gerade in kritischen Lebensphasen, beispielsweise beim Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand, kann der Konsum von Suchtmitteln zu einer Bewältigungsstrategie werden und Menschen abhängig machen. Wirkungsvolle Prävention setzt deshalb bei den Motiven an, die hinter dem Konsum stecken. „Es geht zwar auch um Aufklärung über die jeweiligen Substanzen. Im Mittelpunkt der Prävention müssen aber auch Fragen stehen, wie gehe ich mit meinen Bedürfnissen um? Welche Alternativen habe ich und wer unterstützt mich, wenn es schwierig wird?“, betont Christiane Heinze.

Was Eltern tun können: Vor allem ein gutes Vorbild sein

Vor allem die digitalen Medien fordern die Präventionsarbeit heraus. „Die hohe Verfügbarkeit von Handys mit all ihren Funktionen und Möglichkeiten, Bedürfnisse zu befriedigen, ist wirklich eine große Herausforderung– für Jugendliche ebenso wie für Erwachsene“, so Heinze. Der richtige Umgang mit digitalen Medien ist deshalb seit vielen Jahren ein zentrales Thema der landkreisweiten Suchtprävention. Die Angebote setzen bereits in Kitas und Grundschulen an. Dabei geht es weniger um starre Regeln als um Haltung. Eltern werden ermutigt, ihren eigenen Medienumgang zu reflektieren und gemeinsam mit ihren Kindern Lösungen zu entwickeln. Dabei spielt auch die Vorbildfunktion eine zentrale Rolle.

Elternarbeit im Fokus: Erfolgreiche Online-Abende seit 2020

Eltern nehmen bei der Suchtprävention im Kreis Esslingen eine Schlüsselposition ein. Sie tragen Erziehungsverantwortung, begleiten ihre Kinder und können frühzeitig Hilfestellungen einleiten. Neben Schulprogrammen wie „Future for all” setzt der Landkreis deshalb gezielt auf Elternarbeit. Seit 2020 wird mit großem Erfolg eine Reihe von Online-Elternabenden angeboten. Die Themen reichen von Medienerziehung über Alkohol und Cannabis bis hin zu Vapes und Essstörungen.

Ein weiterer Fokus liegt auf Gruppendynamiken. Gerade in der Jugend spielen Zugehörigkeit und Abgrenzung eine große Rolle. „Die Clique ist für Jugendliche auf dem Weg ins Erwachsenwerden sehr wichtig“, erklärt Christiane Heinze. Entsprechend werden Jugendliche aktiv eingebunden, beispielsweise als Peers in Schülermultiplikatoren-Seminaren oder im Peer-Projekt an Fahrschulen. Peers bezeichnet grob umrissen Personen aus dem persönlichen Umfeld, die sich in einer ähnlichen Lebenssituation befinden – zum Beispiel Klassenkameraden.

Selbstwertgefühl kann Jugendliche vor der Sucht schützen

„Ein stabiles Selbstwertgefühl ist ein zentraler Schutzfaktor gegen Sucht“, betont die Expertin. Es entwickelt sich in der Regel im sozialen Umfeld, also in der Familie, in Kitas, Schulen oder Vereinen. Grundlage ist das Bewusstsein über die eigenen Fähigkeiten sowie die Anerkennung durch Erwachsene und Gleichaltrige. „Jugendliche erleben es als förderlich, wenn ihnen etwas zugetraut wird oder wenn sie Verantwortung übernehmen dürfen“, sagt die Präventionsbeauftragte.

Auch kulturelle Einflüsse spielen eine Rolle. In der Präventionsarbeit stehen deshalb aktuelle Strömungen wie etwa Rap im Fokus. Eltern und Fachkräfte setzen sich bewusst mit diesen Inhalten auseinander, um die Motive und Lebenswelten der Jugendlichen besser zu verstehen.

Suchtvorbeugung

Erfolgsprojekt
Das beliebteste Suchtpräventionsprojekt im Landkreis Esslingen ist „Future for all“. Pro Jahr werden etwa 80 Veranstaltungen durchgeführt, bei denen laut Landratsamt mehr als 2000 Schülerinnen und Schüler sowie rund 150 Eltern erreicht werden. Vor 25 Jahren entwickelten Fachkräfte der Kriminalprävention der Polizeidirektion Esslingen gemeinsam mit der Beauftragten für Suchtprävention im Landkreis und den Kooperationspartnern der Wilden Bühne dieses mehrfach ausgezeichnete Konzept. Die Referentinnen und Referenten sind ehemals suchtkranke Menschen, die in Theaterpädagogik ausgebildet und speziell auf dieses Projekt vorbereitet wurden.

Legalisierung
Ein im April 2024 in Kraft getretenes Gesetz hat den Konsum von Cannabis teilweise legalisiert. Christiane Heinze, die Beauftragte für Suchtprävention im Landkreis Esslingen, bewertet es positiv, dass erwachsene Konsumenten durch die Entkriminalisierung mittlerweile eher Hilfe in Anspruch nehmen. Gleichzeitig sieht sie fachlichen Nachbesserungsbedarf, insbesondere im Bereich der Frühintervention für junge Konsumierende. In der Präventionskette sei eine Lücke entstanden, da bewährte Angebote derzeit nicht mehr über die Justiz zugewiesen werden können.

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