Südkorea bricht auseinander Die dunkle Seite des Corona-Primus
Südkorea hat es hervorragend durch die Pandemie geschafft. Doch der Preis ist hoch: heute ist das Land sozial so zerrissen wie lange nicht. Es gärt im Volk.
Südkorea hat es hervorragend durch die Pandemie geschafft. Doch der Preis ist hoch: heute ist das Land sozial so zerrissen wie lange nicht. Es gärt im Volk.
Heute ist es mal richtig ruhig hier“, sagt Kim So-yeon und deutet zur vollgesteckten Pinnwand im Eingangsbereich: „Sie sind jetzt alle draußen und protestieren.“ Rund 20 Arbeiterinnen und Arbeiter übernachteten die letzten Tage hier, in der nicht offiziellen Zentrale des nationalen Klassenkampfs, um die nächste große Demonstration zu organisieren. „Bei einem Subunternehmen des Konzerns Daewoo Shipbuilding wurden einfach so die Löhne um 30 Prozent gekürzt, obwohl deren Geschäft gut läuft. Das können wir uns nicht gefallen lassen! Sonst geht es nur so weiter!“
Kim So-yeon, eine Frau mit schulterlangen Haaren, einer lockeren Jeans und rauen Händen, lächelt bitter und versucht, nicht zu brüllen. „In diesem Land muss man sich alles hart erkämpfen, geschenkt kriegt man hier gar nichts“, sagt die 52-jährige und bereitet sich an der Maschine eine Tasse Kaffee zu. Es sind harte Tage. Kim ist die Leiterin des Hauses „Cool Jam“ im Zentrum von Seoul.
Dieses fünfstöckige Gebäude mit 50 Schlafplätzen und mehreren Büros wurde durch Spenden finanziert und soll es den Arbeitern im ganzen Land ermöglichen, sich in der ökonomisch und politisch übermächtigen Hauptstadt Seoul zu versammeln. Angestellte bei Zeitarbeitsfirmen bekommen Gratiskaffee, Schichtarbeiter können hier schlafen, wenn es freie Plätze gibt. „Wir sind für alle da, die Hilfe brauchen“, sagt Kim So-yeon. „Davon gibt es immer mehr, vor allem seit der Pandemie.“
Dieser Satz mag überraschen. Ist Südkorea nicht zum bewunderten Vorbild der Welt geworden, seit Covid-19 um den Globus wütet? Schließlich hat kaum ein Land die Pandemie mit weniger Kranken und Todesfällen überstanden. Nach einem rasanten Ausbruch Anfang 2020 gelang es der Regierung, durch radikale Desinfektionskampagnen, Massentests, ein effektives Trackingsystem und strenge Quarantäneregeln die Infektionen pro Kopf geringer zu halten als die meisten anderen Industriestaaten.
Südkorea zeigte offenbar, wie es geht: Das ostasiatische Land stellte schnell Testkits und medizinische Masken im großen Stil her. Nach anfänglicher Verspätung bei der Impfkampagne überholte Südkorea auch hier die westlichen Nationen. Weil Lockdowns deshalb kaum nötig wurden, blieb zudem der ökonomische Schaden insgesamt eher gering.
Aber solche Gesamtbetrachtungen sagen wenig darüber aus, wie es die Menschen durch die Pandemie geschafft haben. „Mit Corona ist die Gesellschaft nur noch ungleicher geworden“, sagt Kim So-yeon. Schon im April 2020 ergab eine Umfrage, dass 42 Prozent der Menschen im Land schmerzliche Einkommensverluste hatten hinnehmen müssen. Um sie auszugleichen, kündigten 17 Prozent ihr Sparkonto, 13 Prozent nahmen einen Kredit auf und ein ebenso hoher Anteil suchte einen Zweit-Job. In Südkorea, das seit Jahren zu den Industriestaaten mit der größten Einkommensungleichheit gehörte, waren ökonomische Auswirkungen der Pandemie unmittelbar zu sehen.
Zwar erholte sich das Geschäfte der Großkonzerne um Samsung, LG oder Hyundai bald nach den ersten Coronaeinstürzen wieder. Ihre Leuchtreklamen erhellen wie gewohnt das Stadtzentrum von Seoul. Unverändert bietet Samsung auch Gratiseintritt ins beliebte Leeum-Kunstmuseum. Und die großen Kaffeehausketten verkaufen Café Mocha oder Chai Latte weiter für umgerechnet gut fünf Euro den Becher.
Aber ebenso wenig zu übersehen sind die mittlerweile vielen leer stehenden Ladenflächen in eigentlich schicken Seouler Vierteln wie Myeongdong. Viele kleinere Unternehmen machten pleite. Der Anteil nicht-regulärer Beschäftigung, in der Menschen oft keine Sozialleistungen erhalten und deutlich weniger verdienen, ist im letzten Jahr auf 42 Prozent geklettert. Damit gehört Südkorea zu den zweifelhaften Spitzenreitern der Industrienationen.
Der koreanische Staat scheint das achselzuckend hinzunehmen. Kaum ein reiches Land gab ab 2020 relativ gesehen so wenig Geld für Coronahilfen aus wie Südkorea. „Es ist ja nicht so, dass wir die nächste Katastrophe nicht erwartet hätten“, sagt Kim So-yeon. „Cool Jam“, was Koreanisch ausgesprochen „süßer Schlaf bedeutet“, wurde schon vor fünf Jahren durch Freiwillige erbaut. „Der Staat unterstützt die Menschen nicht, also machen wir es selbst“, lacht die Frau, die zuvor einen Zeitarbeitsjob als Qualitätskontrolleurin bei einem Elektrokonzern hatte und gegen Widerstand eine innerbetriebliche Gewerkschaft gründete.
Erwartet Korea jetzt, mit der Pandemie im Rücken, eine Zeit des großen Protests, wie sie das Land zuletzt in den 1980er Jahren erlebte, als es um das Ende einer Militärdiktatur und die Errichtung der Demokratie ging? Kim Nury, Professor für Deutsche Literatur, bittet in sein Büro der Chung-Ang Universität. Sein bitteres Fazit: „Dieses Land ist durch einen Vulgärkapitalismus vergiftet.“
So höre man auf die Frage nach der Revolution oft die Antwort, dass die Armut ja noch nicht so extrem sei, dass sie in den Tod führe. Kim hebt den Zeigefinger. „Aber ich glaube: Die Meritokratie, in der wir leben, ist zu einer Ideologie geworden. Wenn man selbst schlecht dran ist, denkt man, es war die eigene Schuld.“ Meritokratie wäre in diesem Zusammenhang die Herrschaft einer Art Leistungsadel, der auf die Abgehängten mitleidlos blickt.
So glaubt Kim Nury nicht daran, dass sich an den Verhältnissen im Land allzu schnell etwas ändern wird. Das zeigt sich auch an den jüngsten politischen Ereignissen. Als im März ein neuer Präsident gewählt wurde, straften die Wählerinnen und Wähler den scheidenden Moon Jae-in, der als pandemiepolitisch erfolgreich und verteilungspolitisch mutlos galt, auf herbe Weise ab. Moons Demokratische Partei verlor die Wiederwahl. Gewählt wurde der konservative Populist Yoon Suk-yeol, der kaum für soziale Gerechtigkeit warb – dafür aber mit der Abschaffung des Ministeriums für Frauen und Familien und der Kapitalertragssteuer. Aufgrund seines Wahlkampfs voller Beschimpfungen und Drohungen wurde Yoon auch als koreanischer Trump bezeichnet. Beobachter sehen im Wahlsieg Yoons zweierlei: Die Attraktivität des von ihm oft betonten Ideals der Eigenverantwortung sowie die Enttäuschung gegenüber der Vorgängerregierung.
Im Haus des süßen Schlafs hat man sich damit abgefunden. „Natürlich wird der neue Präsident für die ärmeren Menschen nichts tun“, sagt Kim So-yeon. „Aber das hat sein Vorgänger ja auch nicht.“ Später zeigt sie eine kleine zahnmedizinische Praxis. „Das haben uns unsere Spender ermöglicht“, sagt Kim So-yeon und wirkt zum ersten Mal so, als würde sie ohne Zynismus lächeln. „Jede Woche kommt ein Zahnarzt vorbei und behandelt gratis. Dann ist die Hütte hier immer voll.“
Auf der anderen Seite des ausgebauten Kellerraums ist ein Zeitstrahl an die Wand geklebt. „Da haben wir alle Arbeiterproteste dokumentiert, die seit 20 Jahren stattgefunden haben.“ Auch in der Pandemie – obwohl sie verboten waren. „Ohne arbeitsrechtlichen Schutz hätten so viele Leute ihren Job verloren, wurden herabgestuft oder mussten für weniger Lohn arbeiten“, so Kim. „Kann man sich das gefallen lassen?“
Man habe mit Maske demonstriert, betont Kim So-yeon, und die Abstandsregeln eingehalten. Mehrere Organisatoren mussten trotzdem ins Gefängnis.