Südkorea schlägt Alarm China schiebt nordkoreanische Flüchtlinge ab

Die Staatchefs Xi Jinping und Kim Jong Un (rechts) bei einem Treffen im Jahr 2018 Foto: afp/CCTV

In ihrer Heimat drohen den Überläufern körperliche Gewalt und lange Haftstrafen. Südkorea würde die Flüchtlinge bereitwillig aufnehmen.

Zuerst hatte die südkoreanische Organisation „Justice for North Korea“ Alarm geschlagen: In den Abendstunden des 9. Oktober sollen chinesische Behörden rund 600 nordkoreanische Flüchtlinge, darunter auch Kinder und Frauen, in Lastwagen über die Grenze abgeschoben haben. Wenig später bestätigte auch das Vereinigungsministerium im südkoreanischen Seoul die Abschiebungen „mehrerer“ Nordkoreaner, ohne auf eine genaue Zahl einzugehen.

 

Was nach einer Randnotiz klingt, ist eine menschenrechtliche Tragödie: Denn in ihrer Heimat drohen den nordkoreanischen Flüchtlingen nicht nur körperliche Misshandlung, Zwangsarbeit und mehrjährige Lagerhaft, sondern im schlimmsten Fall sogar die Todesstrafe.

China streitet die Vorwürfe ab

Peking hat bislang sämtliche Anschuldigungen abgestritten. In China gäbe es keine nordkoreanischen Flüchtlinge, sagte Außenamtssprecher Wang Wenbin am Donnerstag. Stattdessen sprach der Regierungsbeamte von „lediglich einigen Nordkoreanern, die aus wirtschaftlichen Gründen nach China kommen“. Und diese würde man stets nach internationalem Recht behandeln.

Seit den 1990er Jahren, als der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Misswirtschaft des Kim-Regimes zu katastrophalen Hungersnöten in Nordkorea führten, sind jährlich tausende Menschen aus dem Land geflohen. Die beiden Staaten werden teils nur von einem kleinen Fluss getrennt, die Grenze war damals vergleichsweise durchlässig.

Seoul schätzt, dass runde 10 000 Nordkoreaner illegal in China leben

Doch vor einigen Jahren haben die chinesischen Behörden angefangen, ihr Territorium mit einer riesigen Zaunanlage zu schützen. Hinzu kam die Corona-Pandemie, während der Nordkorea nahezu sämtliche Verbindungen zur Außenwelt kappte. Dementsprechend ist die Anzahl an Flüchtlingen extrem eingebrochen – in Südkorea etwa kommen nur mehr ein paar Dutzend Menschen pro Jahr an.

Dennoch geht die südkoreanische Regierung davon aus, dass sich weiterhin rund 10 000 Nordkoreaner – illegal – in China aufhalten. Dort werden insbesondere die Frauen aufgrund ihrer rechtlich prekären Lage Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution.

Die Behörden greifen immer mehr Flüchtlinge auf

Bis vor einigen Jahren hielten sich im chinesisch-nordkoreanischen Grenzgebiet noch mehrere NGO-Aktivisten und Kirchenmissionare – mit US- oder südkoreanischer Staatsbürgerschaft – auf, um die Flüchtlinge nach Seoul zu schleusen. Doch längst wurden sämtliche von ihnen aus China ausgewiesen oder gar inhaftiert.

Ohnehin hat die gestiegene Überwachung im Zuge der „Null Covid“-Politik auch dazu geführt, dass immer mehr Flüchtlinge von den Behörden aufgegriffen wurden. Die Vereinten Nationen schätzen, dass etwa 1500 Nordkoreaner derzeit auf chinesischem Staatsgebiet in Haft sitzen und auf ihre Abschiebung warten.

Wer jedoch als Journalist die Haftzentren entlang der Grenze besichtigen möchte, wird bereits von weitem von der Sicherheitspolizei abgewiesen – und im gesamten Grenzgebiet auf Schritt und Tritt verfolgt.

Dabei wäre das humanitäre Problem durchaus einfach zu lösen: Seoul ruft ganz aktiv dazu auf, sämtliche Nordkoreaner aufnehmen zu wollen. In Südkorea erhalten sie nicht nur die südkoreanische Staatsbürgerschaft, sondern auch vorübergehende Sozialleistungen.

Doch während die chinesischen Behörden früher nicht selten die Flüchtlinge stillschweigend tolerierten, verfolgen sie mittlerweile eine rigide Null-Toleranz-Politik. Das hat vor allem mit den wieder zunehmend engen Beziehungen zum Kim-Regime in Pjöngjang zu tun. Für Diktator Kim Jong Un ist schließlich jeder Überläufer eine potenzielle Bedrohung für den eigenen Machterhalt: Denn Nordkoreaner im Ausland halten meist – unter erheblichen Gefahren – weiterhin Kontakt zu ihren Verwandten in der Heimat. Auf diesem Weg bringen sie auch ausländische Informationen ins Land.

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