Südsudan Der vergessene Krieg

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Die Regenzeit verursacht im kriegsgeplagten Südsudan eine Katastrophe. Eine Million Menschen harren in überfluteten Lagern aus oder im Busch. Die Kämpfe gehen weiter, auch weil China und die USA um Einfluss in der Region konkurrieren.

Unvorstellbare Zustände herrschen in vielen Flüchtlingslagern.  Unicef befürchtet, dass in den nächsten Wochen 50 000 Kinder sterben werden. Foto: Unicef
Unvorstellbare Zustände herrschen in vielen Flüchtlingslagern. Unicef befürchtet, dass in den nächsten Wochen 50 000 Kinder sterben werden. Foto: Unicef

Juba - Der Regen tötet wie ein Maschinengewehr, ohne dass es eine Kugel kostet. Die Kämpfer müssten einfach warten wie Geier, bis die Flüchtlinge im Schlamm verrecken, sagt Simon. „Jene bleiben, wo sie sind, selbst wenn sie im Camp sterben. Sie haben viel zu viel Angst vor dem, was mit ihnen passiert, wenn sie die UN-Zone verlassen“, sagt er. Simon ist Mitarbeiter der Vereinten Nationen. Er will seinen Nachnamen nicht verraten. „Wenn du hören willst, was wirklich in Bentiu passiert, dann frag nicht nach Namen.“

Das Lager Bentiu, unweit der Hauptstadt des Bundesstaates Unity, ist seit Beginn der Regenzeit eine nasse Hölle mitten im Busch. Das Wasser steht seit Wochen knietief auf dem Gelände. 45 000 Menschen sind zwischen den Fronten eingeklemmt. Nachdem die Dinkakämpfer der Regierungsarmee die Stadt Bentiu wieder eingenommen haben, sind die Nuer in dieses Lager geflüchtet, denn zu ihrem Stamm gehört der Rebellenführer und frühere Vizepräsident Riek Machar.

Südsudans Präsident Salva Kiir, ein Dinka, entließ Machar im Sommer 2013. Es folgte ein Machtstreit innerhalb ihrer Partei, der Befreiungsbewegung SPLM. Im Dezember schossen die Anhänger beider Politiker in der Hauptstadt Juba aufeinander. Seitdem herrscht Bürgerkrieg im Südsudan. Besonders umkämpft ist Bentiu und die nahen Ölfelder.

Auch in der Hauptstadt Juba waten die Helfer in Gummistiefeln durch den Matsch. Das Flüchtlingslager Thongping gleicht seit Wochen einem Sumpf. Die Nuer hier, aus Juba vertrieben, bauen Dämme aus Schlamm um ihre Zelte. Die Regenflut dringt von oben durch die Ritzen in den Zeltplanen. Die Lebensmittel schimmeln, Matratzen und Decken sind feucht und stinken. Irgendwann fließt alles in eins: Das Wasser von oben, die Kloake, der Müll. Dann waten die Menschen durch den Dreck und hoffen, dass sie nicht in eine Scherbe treten und eine Blutvergiftung bekommen. Mütter halten in der Nacht ihre Kinder im Arm, weil sie Angst haben, dass sie am Boden im Dunkeln ertrinken. Die Regenzeit wird noch Wochen andauern. Die UN-Mission für den Sudan, die UNMISS, will das Lager räumen und alle Insassen auf ein höher gelegenes Gelände bringen. Aber die Flüchtlinge weigern sich.

Der Medikamentenhändler John Dok weiß, warum. Auf einem Tisch in seinem Zelt stapelt er Malaria- und Typhustabletten. Er nennt sich Klinikchef. Schmuggler wäre treffender. Natürlich seien seine Helfer außerhalb des Lagers keine Dinka, sondern gehörten zu neutralen Stämmen. „Die Dinka würden sie töten, wenn sie wüssten, dass sie uns helfen. Sie würden uns töten, wenn UNMISS nicht wäre“, sagt John Dok. Das Lager zu verlassen und auf den Hügel zu ziehen, wie es die UN plant, hält er für Wahnsinn. „Wir wissen, dass in der Nähe des anderen Lagers Militärbaracken sind. Wenn wir alle auf einem Fleck sind, haben die es doch viel leichter, uns umzubringen“, sagt Dok. Manchmal verstehe er nicht, was in den Köpfen der UNMISS-Mitarbeiter vorgehe. „Glauben die denn, dass wir freiwillig in dem Dreck hier leben? Wir hatten alle mal anständige Häuser aus Beton. Wir können nirgendwo anders hin, selbst wenn unsere Kinder und wir hier sterben.“

Auf die Frage, ob ein Völkermord im Südsudan droht, ob er bereits begonnen hat und wenn ja, wer eigentlich Opfer und Täter ist, gibt es unterschiedliche Antworten. Internationale Organisationen warnen seit Jahresbeginn vor einem zweiten Ruanda. Aber ihre Aussagen bleiben vage. Die Dinka, die im Moment die Elite rund um den Präsidenten Salva Kiir stellen, beschuldigen die Rebellen aus dem Lager von Riek Machar, für Massaker an der Zivilbevölkerung verantwortlich zu sein. Ohne Zweifel haben Machars Truppen im April in Bentiu Hunderte von Dinka ermordet. Zivilisten, die sich in Kirchen geflüchtet hatten, wurden niedergemetzelt. Sogar die Patienten eines Krankenhauses wurden selektiert und die Dinka von dort ermordet.

Ein halbes Jahr später flüchten nun die Nuer in die UN-Camps vor allem in den nördlichen Bundesstaaten Unitiy, Jonglei und Upper Nile oder ziehen sich in den Busch zurück. Die Regierung kämpft nun mit neuen Waffen aus China und bedrängt die Rebellen, ohne einem Sieg ernsthaft näherzukommen. Unter den Nuern kursiert die These, dass die Regierung ihr Volk in überschwemmte Lager oder in die Wildnis treibt, um die Rebellion durch ein Massensterben zu ersticken. Der Tod in den Regenfluten falle der Welt nicht auf, sagt ein Flüchtling in Thongping.

Nicht alle in Juba glauben daran, dass im Südsudan ein Stammeskonflikt im Vordergrund steht. Der Politikwissenschaftler Zacharias Diing Akol lebt vom Lager Thonping aus gesehen im Stadtteil Raha mit seinen Bürobauten auf einem anderen Planeten. Und so ist auch seine Perspektive auf den Krieg eine andere. Er spricht von zwei Ebenen des Konflikts. Auf der nationalen Bühne kämpfen in die Jahre gekommene Kämpfer aus dem Unabhängigkeitskrieg gegen den Sudan um den Reichtum des jungen Staates. International stehen sich die USA und China gegenüber, die verhindern wollen, dass das 2011 gegründete Land in die Einflusssphäre des Rivalen fällt.

Der ethnische Konflikt steht für ihn nicht im Vordergrund. „Dinka und Nuer haben nur gegeneinander gekämpft, wenn die Loyalität zu rivalisierenden Warlords innerhalb der Südsudanesischen Volksbefreiungsbewegung SPLM sie in Konflikt gebracht haben, sonst leben sie friedlich miteinander. Mit dem Hass von Hutus und Tutsis in Ruanda ist das nicht zu vergleichen“, sagt Akol.

Schatz und Fluch zugleich für den Südsudan ist sein Erdöl. Von 2011 bis zum Beginn des Krieges im Dezember hat es in Juba einen Bauboom befeuert, von dem heute noch viele Rohbauten zeugen. Trotz des Krieges sind die Hotels der Stadt voll mit Chinesen. Die Geschäfte scheinen weiterzugehen, wenn auch nicht mehr so rasant wie vor dem Krieg. Nachts, wenn fast nur noch die Generatoren der großen Hotels Strom liefern, sitzen die Geschäftsleute aus Peking oder Shanghai mit den SPLM-Kadern auf den Dachterrassen und blicken hinab auf die dunkle Hauptstadt. Auf ihren Tischen stehen Champagnerflaschen.

Niemand sei über die Allianz zwischen Peking und Juba so verärgert wie die Amerikaner, sagt Zacharias Diing Akol. Washington fühlte sich noch zu Zeiten der sudanesischen Einheit als Schutzmacht des christlichen Südsudan. Es war George Bush, der Salva Kiir einen Cowboyhut schenkte. Kiir trägt ihn noch heute als Markenzeichen. Im Gegenzug für die jahrzehntelange Unterstützung erwarteten die Amerikaner den Löwenanteil an den Rechten für die Erschließung der Ölquellen Südsudans. Juba hielt sich aber an die Verträge, die noch vor der Unabhängigkeit vom Sudan mit Peking geschlossen worden waren.

Kiir behielt also George Bushs Hut, machte dann aber doch Geschäfte mit den Chinesen. Die USA sieht er heute als Feind, nachdem Washington sich für eine Übergangsregierung ohne ihn als Präsidenten ausgesprochen hat. Im UN-Sicherheitsrat scheiterten die Amerikaner mit ihren Resolutionsentwürfen zum Konflikt, denn Russland und China legten ihr Veto ein. Ausgerechnet die Männer, die das Land in den Abgrund gerissen haben, sind für Akol die Einzigen, die es befrieden können, wenn sie zur Versöhnung aufrufen und Reformen in Gang bringen, die ihre Macht begrenzen. „Es gibt niemand in diesem Land außer Salva Kiir und Riek Machar und niemanden außerhalb der SPLM, der einen Wandel durchsetzen könnte“, erklärt Akol diesen Widerspruch. Es klingt, als sei die Krise im Südsudan schwer zu lösen.

Doune Porter muss schon wieder gähnen. Die Mitarbeiterin von Unicef ist früh aufgestanden und zum Flughafen von Juba gefahren. Kaum war sie angekommen, hat sie erfahren, dass der Flug ausfällt wegen schlechtem Wetter. Porter trägt trotzdem noch die Gummistiefel, die sie heute Morgen angezogen hat. „Solche Dinge vergesse ich einfach inzwischen“, sagt sie. Seit Wochen leben die internationalen Helfer im Daueralarmzustand. Er zerrt an den Nerven. Viele fühlen sich erschöpft und überfordert von einer Aufgabe, die nicht zu bewältigen scheint, sagt Porter. Oft werden hier auf dem Flughafen Hilfsflüge vorbereitet, das Personal zusammengetrommelt, um dann von schlechtem Wetter oder erneuten Kämpfen gestoppt zu werden. Und draußen sterben die Menschen.

Rund vier Millionen Menschen sind auf Lebensmittelhilfen angewiesen, darunter 1,7 Millionen Vertriebene. Vermutlich eine Millionen Menschen harrt darüber hinaus ohne Versorgung im überfluteten Busch aus. Die Unicef wisse von 250 000 Kindern, die schwer unterernährt seien. „50 000 werden sterben“, sagt Porter.

„Das Schlimmste lässt sich nur noch abwenden, wenn der Krieg sofort beendet und die Hilfe massiv aufgestockt wird“, sagt die Frau von Unicef. Doch während die UN bisher nur einen Teil der versprochenen Hilfsmittel von den Mitgliedsländern erhalten hat, hat die Regierung Südsudans jüngst für 38 Millionen Dollar Waffen aus China gekauft und mit Öl bezahlt. Doune Porter hat sich aus ihrer britischen Heimat eine Kaffeetasse mitgebracht. Darauf steht: „Niemals, niemals, niemals aufgeben.“




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