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Südtirol Eggental: Volle Kanone

Von Rainer Wehaus aus Carezza 

Das Südtiroler Eggental lockt Skifahrer mit Sonne und absoluter Schneesicherheit. Möglich macht dies ein aufwendiges Beschneiungssystem.

Georg Eisath, Unternehmensgründer und Skigebiet-Präsident, fürchtet sich vor zu viel Neuschnee: „Die Leute fragen dann: Warum sind die Pisten nicht präpariert?“  Foto: SoAk
Georg Eisath, Unternehmensgründer und Skigebiet-Präsident, fürchtet sich vor zu viel Neuschnee: „Die Leute fragen dann: Warum sind die Pisten nicht präpariert?“ Foto: SoAk

Carezza - Gott hat die Welt in sieben Tagen erschaffen, Georg Eisath (57) braucht für seine Welt nur fünf Tage. Fünf kalte Tage reichen ihm, um Schnee für ein ganzes Skigebiet herzustellen. 170 Schneekanonen sind dazu im Einsatz, rund um die Uhr, volle Kanone. Dann hat Eisath genügend Schnee produziert, um auf die 41 Pistenkilometer seines Skigebiets Carezza in Südtirol eine 60 Zentimeter dicke Schneedecke legen zu können. Naturschnee ist Schnee von gestern. Eisath produziert den Schnee von morgen. Es ist Schnee auf Vorrat, von dem er möglichst viel bereits im November herstellt. Dann muss er nicht auf Skifahrer Rücksicht nehmen und kann seine Beschneiungsanlagen voll auslasten.

Am Rande der Pisten lagern letztlich die Haufen, wenige Tage vor Beginn der Saison wird der Schnee dann von Pistenraupen eingeschoben und festgewalzt. Damit ist der Grundstock gelegt, die Saison über wird nur noch nachjustiert. In Südtirol, wo an über 300 Tagen im Jahr die Sonne scheint, hat die Beschneiung von Pisten Tradition, und Eisath strebt in dieser Hinsicht nach Perfektion. Er war Mitbegründer der Firma Technoalpin, dem Weltmarktführer bei Schneekanonen.

Frau Holle heißt in Eisaths Welt Claudia Schiffer

Er und sein Kompagnon hatten irgendwann selbst eine Schneekanone entworfen, weil sie mit dem, was auf dem Markt war, nicht zufrieden waren. Kunstschnee ist nicht gleich Kunstschnee, da kann Eisath lange von erzählen. Es gebe Systeme, sagt er, „die schleudern nur Wasser aus, die schauen nicht auf die Körnung und nicht auf die Qualität“. Für Romantiker ist das alles nichts. Frau Holle heißt in Eisaths Welt Claudia Schiffer - so hat er eine seiner Schneekanonen genannt. Die Geschichte vom Naturschnee, auf dem man zu Tal fährt, entpuppt sich immer mehr als Wintermärchen. Nur noch auf wenigen Pisten in den Alpen ist das so. Einen Teil des Geldes, das Eisath mit seiner Firma verdient hat, steckt er nun in das Skigebiet am Karersee (Lago di Carezza), wo seine Frau mit der Moseralm ein Vier-Sterne-Hotel betreibt.

Eisath will sein Skigebiet möglichst günstig und effizient beschneien. Ein Computerprogramm sagt ihm, an welcher Stelle nach den Erfahrungen der letzten Jahre wie viel Schnee produziert werden muss. Vor der Saison ist die Herstellung von Schnee zudem deutlich günstiger, weil die Kanonen mit voller Kraft und rund um die Uhr laufen können. Dabei gilt die Regel: je kälter, desto besser. Der Aufwand bleibt dennoch gigantisch: Bis zu 180 000 Kubikmeter Wasser, das in eigens angelegten Speicherseen gesammelt wird, braucht es für die Beschneiung des Gebiets.

Die Stromkosten für die Kanonen und leistungsstarken Pumpen konnte Eisath zwar in den letzten fünf Jahren um 20 Prozent senken, sie belaufen sich aber immer noch auf rund 120 000 Euro pro Saison. Etwas Strom spart er zwar neuerdings dadurch, dass im Skigebiet die etwas höher gelegenen Lifte erst zu laufen anfangen, wenn die ersten Skifahrer auch tatsächlich da sind. Aber dass hier das Skivergnügen und nicht der Umweltschutz im Vordergrund steht, ist nicht zu übersehen und liegt irgendwie auch in der Natur der Sache. Eisath kann die Kritik an der künstlichen Beschneiung nicht mehr hören: „Es ist zehnfach bestätigt, dass der technische Schnee die Berghänge schützt“, sagt er. Früher seien wegen Schneemangels immer wieder die Wiesen aufgekratzt und zerstört worden, das komme jetzt nicht mehr vor.

Der Naturschnee ist heute ein Problem

Und das viele Wasser, das gebraucht werde, werde nur entliehen und dann in den Kreislauf der Natur zurückgeführt. Für den Pragmatiker Eisath sind die Klagen über den Kunstschnee letztlich nur Lippenbekenntnisse: „Die Leute“, sagt er, „wollen eine Woche Skiurlaub, und da wollen sie optimale Bedingungen, fertig.“ Für viele Skifahrer sei heute sogar eher der Naturschnee ein Problem, sagt Eisath. Jedes Mal, wenn es schneie, gebe es Beschwerden im Skipassbüro, sagt Eisath. „Die Leute fragen dann: Warum sind die Pisten nicht präpariert?“ Überhaupt geht es hier vor allem darum, Arbeitsplätze in einer Gegend zu sichern, die vom Tourismus lebt.

Eine neue Kabinenbahn bringt in dieser wunderschönen Bergwelt der Dolomiten seit kurzem Gäste von Welschnofen aus ins Skigebiet - oder im Sommer ins Wandergebiet. Viele Deutsche sind unter den Gästen. Die Konkurrenz ist groß, in ganz Südtirol sind die Pisten mittlerweile zu 100 Prozent beschneit. Carezza präsentiert sich auch als Familienskigebiet: relativ klein, dafür aber auch überschaubar. Neben der Schneesicherheit sollen spezielle Funparks für Kinder sowie eine gute Kinderbetreuung Gäste anlocken. Wo Eisath mit dem Skigebiet Carezza hinwill, da ist Obereggen schon. Es ist das zweite Skigebiet im Eggental. Man wird gemeinsam vermarktet, steht aber durchaus auch in einer gewissen Konkurrenz. Das Skigebiet Obereggen ist etwas größer und bislang auch beliebter.

Im Unterschied zum Skigebiet Carezza, das von Eisath erst mühsam wieder belebt und auf den neuesten Stand gebracht werden musste, wirft Obereggen seit langem Gewinne ab. Auch hier setzt man voll auf den technischen Schnee, auch hier laufen die Lifte in dieser Saison bis Ende April. Natürlich weist man auch in Obereggen darauf hin, dass man den Strom, den es für das Skigebiet braucht, umweltfreundlich grün produziere. Aber an vorderster Stelle wirbt man mit der guten Schneequalität und einem ausgezeichneten „Beschneiungsmeister“. Auch dort also glaubt man zu wissen, was die Skifahrer in erster Linie wollen.