Südwest-Politiker im Internet Wir können alles außer Facebook

Von Jonas Schöll 

Online-Plattformen wie Facebook, Twitter oder Instagram werden immer mehr zum zentralen Ort der politischen Debatte. Auch Baden-Württembergs Politiker versuchen sich im Netz – nicht immer klappt das.

Mit rund 28 Millionen Nutzern in Deutschland ist vor allem Facebook ein wichtiger Faktor in der Politik geworden. Foto: AFP 11 Bilder
Mit rund 28 Millionen Nutzern in Deutschland ist vor allem Facebook ein wichtiger Faktor in der Politik geworden. Foto: AFP

Stuttgart - Franz Untersteller hat gelernt, wie Pressearbeit funktioniert. Und das ist sein Problem. Lieblose Pressemitteilungen und trockene Regierungsbilanzen sind gemacht für Journalisten. Doch die Herzchen und Likes der User gewinnt der baden-württembergische Umweltminister auf seiner Facebook-Seite damit nicht.

Politik zum Anfassen, persönliche Video-Botschaften, spannende Bilder oder digitale Bürgersprechstunden? Fehlanzeige. Untersteller hat wie viele andere Politiker in Baden-Württemberg das Social Web als Bühne entdeckt. Und er zählt zu denen, die das digitale Handwerk nicht begriffen haben. In einer Statistik über die digitale Gefolgschaft baden-württembergischer Politiker in sozialen Netzwerken landet der Minister am Mittwochmorgen abgeschlagen auf Rang 219.

Mit rund 31 Millionen Nutzern allein in Deutschland stelle vor allem Facebook einen wichtigen Faktor in der Politik dar, sagt Felix Beilharz, Berater für Online- und Social Media Marketing. „Social Media ist für Politiker zum wahrscheinlich wichtigsten Kommunikationskanal überhaupt geworden.“ Im besten Fall ließen sich mit einem einzigen Beitrag im Social Web gleich mehrere Millionen Menschen direkt und ungefiltert erreichen. „Fast alle Spitzenpolitiker und auch immer mehr rangniedrigere Politiker nutzen Facebook zur Kommunikation mit den Bürgern.“ Doch der Online-Experte stellt immer wieder fest: Viele Politiker beherrschen das Geschäft mit den Likes nicht.

Stefan Kaufmann zeigt, wie es besser geht

Dass es anders gehen kann, zeigen Ausnahmen wie der Stuttgarter CDU-Politiker Stefan Kaufmann. Unentwegt flackern rote Herzchen, blaue Daumen und Smileys über den Bildschirm. Das politische Feedback auf sein Live-Video bei Facebook fliegt dem Bundestagsabgeordneten unmittelbar in die Timeline. Vor einer kargen Fensterwand spricht der Bundestagsabgeordnete minutenlang in eine Handykamera. Doch trotz der schmucklosen Bühne erntet Kaufmann für seine Rede zu Diesel, Feinstaub und Fahrverboten in Stuttgart 75 Likes – die vielen Fragen der User beantwortet der 48-Jährige sofort.

„70 Prozent der Politiker nutzen die sozialen Netzwerke falsch“, sagt der Politikberater und Blogger Martin Fuchs, der die Social-Media-Aktivitäten der Volksvertreter mit seiner Monitoringplattform Pluragraph genau unter die Lupe nimmt. „Es geht darum den Bürgern im Netz zuzuhören“, erklärt Fuchs. „Entscheidend ist, dass man Social Media als digitale Bürgersprechstunde nutzt.“ Wenn ein Politiker in eine Sitzung gehe oder Bürger treffe, dann sollte das bei wichtigen Themen parallel direkt in den sozialen Netzwerken gepostet werden. Doch vielen Politikern fehle eine Strategie: Es würden grundsätzlich zu wenige Dialoge geführt und die Zielgruppe nicht in den Blick genommen. Allein mit lieblosen Pressemitteilungen ohne Bildern und Emotionen könne man im Social Web nicht punkten.

Die Social-Media-Könige der Politik

Mit Pluragraph zeigt Martin Fuchs, welcher Volksvertreter aus dem Südwesten im Netz die Nase vorn hat. Addiert man demnach die Fans und Follower auf Google Plus, Facebook, Twitter und Instagram, hat Cem Özdemir, der Bundesvorsitzende der Grünen, mit 227.509 Nutzern die größte Gefolgschaft im Internet. Im Ranking der Volksvertreter aus dem Südwesten folgen die AfD-Politiker Alice Weidel (141.539) und Jörg Meuthen (85.706). Auch Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer von den Grünen ist es gelungen, eine große digitale Community aufzubauen. Weil er auf Facebook allerdings sein privates Profil nutzt, taucht er in dieser Statistik aus Gründen des Datenschutzes nicht auf.

Gerade mal auf Rang sieben im landesweiten Ranking der politischen Social-Media-Könige landet Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen (28.908). „Das Staatsministerium war mit eine der ersten Staatskanzleien, die die sozialen Netzwerke für die politische Arbeit genutzt hat“, sagt Regierungssprecher Rudi Hoogvliet. „Die Menschen erwarten, ihre Regierung oder Politiker auch dort zu finden, wo sie sich im Netz bewegen.“

Auch im Netz gibt Kretschmann den Landesvater

Doch beim Ministerpräsidenten wirken die Beiträge eher künstlich. Denn hier postet meist nicht Kretschmann selbst. Das Staatsministerium bestimmt, was auf die Fan-Seite bei Facebook kommt. „Unsere Online-Redaktion zerbricht sich den ganzen Tag den Kopf darüber, wie sie die Themen am besten für das Netz aufbereiten kann“, sagt Hoogvliet. Um Missverständnisse zu vermeiden, werden redaktionelle Beiträge auf Kretschmanns Facebook-Seite seit einiger Zeit mit dem Zusatz „red“ gekennzeichnet.

Netzexperte Beilharz kritisiert den Facebook-Auftritt des Ministerpräsidenten: „Er postet vor allem Inhalte der Landesregierung, zu wenig eigene Statements.“ Was gut ist: „Er bietet auch mal einen Livestream an. Allerdings leider nicht auf Facebook, wo die Reichweite sehr viel höher wäre, sondern auf einer externen Website.“

Emotionale Postings sind bei den Usern im Netz besonders beliebt. Fast 3000 Likes erntete Kretschmann beispielsweise für ein Foto, das ihn nach dem Aufstieg des VfB Stuttgart in der Kabine Arm in Arm mit VfB-Kapitän Christian Gentner zeigt.

Auch ein Erinnerungsfoto mit dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama teilt Winfried Kretschmann mit seinen Facebook-Freunden:

Boris Palmer plaudert ungefiltert

Doch das Netz hat auch seine Tücken. Jeder Fehltritt wird von den Nutzern sofort bestraft. Einer, der Shitstorms gewöhnt ist, ist Boris Palmer. Regelmäßig sorgt der Tübinger Oberbürgermeister mit kontroversen Facebook-Posts für heftige Diskussionen in den sozialen Netzwerken. Dabei beherrscht der grüne Oberbürgermeister Boris Palmer das Handwerkszeug auf Facebook wie wenig andere Politiker. „Ich erreiche Menschen, die sich sonst nicht für Kommunalpolitik interessieren oder keine Zeitung mehr lesen.“ Mit etwa 35.000 Abonnenten belegt er auf Facebook einen absoluten Spitzenplatz.

„Wie mir dieser Saftladen mittlerweile auf die Nerven geht“, beschwert sich Boris Palmer dort beispielsweise über die Bahn. Häufig macht Palmer auch Schlagzeilen mit Postings zur Flüchtlingspolitik:

Palmer, der sein privates Profil selbst befüllt, kommuniziert täglich mit seiner Facebook-Gemeinde, oft bis in die Nacht, spontan und kaum gefiltert. „In erster Linie ist das für mich ein Ort politischer Debatte, so wie es früher der Marktplatz war. Politik muss dorthin, wo die Menschen sind“, sagt Palmer. „Ich teste dort auch neue Ideen, erhalte Anregungen und Kritik.“

Auch bei Boris Palmer gibt es Luft nach oben

Doch selbst bei Social-Media-Profis wie Boris Palmer gibt es Luft nach oben: „Boris Palmer hat keine eigene Fanpage, nur ein Profil. Damit lässt er sich viele Chancen entgehen“, sagt Experte Beilharz. Für berufliche Facebook-Kommunikation sei eine Fanpage unabdingbar. Und noch ein Nachteil: Auf seinem privaten Profil hat Boris Palmer auch keinen blauen Haken, ein Zeichen der Verifizierung durch Facebook. „Der Bürger kann also erst mal nicht sicher sein, dass es überhaupt das richtige Profil ist.“

Wenn die etablierten Parteien in den sozialen Netzwerken versagen, kann das weitreichende Folgen haben: Denn vor allem Rechtspopulisten zeigten, wie man in den sozialen Netzwerken richtig punktet, sagt Experte Beilharz. „Gerade die AfD und ihre Politiker verdanken einen Großteil ihrer Bekanntheit den sozialen Netzwerken.“ So habe beispielsweise Jörg Meuthen besonders gut verstanden, wie Social Media funktioniert. „Er postet vor allem Spruchbilder mit knappen, plakativen Parolen, die auch beim Durchscrollen des Newsfeeds sofort erfassbar sind.“

Politik findet längst nicht mehr nur im Plenarsaal statt. Um den rechten Parteien in den sozialen Netzwerken nicht das Feld zu überlassen, bleibt den baden-württembergischen Volksvertretern wie Franz Untersteller nichts anderes übrig als zu lernen, wie Pressearbeit heute funktioniert.