Sühnekreuz in Waldenbuch Mahnmal sorgt für Gänsehaut

Von Corinna Pehar 

Beim kürzlich restaurierten Kreuzstein im Naturpark Schönbuch wurde vor 300 Jahren ein junger Mann mit 17 Stichen in den Kopf ermordet. Eine Spurensuche mit Hobbyhistoriker Siegfried Schulz.

Siegfried Schulz hat das grausige Geheimnis um den Sühnestein gelöst. Foto: Corinna Pehar
Siegfried Schulz hat das grausige Geheimnis um den Sühnestein gelöst. Foto: Corinna Pehar

Waldenbuch - Zwei junge Burschen sind auf der Walz und haben in Weil im Schönbuch gezecht. Ihr Rückweg nach Waldenbuch führt sie durch die Wälder des heutigen Naturparks – in der Reishalde geraten sie in Streit, bei dem ein etwa 18-jähriger Küferknecht mit 17 Messerstichen in den Kopf getötet wird. So oder so ähnlich soll sich der Mord im Jahr 1724 ereignet haben, für den ein Sühnekreuz aufgestellt wurde, vermutet der Waldenbucher Siegfried Schulz.

Der 79-jährige Pfarrer im Ruhestand hat nicht nur ein Faible für Geschichte, sondern auch einen kriminalistischen Spürsinn. Lange Zeit war unklar, was sich an dem Kreuzstein zugetragen haben mag. „Das Datum der Inschrift lässt sich als 1720 lesen, deshalb hat man nie etwas gefunden“, erklärt der Hobbyhistoriker, der immer wieder in den Archiven nach einer Spur forschte. Seine Augen leuchten, als er erzählt, wie er vor zehn Jahren schließlich auf die Abschrift des Forstmeisters Tscherning aus dem 19. Jahrhundert gestoßen ist. Dort hatte dieser die lateinische Inschrift mit der Jahreszahl 1724 – also vier Jahre später – notiert. Übersetzt stehe auf dem Stein also folgendes: Zum Gedenken an einen Verblichenen in der Fremde, am 12. Januar 1724 mit 17 Stichen niedergemetzelt, aufgestellt von der Commune Waldenbuch.

Ein Eintrag im alten Kirchenbuch erhellt den Fall

„Das nahm ich zum Anlass, die alten Kirchenbücher nochmals aufzuschlagen – und ich wurde fündig“, sagt Siegfried Schulz und holt strahlend einen Ausdruck der Seite hervor. Aus dem alten Totenbuch, „der Pfarrer hatte wirklich eine Sauklaue“, wie er lachend betont, entziffert er folgendes: „Der Küferknecht Johann Georg Christoph Keller aus dem Leiningischen wurde wohl von einem fremden Gesellen, mit dem er abends von Weil nach Waldenbuch unterwegs war, mit 16 tiefen Messerstichen am Kopf grausamer Weise verwundet und nach der vorgenommenen gerichtlichen Inspektion in Waldenbuch ehrlich zur Erde bestattet.“

Ob es nun 16 oder 17 Messerstiche waren, ist nicht mehr rauszufinden. Doch sicher ist, dass sich der Mord im Jahr 1724 ereignet hat: „Hier hat wahrscheinlich der Steinmetz einen Fehler gemacht“, mutmaßt der Theologe, der vor seinem Ruhestand unter anderem an Schulen wie dem Philipp-Matthäus-Hahn-Gymnasium gelehrt hat. Seit 1973 lebt der Pfarrer mit seiner Frau Anneliese, ebenfalls Pfarrerin, in Waldenbuch. Seit 1986 schreibt er jedes Jahr einen historischen Aufsatz über seinen Wohnort.

Der Stein wurde vermutlich in der Nacht aufgestellt

Sein Interesse an der Geschichte der Stadt führt er auf seine eigene Flüchtlingsbiografie zurück: „Ich glaube, es geht darum, Heimat zu finden in Waldenbuch“, sagt der 79-Jährige, der 1939 in Ostpreußen geboren wurde und 1945 mit seiner Mutter über Dänemark in den Schwarzwald flüchtete. Heute engagiert er sich unter anderem in der Bürgerstiftung, im Freundeskreis für Flüchtlinge und beteiligt sich immer wieder an historischen Projekten der Stadt. Von ihm stammt beispielsweise die Idee der 20 Stelen, die quer über die Stadt verteilt sind.

Was es generell mit den insgesamt vier Sühnekreuzen rund um Waldenbuch auf sich hat, berichtet der Hobbyhistoriker folgendermaßen: Sie entstanden etwa im Jahr 1215 mit der Absicht, bei einem Tötungsdelikt die Blutrache abzuschaffen. Stattdessen wurde ein Vertrag aufgesetzt, in dem die Höhe des Bußgelds festgelegt wurde, das der Täter an die Opferfamilie und den Pfarrer bezahlen musste. Zudem musste er eigenhändig das Stück Stein gestalten und es bei Nacht während einer Art Prozession zum Ort des Todes schleppen. „Wahrscheinlich hatte unser Täter einen Wagen, solche Feinheiten wurden penibel ausgehandelt“, erklärt Schulz. Ging alles gut, wurde die Vergebung ausgesprochen. Auch wenn die Sühnekreuze offiziell 1532 abgeschafft wurden, waren sie in der Bevölkerung bis 1750 noch gang und gäbe. Das bringt Siegfried Schulz zu folgender abschließenden Vermutung: „Es handelt sich hier eher um ein Gedenkkreuz, für das man ein altes Sühnekreuz neu verwendet hat. Schon damals waren unsere Vorfahren sparsam.“

Rund um das Sühnekreuz spukt es

Zudem waren sie sehr abergläubisch: Jahre nach dem Mord dürften die Waldenbucher den Weg am Sühnekreuz vorbei sicherlich gemieden haben. „Man glaubte, dass die Seele des zu früh aus dem Leben gerissenen jungen Mannes am Ort des Niederschlags verweilt, bis er auf natürliche Weise gestorben wäre.“ Als Beweis, dass ein solcher Ort fluchbeladen war, diente beispielsweise das Scheuen der Pferde, das Auftauchen eines schwarzen Hundes oder das Davonfliegen eines Vogels. Im Hier und Jetzt klettert, 300 Jahre später, ein Eichhörnchen an einem Baum hinauf.

Standort Wer den Kreuzstein aufsuchen möchte, startet am Wanderparkplatz Segelbachbecken zwischen Weil im Schönbuch und Waldenbuch und läuft über die Straße runter ins Segelbachtal. Nach dem Bach geht es rechts auf das Traufwegle. 300 Meter später verlässt man an der größeren Waldwegekreuzung den ausgeschilderten Wanderweg nach links und geht auf der „Kreuzsteinallee“ rund 400 Meter bis zum Kreuzstein.