„Sugar“ im Alten Schauspielhaus in Stuttgart Manche mögen es heißer

Sugar (Maja Sikora) verdreht den Männern den Kopf. Foto: Schauspielbühnen/Martin Sigmund

Das Alte Schauspielhaus bringt den Filmklassiker „Manche mögen’s heiß“ auf die Bühne – aber leider in der mittelmäßigen Musical-Fassung „Sugar“.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Sind wir Menschen wirklich so desinteressiert und faul? Bei den Schauspielbühnen Stuttgart scheint man überzeugt zu sein: Ja, das Publikum ist bequem. Es will weder allzu viel nachdenken müssen noch sein Oberstübchen mit Neuem konfrontieren. Deshalb folgt das Alte Schauspielhaus nun nicht nur einer Jahrzehnte lang eingespielten Tradition und präsentiert pünktlich zum Advent ein Musical. Man hat auch einen Stoff ohne Ecken und Kanten gewählt, harmlos und vielleicht sogar vergnüglich: „Sugar“.

 

Grandiose Komödie mit Gangsterparodie

Filmfans vermuten richtig. „Sugar“ ist eine Adaption von „Manche mögen’s heiß“, der legendären Filmkomödie. Wer Billy Wilders Klassiker je gesehen hat, vergisst die Bilder kaum, als sich Jack Lemmon und Tony Curtis in Frauenkleidern in ein Damenorchester schmuggeln. Der Eine verliebt sich in Sugar, die von Marilyn Monroe gespielt wird. Dem Anderen, Daphne, wird dagegen der Hof von einem alten Millionär gemacht – und ihr/ihm gefällt das plötzlich erstaunlich gut. Eine grandiose Komödie, die mit Stereotypen spielt und nebenbei noch köstlich Gangsterfilme parodiert.

Erst im Kino, dann am Broadway

Als „Manche mögen’s heiß“ 1959 in die Kinos kam, wurde der Film ein Kassenschlager und einer der erfolgreichsten Filme Billy Wilders. Wie so oft wollten natürlich auch andere diesen Erfolg melken. Deshalb kam Anfang der 1970er Jahre das Musical „Sugar“ heraus und lief eine Weile am Broadway. Das Alte Schauspielhaus wollte nun auch an die einstigen Erfolge anknüpfen und hat den Regisseur Klaus Seiffert engagiert, die Texte von Bob Merrill zu übersetzen und „Sugar“ auf die Bühne zu bringen. Premiere war bereits im September in Berlin am Schlosspark Theater. Einige der dortigen Schauspieler spielen nun auch in Stuttgart mit.

Trailer zur „Sugar“-Version am Berliner Schlosspark Theater

Kostüme wie aus der Faschingsabteilung

Die Reise in die 1920er Jahre beginnt mit einem Auftritt der Damenkapelle. Sie tragen schlecht sitzende Charlston-Kleider und Federschmuck wie aus der Faschingsabteilung. Tanzend spielen sie pantomimisch auf ihren Instrumenten. Der Band fehlen Saxofon und Bassgeige, dabei steht doch ein Gastspiel in Miami an. Und da Joe (Samuel Schürmann) und Jerry (Björn Schäffer) dringend einen Job brauchen – „nichts mehr im Schrank, nichts auf der Bank, hungrig und blank“ – heuern sie an und schlüpfen in Damengarderobe. Sie freunden sich mit Sugar (Maja Sikora) an. Die verkrachte Schöne spielt die Ukulele, spült ihren Liebeskummer mit Bourbon runter – und will sich in Miami einen Millionär angeln.

Das Musical ist schwunglos

„Manche mögen’s heiß“ hat nach sechzig Jahren nichts von seinem Witz eingebüßt und verhandelt auch aus heutiger Sicht so frech wie amüsant den Geschlechtertausch. Im Alten Schauspielhaus wirkt der Stoff allerdings angestaubt. Denn das Musical von July Styne ist schwunglos und die Musik uninspiriert. Eben nimmt die Handlung etwas Fahrt auf und zünden die Witze von Billy Wilder – schon fällt alle Spannung wieder in sich zusammen bei langatmigen Gesangs- und Tanzeinlagen mit Musik vom Band. Auch die Liedtexte sind eher fad: „Wenn ihre Träume enden, wird sie’s gegen mich verwenden?“ und „Wie gemein, sperr mich doch ein.“

Der Regisseur will harmlose Nostalgie

Als der Gangsterboss Gamasche mit seinen Männern auftaucht, steppen diese. Für einen Moment ist das sogar amüsant, zumal Jan Reimitz seine Sache gut macht. Doch die Idee vom steppenden Gangster wird so überstrapaziert, dass es einem schon bald wie Joe und Jerry geht: Man will die Kerle einfach nur loswerden.

Vielleicht wäre dieses mittelmäßige Musical mit beherzten Kürzungen und Aktualisierungen zu retten gewesen, doch der Regisseur Klaus Seiffert wollte gar keine eigene, heutige Fassung von Film und Musical für die Bühne entwickeln, sondern sein Publikum lieber mit harmloser Nostalgie einlullen. So hat er sich bemüht, möglichst viele Details aus dem Film zu kopieren. Deshalb muss Maja Sikora als Sugar auch eins zu eins wie Marilyn Monroe den vermeintlichen Millionär auf dem Sofa verführen.

Mut tut auch im Theater gut

Die Zeiten mögen schwierig sein für die Theater, und bewährte Stoffe sind beim alteingesessenen Abonnenten beliebt. Ein bisschen mehr Mut und Frische dürften aber trotzdem sein.

Immerhin, das tanzende und singende Ensemble macht seine Sache ordentlich. Samuel Schürmann und Björn Schäffer als Männerduo in Frauenkleidern überzeugen. Ralph Morgenstern, der als Moderator beim TV-Sender Vox bekannt wurde, ist mit Abstand am präsentesten an diesem Abend. Er spielt den Millionär, der sich in Daphne verliebt. Wobei das Musical ausgerechnet hier vom Film abweicht und kein schmissiger Tango getanzt wird, sondern ein weichgespülter Wiener Walzer.

„Sugar“ am Alten Schauspielhaus in Stuttgart

Film
Für seine Kinokomödie „Some like it hot“ („Manche mögen’s heiß“) griff der Regisseur Billy Wilder im Jahr 1959 auf den französischen Film „Fanfare d’Amour“ von 1935 zurück. Wilder hielt diesen allerdings für „drittklassig, absolut furchtbar und miserabel“, weshalb er unter anderem eine Gangster-Geschichte ergänzte.

Termine
„Sugar“ wird im Alten Schauspielhaus in Stuttgart bis 28. Januar immer dienstags bis samstags gespielt. Tickets und Infos gibt es hier.

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