Was letztlich dazu geführt hat, dass Häuser den Suizid offenbar als einzigen Ausweg sah, ist unbekannt. Allerdings gilt der Beruf des Bürgermeisters, der früher hin und wieder „als schönster Job der Welt“ bezeichnet wurde, als strapaziös. Wochenarbeitszeiten von mehr als 60 Stunden, so ergab eine Umfrage vor wenigen Jahren, sind für viele Rathauschefs keine Seltenheit. Die neuen Medien schaffen eine durchgängige Verfügbarkeit. Zudem stehen die Amtsträger mitsamt ihren Familien ständig unter Beobachtung.
Seit Corona gibt es fast keine Routine mehr
In der Coronakrise habe die Belastung zeitlich wie inhaltlich weiter zugenommen, sagt Anna Steidle, die als Professorin für Verwaltungsmanagement an der Hochschule Ludwigsburg den Bürgermeisternachwuchs im Land ausbildet. Die Materie sei sehr komplex. Bundes- und Landesgesetze müssten in kürzester Zeit umgesetzt werden. Ob es um Schulschließungen oder Testkonzepte gehe, für alles sei letztlich der Bürgermeister verantwortlich. „Es herrscht ein hoher Entscheidungsdruck in einer lang andauernden Extremlage.“ Selbst für lang gediente Rathauschefs gebe es bei der Pandemiebekämpfung kaum noch Routinen.
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Als Dezernent beim Städtetag beobachtet Norbert Brugger das Phänomen Burnout und Depression bei Bürgermeistern schon seit vielen Jahren. Detaillierte Zahlen gebe es nicht. Allerdings sehe er zwei Entwicklungen. Einerseits seien die Belastungen für die Amtsträger schon vor Corona immer weiter gestiegen. Andererseits registriere er eine Verbesserung. „Früher musste ein Bürgermeister immer stark sein.“ Hier habe sich die Gesellschaft weiter entwickelt, glaubt Brugger.
Wer sich outet, muss die Abwahl fürchten
Gleichwohl handele es sich noch um ein Tabuthema, sagt der Ditzinger Oberbürgermeister Michael Makurath, der dem Verband der badenwürttembergischen Bürgermeister vorsitzt. Wer sich oute, müsse damit rechnen, dass ihm die Ausübung des Amtes von vielen Bürgerinnen und Bürgern nicht mehr zugetraut werde. Bei der nächsten Wahl könne dies zum Amtsverlust führen. „Ich denke, da gibt es eine hohe Dunkelziffer.“ Auch er sehe die Entwicklung als problematisch an. „Der Umgangston wird immer rauer.“ Dies gelte weniger für Gemeinderatssitzungen als für anonymisierte Wortmeldungen in den Sozialen Medien. Wegen Droh-Emails, die im Zusammenhang mit einer Flächenausweisung an die Verwaltung und verschiedene Gemeinderäte gegangen waren, hatte Makurath vor kurzem die Polizei eingeschaltet. „Ich rate allen meinen Kollegen dazu, in solchen Fällen klare Kante zu zeigen.“
Dass es völlig in Ordnung sei, über Politiker herzuziehen, dürfe sich als Narrativ nicht durchsetzen, sagt Rafael Bauschke, der ebenfalls an der Ludwigsburger Verwaltungshochschule lehrt. Ob früher wirklich alles besser war, kann der Professor nicht mit Gewissheit sagen. „Zu dieser Behauptung neigen auch Bürgermeister gerne.“
Viele wollen sich den Stress nicht antun
Allerdings wisse er aus seinen Gesprächen mit zahlreichen Amtsträgern, dass diese früher mehr Grundvertrauen der Bevölkerung gegenüber ihrer Arbeit gespürt hätten. Es gebe kaum noch Fragen, bei denen sich keine Bürgerinitiative bilde, die lautstark opponiere. Dies habe auch Auswirkungen auf seine Studenten: „Die Bereitschaft Bürgermeister zu werden ist noch da, aber viele sagen, den Stress tue ich mir nicht an.“
Die richtige Stressbewältigung und -vermeidung spielt deshalb schon in der Ausbildung eine Rolle. Da ist es ähnlich wie in anderen Berufen, sagt die Professorin Steidle. Wer es nicht mehr schaffe, in der Freizeit komplett abzuschalten, müsse dies als Alarmzeichen sehen.
Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 und unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Adressen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/