Wolfgang Grupp wurde am 4. April 1942 in Burladingen geboren, wo er später das Unternehmen seines Vaters übernahm. Foto: IMAGO/HMB-Media / STZN
Nach Tagen der Ungewissheit machte Wolfgang Grupp am Donnerstag einen Suizidversuch öffentlich. Die Menschen in Burladingen zeigen sich betroffen. Ein Besuch in Grupps Heimatort.
Zehn Tage der Ungewissheit vergingen in Burladingen. Die Menschen in dem 12.000-Einwohner-Ort im Zollernalbkreis rätselten, sorgten sich, manche beteiligten sich an Spekulationen, den wildesten, so erzählen es die Menschen hier an diesem Freitagmorgen.
Der Trigema-Zentrale in der Joseph-Mayer-Straße ist dieser Schock am Freitagmorgen von außen nicht anzumerken. Hier, wo Grupp mehr als ein halbes Jahrhundert lang die Geschicke leitete, sind Frauen und Männer an Nähmaschinen in ihre Arbeit vertieft. Einige Türen in die Fabrik stehen offen.
Gelegentlich trudeln Mitarbeiter ein, die dunkelblaue Shirts mit einem aufgestickten Trigema-Logo tragen. Sie kommen vom Parkplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite, auf der sich auch Grupps Anwesen befindet. Es ist von Blicken geschützt durch massive Mauern und dichte Bäume.
Links schützt eine Mauer vor Blicken auf Grupps Anwesen, auf der rechten Seite befindet sich die Trigema-Zentrale. Foto: STZN
Andere Menschen im Ort hingegen wollen reden. Über Grupp, der hier während des Zweiten Weltkriegs geboren wurde, zur Schule ging, das Unternehmen seines Vaters übernahm, es erfolgreicher machte als je zuvor, die Leitung seinen Kindern übergab, und dann, am Morgen des 7. Juli, in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Viel mehr war nicht bekannt gewesen, zehn Tage lang.
„Es war Thema Nummer eins, ganz klar“, sagt Simone Tukara. Die 43-Jährige ist Verkäuferin in einer Bäckerei-Filiale in Burladingen, die nur ein paar Straßen von der Trigema-Zentrale und vom Anwesen Grupps entfernt ist.
In der Bäckerei, in der Simone Tukara verkauft, komme Wolfgang Grupp regelmäßig vorbei. Foto: STZN
Sie kenne ihn, er komme regelmäßig vorbei, hole Brötchen. Sie spricht hochachtungsvoll von Wolfgang Grupp: ein netter Mann, höflich, zuvorkommend, gut gelaunt. Es habe Gerüchte gegeben in Burladingen, sagt sie, aber niemand habe wirklich gewusst, was passiert sei.
Gerüchte nehmen ihren Lauf in Burladingen
Die Menschen in Burladingen berichten von den Zeitungsartikeln, die sie gelesen hätten. Von einem großen Polizeieinsatz, von einem Rettungshubschrauber, von einem möglichen Schuss, der gefallen sei. Es habe Gerüchte gegeben im Ort über einen Jagdunfall. Und über einen Einbrecher, auf den Wolfgang Grupp angeblich geschossen haben soll. Aber auch über einen möglichen Suizidversuch sei gesprochen worden.
Zwei der drei Erzählungen entpuppten sich am Donnerstag als Unwahrheiten. Der Ex-Trigema-Chef machte in einem Brief öffentlich, dass er sein Leben habe beenden wollen.
Burladinger beeindruckt von Wolfgang Grupps Offenheit
Simone Tukara berichtet wie viele andere Burladinger an diesem Freitag, sie sei „geschockt“ gewesen, als sie diese Nachricht hörte. „Ich habe es nicht erwartet, weil er einfach ein sehr tougher und bodenständiger Mensch ist. Wenn so jemand im Alter krank wird, ist es sehr schade.“ Grupp schrieb in seinem Brief: „Ich bin im 84. Lebensjahr und leide an sogenannten Altersdepressionen.“
Die Erkrankung habe man Wolfgang Grupp nicht angemerkt, so die vorherrschende Meinung in Burladingen. Die Menschen hier beschreiben ihn als selbstbewussten Unternehmer, als Mann mit klarer Kante, der mit seinen Gedanken nicht hinterm Berg hält.
„Respekt, dass er zu seinen Problemen steht“, sagt eine Verkäuferin, die ihren Namen nicht nennen möchte, in einer Burladinger Tankstelle. Grupps offensiver Umgang mit seiner Erkrankung und den Geschehnissen am 7. Juli beeindrucken die Menschen in Burladingen. „Weil das auch zeigt, dass es dieses Problem gibt, und Grupp darauf aufmerksam macht als persönlich Betroffener“, sagt Bernd Paysam, der Grupp primär durch das Fernsehen kennt, wie er selbst sagt.
Burladinger richten Blick nach vorn
Besser kenne ihn Gerd Pfister, der nur ein paar Häuser weiter vom Grupp-Anwesen eine Metzgerei leitet. Der Ex-Trigema-Chef bringe nach der Jagd regelmäßig Wild zum Erlegen vorbei. „Ein Gentlemen“, mit dem er „ab und zu auch Späßle“ mache, sagt Pfister.
Gerd Pfister ist Inhaber einer Metzgerei ganz in der Nähe des Grupp-Anwesens. Foto: STZN
Auch er zeigt sich betroffen: „Das war ein Schock, dass das passiert ist.“ Pfister richtet den Blick nach vorn und wünscht Grupp, was so viele Burladinger an diesem Freitag in Gesprächen ausdrücken: „Ich hoffe, es geht ihm gut, und er erholt sich wieder.“ Ein ganzer Ort drückt die Daumen.
Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 und unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/