„Summer of Scandals“ bei Arte Mit Schmach und Schande

Von René Martens 

Milli Vanilli sind die erfolgreichste deutsche Band in den USA. Das wird gern vergessen. Der Skandal rund um die Sänger ist dagegen ins Gehirn gebrannt. Diesen und vielen anderen Skandalen widmet der Kultursender Arte seine Sommerreihe.

Der Film „I am Divine“ würdigt die 1988 verstorbene Drag Queen. Foto: Arte
Der Film „I am Divine“ würdigt die 1988 verstorbene Drag Queen. Foto: Arte

Stuttgart - Wenn Wolfgang Bergmann, der Arte-Programmkoordinator des ZDF, sagt, die Zeit der „guten alten Skandale“ sei vorbei, klingt das auf den ersten Blick wie eine nostalgie-getränkte Äußerung. Tatsächlich handelt es sich um einen nüchternen Befund. Als Elvis Presley 1956 im Fernsehen lasziv Hüften und Hintern bewegte oder zwei Jahrzehnte später die Sex Pistols einen Moderator beschimpften, war das noch geeignet, das Establishment zu erschüttern. Doch solche Skandale, „die das Zeug hatten, die Gesellschaft zu verändern“ oder ihr zumindest „den Spiegel vorzuhalten“, wie Bergmann sagt, gibt es längst nicht mehr. Heute dagegen werden jeden Tag mehrere Skandale produziert oder ausgerufen, die spätestens zwei Tage später schon vergessen sind.

Die Bedeutung des Skandals für die Popkultur will Arte nun mit seiner Reihe „Summer of Scandals“ aufzeigen, die an diesem Wochenende startet. „Summer of Scandals“, an sechs Wochenenden zu sehen, ist der zehnte popkulturhistorische Sommer-Schwerpunkt des Senders. Außen vor bleiben politischen Skandale. „Der Skandal in der Kunst, der Grenzen ausloten soll, ist ja etwas anderes als der politische Skandal, bei dem etwas herauskommt, was nicht herauskommen soll“, erläutert Bergmann. Das ist durchaus eine plausible Differenzierung, und dennoch wird der Begriff Skandal in diesem Sommerprogramm weit gefasst – etwa in der Überblicksdarstellung „Pop Scandals“, die Arte am 30. Juli in zwei Teilen zeigt. Das Spektrum reicht bis zu den Skandalen, die die Affären zwischen Marilyn Monroe und John F. Kennedy sowie Bill Clinton und Monica Lewinsky auslösten. Gewiss, Monroe war eine popkulturelle Figur, aber Clinton ja nun eher nicht.

Was haben die Beatles mit Marilyn Monroe zu tun?

In mehrere Jahrzehnte umfassenden Rundumschlägen zur Pop-Geschichte erweist es sich generell als Problem, dass Personen und Phänomene, die wenig miteinander zu tun haben, irgendwie miteinander in Beziehung gesetzt werden müssen. Manchmal klingen die Übergänge völlig abstrus: „Ein Jahr nach Marilyns Tod“ habe es „die nächste Provokationsstufe“ gegeben, erzählen uns die Autorinnen Nicole Kraack und Sonja Collison. Gemeint ist die „Beatlemania“. Was haben die „Provokationen“ der Beatles denn mit denen Marilyn Monroes zu tun?

Schnell kommt dann John Lennons skandalträchtige Äußerung, die Beatles seien „größer als Jesus“, zur Sprache, und von dort geht es dann überraschend zur Boygroup Boyzone – und das auch nur, weil deren Mitglied Ronan Keating zu den Experten gehört, die die Autorinnen nach wenig nachvollziehbaren Kriterien als Interviewpartner rekrutiert haben.

Skandalös oder legendär?

Mindestens zwei Klassen besser als „Pop Scandals“ ist Oliver Schwehms am zweiten „Summer of Scandals“-Wochenende zu sehende Dokumentation „Milli Vanilli: From Fame to Shame“. Fällt der Name Milli Vanilli fällt, denken die meisten an die Schmach, die die Bandmitglieder erleben mussten, als 1990 bekannt wurde, dass sie zu ihren Hits keinen Ton beigetragen hatten und der deutsche Produzent Frank Farian sie nur aufgrund ihrer tänzerischen Fähigkeiten ausgewählt hatte. Vergessen wird dabei in der Regel, dass Milli Vanilli bis heute die erfolgreichste deutsche Band in den USA sind.

Weil bei Skandalen nicht zuletzt Boulevardzeitungen eine Rolle spielen, haben die Programmplaner in ihren Schwerpunkt auch einen Film über den „Aufstieg und Niedergang der Skandalpresse“ aufgenommen. So lautet der Untertitel der Dokumentation „Tratsch und Totschlag“, in der Jean-Baptiste Péretié die Entwicklung der britischen und amerikanischen Boulevardzeitungen, vor allem aus dem Imperium Rupert Murdochs, in den Blick nimmt. Das ist teilweise informativ, aber leider bekommt hier Kelvin MacKenzie, von 1981 bis 1994 Chefredakteur von The Sun, viel Raum, um Döntjes aus seinem Berufsleben zu erzählen. Der Megaschurke MacKenzie ist verantwortlich für einen der größten Medienskandale des 20. Jahrhunderts, er verbreitete 1989 schamlose Lügen über die Opfer der Fußballstadionkatastrope von Hillsborough. Arte nennt ihn in der Programmankündigung „legendär“. So kann man es natürlich auch ausdrücken.

Highlights im Überblick: 16.7.: „The Libertines im Olympia“, 0.40 Uhr, 17.7.: „Mode-Skandal“, 23.50 Uhr, Auftakt einer sechsteiligen Reihe, 13.8.: „London’s Burning. Campino auf den Spuren des Punk“, 1.55 Uhr, 14.8.: „I am Divine“, 21.45 Uhr, eine Würdigung der Drag Queen