Mit dem Ende des Winters fiebert der Großteil der Menschen mit freudiger Erwartung dem Sommer entgegen. Der Grund: Vielen schlägt die dunkle Jahreszeit aufs Gemüt. Der Begriff der Winterdepression wird im Alltag dabei gerne salopp verwendet. Doch so leicht wie sich dieser Ausdruck im Sprachgebrauch etabliert hat, kann man bei einer getrübten Stimmung noch lange nicht von einer depressiven Erkrankung sprechen. Allerdings können gewisse Phasen im Jahr depressive Verstimmungen begünstigen oder verstärken.
Der medizinische Fachausdruck der Winterdepression ist die sogenannte saisonal abhängige Depression. Im Gegensatz zu klassischen, unipolaren Depressionen treten die Symptome nur in bestimmten Phasen des Jahres immer wiederkehrend auf. Meistens im Herbst oder Winter. Als Auslöser würden viele Experten den Botenstoff Melatonin verantwortlich machen, erklärt Christine Rummel-Kluge. Sie ist geschäftsführende Oberärztin am Universitätsklinikum in Leipzig. Er beeinflusst im Körper unseren Schlaf-Wachrhythmus. Durch die geringe Lichtintensität während der Wintermonate ist die Melatonin-Ausschüttung im Körper besonders hoch. Als Folge fühlen wir uns müde und haben ein vermehrtes Schlafbedürfnis.
Gibt es eine Sommerdepression?
Eine zum Winter analoge Sommerdepression gibt es wie in einigen Artikeln im Netz beschrieben jedoch nicht. Rummel-Kluge betont: „Der Begriff Sommerdepression ist vor allem ein gemachter Begriff der Medien“. Häufig wird der Ausdruck mit der Freizügigkeit im Sommer und dem damit einhergehenden Selbstzweifel einiger junger Frauen erwähnt. Der verstärkte Fokus auf die Körperwahrnehmung kann den Unmut zum eigenen Körper zwar begünstigen, Depression sei aber etwas anderes als Unzufriedenheit oder schlechte Laune, hebt die Oberärztin hervor. „Der Begriff in einem solch irrtümlich verwendeten Zusammenhang wird Menschen mit echter Depression nicht gerecht“, bekräftigt sie.
Bei einer saisonal abhängigen Depression treten atypische Symptome in Erscheinung. Dazu zählen unter anderem vermehrter Appetit und Schlaf, anstatt Appetitverlust und Schlafstörungen. Letztere begleiten häufig eine unipolare Depression , zu deren Kernsymptomen eine niedergeschlagene Stimmung und Antriebs-, und Freudlosigkeit gehören. Fachexperten hätten Menschen untersucht, die im Sommer unter einer wiederholten depressiven Episode litten, beschreibt Rummel-Kluge.
WEITERLESEN NACH DIESEM VERLAGSANGEBOT
Der Großteil der Betroffenen hätte Symptome einer unipolaren Depression gezeigt. Das Ergebnis bestätigt: Sommermonate sind selten der Auslöser für depressive Erkrankungen . In den meisten Fällen verstärken sie jedoch eine bereits vorhandene. Einfluss auf Stimmung und Selbstwert Die Oberärztin rät Betroffenen im Sommer aus diesem Grund von einer Urlaubsreise ab. Die sichtbare Lebensfreude des Umfelds rückt die persönliche konträre Stimmung nur in den Fokus der eigenen Wahrnehmung. Schuldgefühle kommen hinzu. „Einem an Depression erkrankten Menschen fällt dann auf: Ich bin im Urlaub, die Sonne scheint, es müsste mir doch eigentlich gut gehen“, beschreibt sie.
Für viele Menschen war der Corona-Sommer und der Umgang mit der plötzlichen Einsamkeit eine Herausforderung. Für Menschen mit depressiven Erkrankungen glich er vage formuliert einer Erleichterung. Die eigene Situation sei jetzt nicht mehr so stark aufgefallen. Man hätte sich nun in einem breiten Strom bewegt, wo man vorher immer nur gegen ihn geschwommen sei, veranschaulicht Babette Glöckner die Gefühlslage der Betroffenen. Die Pastorin ist seit 13 Jahren Leiterin der telefonischen Seelsorge in Hamburg. Menschen mit Depression zieht die vermehrte soziale Aktivität in den Sommermonaten häufig noch stärker in die eigene, sogenannte Tunnelexistenz.
Rückzug ist keine gute Idee
Wichtig ist aber, sich entgegen dem Gefühl nicht weiter in den eigenen vier Wänden zurückzuziehen. Der Rückzug verhindert das Erleben positiver Erfahrungen, die für den Wiederaufbau des Selbstwertgefühls dringend notwendig sind. Für Mitmenschen rät Glöckner an dieser Stelle: „Zuhören. Der Person achtsames und wertschätzendes Interesse entgegenbringen. Ihr vermitteln ‚Du bist wichtig in dem Moment‘.“ Summertime Sadness – ein Titel mit zwei Deutungen. Dabei gilt: Mit einem größeren öffentlichen Bewusstsein für psychische Erkrankungen nimmt man Betroffenen ein Stück Last von ihren Schultern.