Super Jami und Wyld scheitern an Vorschriften Zu wenig Umsatz ohne Wein und Sonnenschein

  Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/Leif Piechowski

Super Jami und Wyld schließen wieder früher: Städtische Vorschriften bremsen die Gastronominnen aus. Dabei wollten Kathie Bretsch und Jacintha Noëlle Talmon Gros mit längeren Öffnungszeiten auch ihrer Nachbarschaft dienen.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)

Die Gäste fragen immer noch verwundert nach, warum abends nicht mehr geöffnet ist. Dabei hat Kathi Bretsch die Entscheidung bereits vor ein paar Wochen verkündet: In ihrem Restaurant Super Jami werden nur noch Frühstück und Lunch serviert. Längere Zeiten lohnen sich einfach nicht. „Ich bin über sehr viele Warnzeichen hinweg gerast“, sagt sie. Auch Jacintha Talmon Gros verzichtet auf das Abendgeschäft, weil es doch keines ist. Nur für wenige Wochen hatte sie die Öffnungszeiten ihrer Tagesbar Wyld für Drinks und Snacks im Sonnenuntergang ausgedehnt. „Wir sind sowieso schon idealistisch unterwegs“, sagt die Gastronomin. Aber ohne eine ausreichende Zahl an Außenplätzen lohne sich der Aufwand nicht. Dabei hat sie viel unternommen – inklusive einer Unterschriftensammlung. Die beiden Betriebe sind exemplarisch für die Kollisionen der Gastronomie mit den Vorschriften in Stuttgart.

 

Nutzungsänderungen für die Lokale sind beantragt

Kathi Bretsch wusste von Anfang an, dass es Probleme geben könnte. Vor acht Jahren hat sie an der Heusteigstraße die Räume einer ehemaligen Metzgerei bezogen. Als Deli startete sie damals mit Super Jami, verkaufte selbst gemachte Soßen, Aufstriche und Sandwiches zum Mitnehmen. Ein Thai-Imbiss und eine Tapas-Bar hatten vor ihr die Räume gemietet. Für die Produktion von Lebensmitteln dürfen sie genutzt werden, Gastronomie war dort nicht vorgesehen. „Wir haben uns weiter entwickelt“, sagt Stuttgarts erste vegane Köchin, das Super Jami führte aufgrund hoher Nachfrage erst einen Mittagstisch ein und schließlich das Abendessen. Vergangenes Jahr reichte sie beim Baurechtsamt eine Nutzungsänderung für ihr Lokal ein. Was darüber hinaus fehlte: die Lizenz für den Alkoholausschank. „Das wäre nicht nur von einem kulinarischen Standpunkt aus betrachtet toll, das brauche ich auch ganz platt zum Geldverdienen“, sagt sie.

Die Restaurants gegenüber dürfen sich draußen ausbreiten

Jacintha Talmon Gros weiß gar nicht mehr, wie viele Anträge sie bei der Stadt bereits gestellt hat. Im November 2021 eröffnete die 34-Jährige am Rosenbergplatz im Stuttgarter Westen ihre Tagesbar Wyld. Bei ihrem Laden handelt es sich rechtlich um ein Einzelhandelsgeschäft und keine Gaststätte, die Nutzungsänderung steht ebenfalls noch aus. Wie die Restaurants Le Tonneau und Bamboo gegenüber würde sie gerne die Fläche vor dem Wyld am Rosenbergplatz für Tische und Stühle nutzen. „Die Leute wollen im Sommer draußen sitzen“, sagt sie, und genau an die Stelle scheint gegen Ende des Tages besonders lange die Sonne hin. Aber nicht nur ein Fahrradständer und drei Altglascontainer stehen ihren Plänen fürs Wyld im Weg.

Die Sicherheit und die Leichtigkeit des Verkehrs geht vor

Dabei ist die Stadtverwaltung den Gastronominnen durchaus entgegengekommen, allein weil sie ihre Lokale betreiben können. Eine Straßenwirtschaftserlaubnis kann Jacintha Talmon Gros nicht bekommen, weil die Bezugsgaststätte dafür fehlt. Das Amt konnte ihr „lediglich eine Sondernutzungserlaubnis für Einzelhändler mit bis zu einem Meter Tiefe entlang der Hausfassade für das Aufstellen von Tischen und Sitzgelegenheiten“ erteilen. Und weil davon ausgegangen wird, dass die Nutzungsänderung vom Baurechtsamt positiv beschieden wird, hat die Gaststättenbehörde parallel dazu das Verfahren zur Genehmigung einer Straßenwirtschaft betrieben. Allerdings besetzen im Fall von Wyld Altglascontainer, ein Fahrradständer sowie Schaltschränke den kleinen Platz. Um „die Sicherheit und die Leichtigkeit des Verkehrs“ zu wahren und die Zufahrt zu privaten Stellplätzen zu gewährleisten, darf dort nur ein einziger Tisch aufgestellt werden.

Kein Rotlicht im Heuteigviertel

Dass im Super Jami kein Alkohol ausgeschenkt werden darf, erklärt Kathi Bretsch mit einer Verordnung aus dem Jahr 1994: Um das Ausbreiten des Rotlichtbezirks in das Heusteigviertel zu verhindern, sei sie beschlossen worden. Umziehen möchte die 41-Jährige nicht, da sie direkt über ihrem Lokal wohnt. Und weil sich bei ihr plötzlich die Folgen der für die Gastronomie stressigen Coronapandemie in Form von gesundheitlichen Problemen zeigten, zog sie einfach die Bremse. Wein und Bier finanzierten in der Gastronomie die Speisen, erklärt sie: „Dafür, dass ich viel arbeite, bleibt wenig hängen.“ Zum Frühstück und Lunch bietet sie nun einfachere Gerichte an sowie regelmäßig geschlossene Abendveranstaltungen mit Weinverkostung. Kathi Bretsch, die sagt, dass „Essen mein Leben ist“, tröstet sich damit, dass sie trotz der neuen Öffnungszeiten „noch gut kochen“ kann.

Eine Unterschriftenliste fürs Wyld

Auch Jacintha Talmon Gros muss erst einmal Luft holen. Beim Abfallentsorger hat sie Vorschläge für neue Containerstandorte gemacht, bei der Wirtschaftsförderung um Unterstützung gebeten, um einen Kompromiss zu finden. „Ich will gar keine Geschenke“, sagt sie. Aber etwas Wertschätzung für die Arbeit der Gastronomie, die Lebensqualität in Stuttgarts Viertel bringt, fordert sie durchaus. Zumal die Branche mit Inflation, Personalmangel und der unsicheren Weltlage genug gebeutelt sei. „Es ist wirklich schade“, findet die 34-Jährige – wie auch ihre Gäste, von denen in nur einer Woche mehr als 130 mit ihrer Unterschrift mehr Tische und Stühle am Rosenbergplatz fordern.

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