Superfood aus Herrenberg Quinoa und Chia wachsen vor der Haustür

Quinoa wächst auf einem Feld bei Herrenberg. Foto: Stefanie Schlecht

Das Superfood Quinoa und Chia wachsen eigentlich in Südamerika. Der Landwirt Benjamin Kegreiß baut beides vor den Toren Herrenbergs an. Funktioniert das?

Böblingen: Leonie Schüler (lem)

Strohgelbe Weizenstoppel, sonnengelbe Rapsfelder und grün gewachsene Maisstauden – das sind Anblicke, die Spaziergänger von der heimischen Landwirtschaft kennen. Auf einem Acker hinter dem Herrenberger Ortsteil Mönchberg stehen jedoch tiefrote, fast violette Stängel, an deren Ende blütenartige, knubbelige Gebilde sitzen. Und nur ein paar Schritte weiter blühen Pflanzen in hellem Lila, die ebenfalls in keinem Lexikon der heimischen Arten zu finden sind.

 

Was dort im Gäu wächst, sind Quinoa und Chia. Beides hat vor einigen Jahren als neues Trendlebensmittel Einzug in deutsche Küchen gehalten. Und zwar unter dem Schlagwort Superfood – das meint Lebensmittel, die aufgrund ihres hohen Gehalts an Vitaminen und Mineralstoffen als besonders gesund gelten. Ihr Manko ist allerdings, dass sie häufig aus fernen Ländern stammen. Quinoa und Chia etwa wachsen eigentlich in Südamerika.

Benjamin Kegreiß ist zufrieden, wie die Chia-Pflanzen dastehen. Die Ernte ist im Oktober. Foto: Stefanie Schlecht

Benjamin Kegreiß vom Mönchberger Wiesenäckerhof gehört zu den wenigen Bauern, die das Superfood auch hierzulande anbauen. Im Jahr 2019 begann er mit Quinoa, und als die Südwestdeutsche Saatzucht 2023 auch das Chia-Saatgut freigab, baute er auch diesen an. „Schwäbische Chia-Samen“ und „Mönchberger Gäunoa“ nennt er seine Nischenprodukte.

Warum ging er das Wagnis ein? „Es macht Spaß, was Neues auszuprobieren, damit zu tüften und zu lernen“, sagt Kegreiß. Und seine Frau Alexandra ergänzt: „Es ist gut, wenn man bei etwas zu den Ersten gehört.“ Die Experimentierfreude liegt dem Landwirt in den Genen: Sein kürzlich verstorbener Großvater war einer der ersten Bauern in der Region, die sich schon vor 20 Jahren an den Linsenanbau herangewagt hatten.

Abgesehen vom Kegreiß’schen Pioniergeist motiviert den Bauer, der Vater zweier kleiner Kinder ist, die Nachhaltigkeit: Er produziert regional, was sonst auf weiten Wegen importiert wird. Und auch betriebswirtschaftlich ist der Anbau sinnvoll, denn die Nischenprodukte machen ihn unabhängiger vom Weltmarkt, der beim gängigen Getreide den Preis diktiert. „Wir können selber den Preis festlegen.“

Deutschlandweit wird das Superfood bestellt

Denn der Absatz läuft in großen Teilen direkt: über den eigenen Hofladen und den Verkaufsautomaten an der Hofeinfahrt. Außerdem liefert er an die Herrenberger Gastronomie, der regionale Lebensmittel am Herzen liegen, zum Beispiel dem Café Goldammer, die Gasthäuser Hasen und Traube oder der Caterer fit&fröhlich. Andere Hofläden haben Kegreiß’ Superfood ebenfalls ins Sortiment aufgenommen, außerdem einige Edeka- und Rewe-Supermärkte im Landkreis. Darüber hinaus werden die Produkte inzwischen deutschlandweit über die Homepage des Wiesenäckerhofs geordert; ein Gastrobetrieb in Rheinland-Pfalz zum Beispiel bestellt regelmäßig.

Chia-Samen gelten als Superfood. Foto: Stefanie Schlecht

Voraussichtlich Anfang Oktober wird Kegreiß sein Chia und Quinoa dreschen. Er ist zufrieden, wie die Pflanzen dastehen. „Sie sind ein bisschen klein wegen der Trockenheit im Frühjahr, aber letztes Mal haben sie sich auch hinten raus noch gut entwickelt.“ Vermutlich werde der Ertrag etwas geringer ausfallen als in den Vorjahren.

Auch wenn Kegreiß kein Bio-Zertifikat besitzt, baut er Quinoa und Chia komplett biologisch ohne den Einsatz von Spritzmitteln an. Damit die Felder trotzdem nicht vom Unkraut überwuchert werden, ist er zweimal mit der Hackmaschine durchgefahren und einmal zu Fuß durch die Reihen gelaufen, um von Hand zu rupfen. „Zu dritt waren wir einen Tag unterwegs“, sagt der 35-Jährige. Vermutlich werden sie ein weiteres Mal gegen das Unkraut anrücken müssen.

Landwirtschaft im Nebenerwerb – viel mehr als nur ein Hobby

Der Aufwand ist groß, und dabei ist die Landwirtschaft für Kegreiß nur ein Nebenerwerb. Hauptberuflich ist er Entwicklungsingenieur bei Daimler – in Vollzeit. „Im Sommer ist die Arbeit auf dem Hof eine zweite volle Stelle. Im Winter ist es etwas ruhiger“, sagt er. Den Wiesenäckerhof betreibt er zusammen mit seinem Vater und seinem Onkel, die sich ebenfalls im Nebenerwerb einbringen, genau wie früher der Opa. Danach gefragt, in wievielter Generation er das Hoferbe fortführt, zuckt Benjamin Kegreiß mit den Schultern. „Die x-te“. Genau weiß er es gar nicht.

Er selbst ist im Jahr 2015 in den Betrieb eingestiegen. Warum er sich die viele Arbeit antut? „Da ist man so reingeboren, da hört man nicht einfach auf. Man hängt an dem Ganzen“, sagt er und erzählt davon, wie er als Kind beim Mähdreschen und Zwetschgenernten dabei war, „ob man wollte oder nicht“. Allein von der Landwirtschaft könnten er und seine Familie nicht leben. Trotzdem ist der Ackerbau viel mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung für ihn. „Man darf’s nicht als Hobby fühlen. Man will den Bauern im Haupterwerb ja nicht den Preis kaputtmachen.“

Wie kann das Superfood verzehrt werden?

Chia
Die Samen passen gut als knuspriger Zusatz im Müsli. „Am besten am Vorabend in Milch einweichen, dann ist es bekömmlicher“, rät Alexandra Kegreiß. Es sollten aber nicht mehr als 15 Gramm pro Tag gegessen werden.

Quinoa
Das Pseudogetreide wird häufig in Bowls zusammen mit Gemüse und Salat angerichtet. „Man kann es genau wie Reis verwenden, zum Beispiel passt es auch zu Geschnetzeltem sehr gut“, sagt Alexandra Kegreiß. Da Quinoa kein Gluten enthält, ist es gut verträglich.

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