Superlative in der Region Vom Hauch des Mittelalters im Gebälk

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Rund um Stuttgart gibt es viele Superlative. Das älteste Wohnhaus Deutschlands beispielsweise steht in Esslingen und hat rund 750 Jahre auf dem Buckel.

Das älteste Haus der Region steht Esslingen in der Webergasse 8. Foto: Pressefoto Horst Rudel
Das älteste Haus der Region steht Esslingen in der Webergasse 8. Foto: Pressefoto Horst Rudel

Esslingen - Milliarden oder Millionen? In Zeiten der Euro- und Finanzkrise wird mit gigantischen Zahlen nur so um sich geworfen. Vorstellen kann sich die Dimensionen schon längst keiner mehr. Doch mit der Vorstellungskraft hört es bereits viel früher auf. Eine Zeit ohne Auto und Flugzeug? Ohne Handy und Computer? Ohne MP3-Player, iPhone, E-Book oder TV-Flachbildschirm? Undenkbar. Dabei gibt es all diese zivilisatorischen Segnungen erst wenige Jahre oder Jahrzehnte.

Angesichts solch rasanter Entwicklungen muten Zeiträume von mehreren Jahrhunderten geradezu an wie eine Ewigkeit. Doch für Ilknur Kadayifci ist die Vergangenheit Gegenwart. Denn die Deutsche türkischer Abstammung lebt im ältesten Wohnhaus der Region. Es steht in der Webergasse in der Esslinger Altstadt und trägt die Hausnummer 8b. "Wenn ich die Holzbalken anfasse, dann spüre ich, dass es ein ganz besonderes Haus ist", sagt die 37-Jährige mit einem feierlichen Unterton. Es sei, als würde sie in die Vergangenheit zurückversetzt, und zwar weit, nämlich in das Mittelalter, in das Jahr 1266/67. Denn damals, vor rund 750 Jahren, ist das Gebäude in der Webergasse 8b errichtet worden.

Altestes Wohnhaus Deutschlands

Damit ist das Fachwerkhaus laut den Denkmalschützern nicht nur das älteste Wohnhaus der Region, sondern auch ganz Deutschlands. Es gibt zwar ein weiteres Fachwerkhaus, das noch fünf Jahre älter ist als das in der Webergasse. Es steht ebenfalls in Esslingen, und zwar in der Heugasse 3. Allerdings sind dort nur noch wenige Einzelteile aus der Zeit erhalten. Im Gegensatz zum Haus in der Webergasse 8b. Dort ist die gesamte Kernkonstruktion noch erhalten, das heißt, die Balken aus Eichenholz sind rund 750Jahre alt.

Seit dem Frühjahr lebt Ilknur Kadayifci in dem Haus aus dem Mittelalter. "Als ich es gesehen habe, wusste ich, da drin will ich wohnen", sagt die Apothekenhelferin. Sie ist eine von vier Mietern, die in den ersten drei Etagen leben. Im Erdgeschoss befindet sich ein Second-Hand-Geschäft. Ilknur Kadayifci wohnt im dritten Stockwerk direkt unter dem altehrwürdigen Dach. Nach 47 steilen Stufen ist sie in ihrer Zweieinhalbzimmerwohnung mit rund 57Quadratmetern angekommen. Dort zeugen die frei gelegten Balken von einer fernen Vergangenheit: Geschichte zum Anfassen.

Dass ein so altes Gebäude entdeckt wurde, war ein Zufall. "Ich kann mich daran noch genau erinnern", sagt der Bauforscher Burghard Lohrum. Der 63-jährige Experte war vor rund 25Jahren mit der Untersuchung der Esslinger Altstadt beschäftigt. Mit fünf Häusern am nahe gelegenen Hafenmarkt hatte alles angefangen. Als eines davon abgerissen wurde, trat altes Fachwerk zu Tage. Daraufhin wurde eine sogenannte dendrochronologische Untersuchung gemacht. Die Jahresringe der Holzbalken wurden genau unter die Lupe genommen. Das zeigte, dass die Häuserzeile nicht, wie bis dahin angenommen, aus dem 17.Jahrhundert stammte, sondern zwischen 1329 und 1333 entstanden war: Die älteste Fachwerkfront Deutschlands war entdeckt. Die Stadt Esslingen war alarmiert. "Wir haben daraufhin eine Reihenuntersuchung gemacht", sagt Lohrum. Alle benachbarten Fachwerkhäuser wurden dendrochronologisch untersucht; erst seit damals steht das Baujahr vieler Häuser in der Esslinger Altstadt exakt fest.

Jahresringscheibe herausgebohrt

Auch aus einem Eichenbalken im Haus Webergasse8b wurde eine Jahresringscheibe im Durchmesser eines Flaschenkorken herausgebohrt. Anhand der Wachstumsmuster der Jahresringe konnte ermittelt werden, dass das Gehölz 1266/67 geschlagen worden war. Und das Fälljahr ist in der Regel identisch mit dem Jahr des Einbaus. Seither wurde die Geschichte des Gebäudes rekonstruiert. Die genaue Nutzung ist unklar. Fest steht, dass es sich um ein Patrizierhaus handelt. Was man unter anderem daran erkennt, dass das höher gelegene Stockwerk immer einige Zentimeter über das darunter liegende hinausragt. "Das war im Mittelalter eine Prestigefrage", sagt Burghard Lohrum, der in der Region sehr viele Häuser baugeschichtlich untersucht hat. "Je größer der Vorsprung, umso größer das Prestige."

Das spielt für Ilknur Kadayifci überhaupt keine Rolle mehr. Sie ist froh, endlich wieder in einem alten Gebäude leben zu dürfen. Die Liebe zu geschichtsträchtigem Gemäuer hat sie buchstäblich mit der Muttermilch eingesogen. Sie wurde in Rothenburg ob der Tauber geboren und lebte mit ihren Eltern und Geschwistern in einem Haus aus dem Jahr 1524. Bevor Ilknur Kadayifci vor elf Monaten in die Webergasse 8b gezogen ist, hat sie erstmals in einem Neubau gewohnt. "Die drei Jahre dort waren absolut nichts für mich", sagt sie. "Da habe ich mich richtig einsam gefühlt." Das ist jetzt nicht mehr so. Für die 37-Jährige hat das Leben in den historischen Mauern etwas Mystisches. Was es ganz genau ist, kann sie nicht sagen. "Aber das finde ich noch heraus." Denn sie hat nicht vor, so schnell wieder aus dem 750Jahre alten Haus auszuziehen.

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