Viele andere dagegen schon, hat doch die Pandemie die Aufmerksamkeit auf unseren Leib und seine Funktionen noch einmal verstärkt. Und genau darum geht es in der ideenreichen Schau: um den Körper. Plastische Geschöpfe von rund zwanzig Bildhauern und Bildhauerinnen der Gegenwart führen vor, was der Mensch des 21. Jahrhunderts über seine eigene Leiblichkeit denkt, wie er sie pflegt, beeinflusst oder auch misshandelt.
Großartige Täuschungseffekte
Der Fokus liegt dabei auf Werken des Hyperrealismus, womit Hausherrin Nicole Fritz an ein früheres Projekt anschließt. Mit einem großen Überblick zur lebensechten Skulptur landete die Kunsthallenchefin 2018 einen Publikumserfolg. Doch auch für „Supernatural“, wie sich die aktuelle Themenschau überschreibt, hätte Fritz kein besseres Genre finden können. So sorgt die Kunst der Augentäuschung erneut für grandiose Ätsch-Erlebnisse. Mehrmals verwechselt man Exponate mit Personen aus Fleisch und Blut. Außerdem vermittelt der sinnliche Illusionismus das Drängende, Allgemeingültige des Themas viel spontaner als verkopfte Konzeptkunst. Auf einem Rundgang zwischen Staunen und Mitleiden begreift jeder, dass das Gezeigte auch ihn selbst betrifft. Angefangen bei der wölfisch behaarten Bettlerin auf dem Boden. In der Fußgängerzone hätten wir Patricia Piccininis Mutter-Kind-Plastik wahrscheinlich für das bedauernswerte Opfer einer seltenen Krankheit gehalten und in der Hosentasche nach Kleingeld gesucht. Aber auch der junge Mann mit dem Hundekopf, den Sam Jinks da nackt und verletzlich dem Betrachterblick preisgibt, hat nichts mit den fantastisch entrückten Tiermenschen der Surrealisten gemein. Jedes Schamhaar zwischen den Beinen, jedes Äderchen unter der Haut ahmt der künstlerische Naturalismus perfekt nach. Plötzlich wird aus einem mythologischen Geschöpf unser Doppelgänger von morgen. Denn wer kann noch ausschließen, dass Hybridwesen dieser Art schon bald im Reich des gentechnisch Möglichen liegen?
Technik trifft Erotik
Überhaupt sind es lauter Visionen von der nahen Zukunft des Körperdesigns, die sich in Tübingen auftun. Biologie und Informatik wachsen zusammen. Das verrät schon das verkabelte Gliederzucken der Cyborg-Frau, die Andro Wekua über rosarotem Boden schweben lässt. Takayuki Todos Robotermädchen wiederum sucht die Interaktion mit dem Kunsthallenbesucher. Dank der integrierten Gesichtserkennungssoftware erwidert der animierte Kopf die Blicke seines Gegenübers, als wolle er flirten.
Technik trifft Erotik – seit je ein Grusel für Fortschrittsskeptiker. Unheimliche Automatenmenschen klappern schon seit Beginn der Neuzeit durch die Kulturgeschichte. Doch Gelähmte hätten wohl kein Problem damit, Cyborg zu sein, wenn sie dank digitaler Implantate wieder laufen könnten. Deswegen verfällt die Ausstellung nicht in einen voreiligen Moralismus, der versucht, den natürlichen Körper gegen den künstlich manipulierten auszuspielen. Das eine ist vom anderen kaum noch zu trennen. Vertraute biologische Kategorien sind schon dabei, sich aufzulösen. Durch Schönheitschirurgie und Hormontherapie kann jeder zum Bildhauer seines Egos werden und sein Geschlecht, sein Gesicht, sein ganzes physiologisches Selbst umgestalten. „Ich ist ein anderer“, dieser viel zitierte Satz von Arthur Rimbaud dient auch dem verstörendsten Beitrag der humanoiden Parade zum Titel. Fünf Skulpturen hat das Künstlerduo Glaser/Kunz in einen dunklen Raum gesetzt. Plötzlich beginnen sie zu reden, wobei sich Stimmen und Aussehen des gespenstischen Quintetts mehrfach verändern. Aus Europäern werden Nordafrikaner, Männer verwandeln sich in Frauen. Zum Leben erweckt hat sie der Videobeamer. Ursprünglich entstand die Arbeit für den Wartesaal eines Bahnhofs. Wie schon die Koffer verraten, handelt es sich bei den Gestaltwandlern um Reisende. Unterwegs in eine Körperwelt mit vielen Gesichtern, Geschlechtern und Identitäten.
Kunstgeschichtlicher Hintergrund
Stilbegriff Als Hyperrealismus bezeichnet die Kunstgeschichte den Ansatz, Dinge oder Personen so wirklichkeitsgetreu wie möglich wiederzugeben. Bereits altniederländische Stilllebenmaler vermochten es, Obst oder Gemüse täuschend echt ins Bild zu setzen. In der Skulptur begann die große Zeit des Hyperrealismus in den 1960er Jahren. Als wichtigste Vertreter gelten die Amerikaner Duane Hanson und John De Andrea sowie der Australier Ron Mueck.
Programm Die Ausstellung läuft bis 7. März, Philosophenweg 76, Di–So 11–18, Do –19 Uhr. Ein umfangreiches Zusatzangebot vertieft die Fragestellungen der Präsentation. So bietet ein Workshop mit der Kunstvermittlerin Juliane Müller die Möglichkeit, eigene Fantasiewesen aus Modelliermasse zu erschaffen (24. 10., 14–17 Uhr). Höhepunkt des Begleitprogramms ist der Gastvortrag des bekannten Kunsttheoretikers Bazon Brock, der sich dem Thema „Bürgerpflicht Unsterblichkeit“ widmet (5. 11., 19 Uhr).
Alle Veranstaltungen auf www.kunsthalle-tuebingen.de.