Der größte aktive Supervulkan Europas sorgt erneut für viel Aufsehen und Sorgen. Die Erdkruste über den Phlegräischen Feldern in Italien wird Forschern zufolge immer instabiler, rissiger und schwächer. Ein Ausbruch hätte verheerende Folgen. Jetzt hat die Erde unter Neapel wieder gebebt. Ein weiteres Warnsignal?

Wochenend-Magazin: Markus Brauer (mb)

Auf den ersten Blick sehen sie unscheinbar aus. Die Phlegräischen Felder, ein Gebiet in der süditalienischen Region Kampanien nahe der Millionenmetropole Neapel mit hoher vulkanischer Aktivität, sind vergleichsweise flach und wirken kaum bedrohlich. Doch unter der Erdoberfläche am Golf von Neapel schlummert ein riesiger Vulkan – ein Supervulkan.

 

Unter Neapel bebt die Erde

Könnte er in absehbarer Zeit ausbrechen? Die Warnzeichen sind unübersehrbar. Nun hat erneut ein Erdbeben die Region um Neapel erschüttert. Der Erdstoß der Stärke 4,0 habe sich am Montagabend (2. Oktober) in den Phlegräischen Feldern ereignet, erklärte der italienische Zivilschutz. Dabei handelt es sich um eine riesige aktive Vulkanregion westlich des Vesuvs. Es sei nicht zu Schäden oder Verletzten gekommen, allerdings habe das Beben für Panik unter den Bewohnern gesorgt, fuhr der Zivilschutz fort.

Das Epizentrum des Erdbebens lag nach Angaben des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV) in einer Tiefe von etwa drei Kilometern zwischen den Städten Neapel und Pozzuoli. In den Phlegräischen Felder kam es in den vergangenen Tagen zu einer Reihe von Beben.

Erst am Mittwoch vergangener Woche wurde dort ein Erdstoß der Stärke 4,2 gemessen - das stärkste Erdbeben seit 40 Jahren in der Gegend. Fachleute des INGV warnen davor, dass die Phlegräischen Felder erneut ausbrechen könnten. Das Gebiet werde laut dem Ergebnis einer Untersuchung der Forscher schwächer und anfälliger für Risse in der Erdkruste.

Letzter Ausbruch war 1538

Der letzte größere Vulkanausbruch in den Phlegräischen Feldern war im Jahr 1538. Eine große Eruption vor 30 000 Jahren soll zum Aussterben der Neandertaler beigetragen haben. In der Region leben heute eine halbe Million Menschen.

Die Gegend um Neapel ist immer wieder von Erdbeben betroffen. Die Stadt liegt in er Nähe des Vesuv, einem der aktivsten Vulkane der Welt. Zudem befinden sich in der Nähe die Phlegräischen Felder, ein rund 150 Quadratkilometer großes Gebiet mit hoher vulkanischer Aktivität, das als Supervulkan eingestuft wird. Das Epizentrum des Erdbebens befindet sich in dieser Zone.

Die aktivsten Vulkane der Welt

Weltweit gibt es zwischen 1500 bis 1900 aktive Vulkane. Pro Jahr werden etwa 50 tätig. In unserer interaktiven Weltkarte stellen wir die zehn aktivsten Vulkane unseres Planeten vor.

Ätna, Vesuv, Phlegräische Felder

Italien ist bekannt für seine Vulkane. Die bekanntesten – der Ätna auf Sizilien und der Vesuv unweit von Neapel – halten das Mittelmeerland bereits auf Trab. Doch Forscher sorgen sich derzeit um die Phlegräischen Felder (Italienisch: Campi Flegrei) und das Magma in der Tiefe. Denn die Erdkruste über dem Vulkanriesen wird immer schwächer.

Spätestens seit einer neuen Studie von Forschern des University College London (UCL) und des italienischen Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV) stehen die „brennenden Felder“ und die möglichen Auswirkungen eines Ausbruchs des Supervulkans im Fokus.

Erdoberfläche der Phlegräischen Felder zeigt immer mehr Risse

Den Ergebnissen der Vulkanologen zufolge wird die Erdoberfläche der Felder schwächer und anfälliger für Risse. Supervulkane zeichnen sich durch eine besonders große Magmakammer aus. Anders als normale Vulkane, brechen sie nicht nur aus, sondern explodieren regelrecht. Statt eines Vulkankegels, also Berges, hinterlassen sie nach einem Ausbruch einen riesigen Krater. Dieser wird als Caldera bezeichnet.

Die Caldera der Phlegräischen Felder durchläuft den Forschern zufolge zurzeit den Übergang von einer „elastischen“ zu einer „unelastischen“ Phase. Die Fachleute haben in der Tiefe Bewegungen ermittelt, die auf aufsteigendes Gas hindeuten. Dies äußert sich in Hebungen und Senkungen, die zu Brüchen in der Kruste führen können.

Warum brechen Vulkane aus?

Vulkane, die nach langer Ruhe wieder erwachen, müssen die in den Jahren der Ruhe gewachsene dicke Kruste zunächst aufbrechen, um das Magma ausstoßen zu können. Einem solchen Bruch gehen eben dieses wiederholte Heben und Senken sowie vulkanische Beben voraus.

Genau das passiert den Forschern zufolge zurzeit unter den Phlegräischen Feldern. Ein solcher Bruch würde zur Eruption führen.

https://agupubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1029/2022GL102437

Aktives Vulkangebiet mit mehreren vulkanischen Zentren

Das etwa 150 Quadratkilometer große Areal in der Nähe von Neapel und an der Mittelmeerküste gelegen, bereitet Forschern nun schon seit geraumer Zeit mehr oder weniger Sorgen. Die Phlegräischen Felder befinden sich recht nah an ihrem bekannten Nachbarn – dem Vesuv. Die Felder zeichnen sich durch ein seit über 80 000 Jahren aktives Vulkangebiet mit mehreren vulkanischen Zentren aus.

Auf den ersten Blick unauffällig sind aus der Luft die zahlreichen Explosionskrater zu sehen. Fumarole, also vulkanische Dampfaustrittsstelle, sowie Thermalquellen lassen darauf schließen, dass es unter der Erde rumort.

Wie verheerend wäre ein Ausbruch des Supervulkans?

Die Sorge vor einem Ausbruch ist deshalb groß, da die Auswirkungen verheerend sein könnten – und das nicht nur für die unmittelbare Umgebung. Bei einem Ausbruch vor rund 40 000 Jahren wurde etwa eine enorme Menge an Asche in die Atmosphäre geschleudert, die das Klima nicht nur regional, sondern auch weltweit massiv beeinflusste. Dann erneut vor 15 000 Jahren. Der letzte Ausbruch ereignete sich 1538.

Seit 70 Jahren rumort es nun wieder unter der Erde. Zehntausende kleine Erdbeben erschütterten in dieser Zeit das Gebiet. Allein im Mai dieses Jahres gab es INGV-Daten zufolge 661 Erdbeben. Wenn auch schwach, 633 davon mit einer Stärke von unter 1,0, tragen sie zur Instabilität bei. Seit nun elf Jahren gilt für das Gebiet die vom Zivilschutz ausgerufene Alarmstufe gelb, die zur Vorsicht aufruft.

Info: Supervulkane

Kontinentalplatten
Die Kontinentalplatten bestehen aus der Erdkruste mitsamt Teilen des oberen Erdmantels. Diese feste Gesteinshülle (Geologen nennen sie Lithosphäre) unter Mitteleuropa ist durchschnittlich 100 Kilometer dick und somit im Vergleich zum Gesamtdurchmesser der Erde (12 742 Kilometer) hauchdünn.

Erdmantel
Es gibt sieben großen Kontinentalplatten. Sie können sich auf dem darunterliegenden, plastisch verformbaren Erdmantelbereich verschieben. Erdbeben entstehen an Zonen, wo sie zusammenstoßen und eine Kontinentalplatte unter die andere sinkt, aber auch innerhalb der Platten. Als die Vulkane der Schwäbischen Alb ausbrachen, gab es noch keine Menschen. Die Auswirkung der nur kurz andauernden Maar-Eruptionen beschränkte sich auf ein kleines Gebiet von nur wenigen Kilometern im Umkreis der Vulkane. Die Kraterseen der Maare ermöglichten hingegen viele tausend Jahre lang eine artenreiche Lebewelt in ihrem Umland. So waren die Eruptionen eindeutig mehr ein Gewinn als eine Katastrophe für Fauna und Flora.

Pompeji und der Vesuv
Anders mag das – zumindest aus einer kurzfristigen Perspektive betrachtet – in Bezug auf die Auswirkungen großer Eruptionen aussehen. Der Ausbruch des Vesuv bei Neapel im Jahre 79 n. Chr. ist wohl das bekannteste Beispiel einer solchen plinianischen Eruption. Damals wurden die Städte Pompeji, Herculaneum, Stabiae und Oplontis unter einer bis zu 25 Meter mächtigen Decke aus Asche und Bimsstein verschüttet, Tausende starben.

Plinianische Eruptionen
Dies sind gewaltige explosive Vulkanausbrüche, die mit enormen Aschenfällen verbunden sind. Ihren Namen verdanken sie dem Augenzeugen und Chronisten Plinius dem Jüngeren, der den Ausbruch des Vesuvs und den Untergang Pompejis in zwei Briefen an den römischen Geschichtsschreiber Cornelius Tacitus beschrieb. Sein Onkel, der Naturforscher Plinius der Ältere, fand bei diesem Ausbruch den Tod.

Eifel
Spielfilme und Dokumentationen über „Die letzten Tagen von Pompeji“ kennt fast jeder. Was dagegen nur wenige wissen: Die Eruption des Laacher-See-Vulkans in der Eifel vor 12 900 Jahren war wesentlich stärker als die des Vesuv 79 n. Chr., die gewaltigste Eruption in ganz Mittel- und Westeuropa seit 200 000 Jahren.