Susanna Filbinger-Riggert im Porträt Der Fund der Tagebücher brachte alles in Gang

Reise: Annette Schwesig (apf)
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Als sie dann im Frühjahr 2009 die Tagebücher ihres Vaters fand, war ihr schnell klar, dass jetzt der geeignete Zeitpunkt gekommen war, um ihr Buchprojekt anzugehen. Im Vorwort der Anfang Mai erschienenen Autobiografie „Kein weißes Blatt“ heißt es: „Ich ringe immer wieder und immer noch mit dem, was war, und dem, was ist. Vielleicht werde ich nie ganz ,fertig‘ mit allem sein. Aber ein Anfang ist gemacht. Die Beschäftigung mit den Tagebüchern meines Vater, die ich durch Zufall entdeckte und die der Auslöser für dieses Buch waren, ist für mich ein wichtiger Schritt in Richtung Verstehen, jenseits von Rechtfertigung und Verurteilung.“

Es ist ein erstaunlich freimütiges, ein berührendes und zudem sehr gut geschriebenes Buch geworden. Besonders eindrücklich sind die Passagen, in denen sie die häusliche Situation der kinderreichen Familie beschreibt: die liebevolle und humorvolle, manchmal aber auch abweisende und überforderte Mutter. Den unter der Woche abwesenden und am Wochenende strengen und sehr auf Disziplin achtenden Vater. Nie, außer im Urlaub, hat die kleine Susanna ihren Vater anders als im dunklen Anzug mit Hemd und Krawatte gesehen.

Ein Leben in der Öffentlichkeit

Als extrem belastend empfand sie das Leben in der Öffentlichkeit, von 1975 an stand die Familie unter Personenschutz. Dann der Rücktritt: die junge Susanna Filbinger war damals Mitarbeiterin der Deutschen Handelskammer in London. Auf einmal gab es „Platzprobleme“. „Mit anderen Worten: auch ich musste zurücktreten.“

Zwei ihrer Geschwister haben verhindert, dass die erste Auflage des Buchs erscheint, weil darin viele Originalzitate aus den Tagebüchern standen, an denen alle Geschwister die Rechte haben. Die überarbeitete Version verzichtet nun auf Zitate, und kurz vor Redaktionsschluss wurde gemeldet, dass der Streit beigelegt ist. Der Verzicht auf die wörtlichen Zitate ist nicht unbedingt ein Verlust; dadurch, dass die Autorin die Stellen umgeschrieben hat, kommt ihre persönliche Sicht der Dinge, ihre Stimme noch mehr zur Geltung. Man verfällt gar nicht erst darauf, es könne sich um eine politische Biografie samt Neubewertung handeln. Um wirklich Nutzen und historische Kenntnisse aus den von Hans Filbinger hinterlassenen 60 Ringbüchern ziehen zu können, müsste man sie zunächst ordentlich edieren. Gerade die eng beschriebenen Tagebücher aus der Kriegszeit sind schwer zu lesen und zu interpretieren.

Das räumt Filbinger-Riggert mittlerweile ein. Sie hätte nichts gegen eine Edition. Doch ihre Geschwister müssten einverstanden sein. „Wir sind alle fünf Eigentümer.“ Da sei noch nichts spruchreif. Sicher ist, dass sie weiterschreiben wird, und dass ihr nächstes Buch nicht zwingend etwas mit ihrer Familie zu tun haben muss.




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