Rafet Oral vom SV Leonberg/Eltingen Plötzlich Interimstrainer – „Ich bin ein Mann, der nicht nein sagen kann“

Note A: Rafet Oral hat viel Erfahrung als Coach – er hat schon Junioren und Frauen trainiert, nun ist er interimsweise Trainer eines Männer-Teams. Foto: Andreas Gorr

Rafet Oral bestreitet als Interimscoach des SV Leonberg/Eltingen das vierte Spiel, wenn der Oberligist am Samstag (20 Uhr) den TSV Altensteig empfängt. So hatte er das nicht geplant.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. So ziemlich jeder, der sich irgendwo im Sport bewegt, schlitterte wie ein Auto auf einer Eisfläche mal in eine Situation, die man nicht hatte kommen sehen. Eine Situation, die man hätte vermeiden wollen. „Eigentlich wollte ich in dieser Saison weniger machen“, sagt Rafet Oral.

 

Eigentlich.

Aber dann baute sich um den 54-Jährigen aus Kornwestheim herum ein Szenario auf, das er nicht verhindern konnte – und das ihn schließlich mit ins Geschehen hineinzog. Völlig überraschend hatte Cheftrainer Zoran Stavreski am 19. Oktober entschieden, seinen Posten beim Handball-Oberligisten SV Leonberg/Eltingen aufzugeben und zu entschwinden wie ein Liebhaber der seine Freundin von jetzt auf nachher verlässt.

Der Rücktritt von Trainer Zoran Stavreski bei den Leonberger Handballern kam unerwartet

Und damit hatte der Club ein großes Problem serviert bekommen: Woher einen neuen Chefcoach nehmen, wenn man sich doch keinen backen kann? Zumindest bis ein neuer Trainer seine Unterschrift geleistet hat, sollte sich jemand verantwortlich um die Handballer kümmern – und so rückte der Name Rafet Oral schnell und beharrlich ins Bewusstsein der Verantwortlichen.

Rafet Oral (re.) an der Bank des SV Leonberg/Eltingen mit dem (damals verletzten) Torhüter Max Schneider (Mi.) Foto: Andreas Gorr

„Werner Neuffer ist auf mich zugekommen“, erzählt der Auserkorene, „ob ich den Job nicht interimsweise übernehmen könne, bis ein neuer Cheftrainer gefunden ist.“ Ein kluger Schachzug des Sportlichen Leiters. Denn, obwohl er es wahrscheinlich nicht gewusst hat, Rafet Oral beschreibt sich selbst als „einen Mann, der nicht nein sagen kann“. So auch im Fall des SV Leonberg/Eltingen. „Ich mache es“, hörte sich der Mann aus Kornwestheim schließlich sagen.

Nun haben sich die Bosse der Abteilung nicht einen im Leonberger Sportzentrum geschnappt, der bei drei nicht schnell die Halle verlassen hat – Rafet Oral war aus verschiedenen Gründen eine fast zwangsläufige, ja logische Wahl. Zum einen ist er Vater von Rückraumakteur Yannik Oral, was seine Verbundenheit zum Sportverein ohne Zweifel belegt. Darüber hinaus trägt er jahrelange Erfahrung als Trainer in seiner Vita, sei es als Jugend- oder Frauen-Coach beim SV Salamander Kornwestheim. Und schließlich lebt seine gesamte Familie den Handball, sodass auch seine Ehefrau kein Veto einlegte.

Trainergespann auf Zeit: Rafet Oral (li.) und der ehemalige Kapitän des SV, Andreas Binder. Foto: Andreas Gorr

„Der Club steckt in einer Notsituation“, betont der aus der Not geborene Coach, „da war es selbstverständlich, dass ich helfe.“ Auch wenn Rafet Oral seine Kreise beim SV Kornwestheim zieht (wo er derzeit die A-Junioren trainiert), so steckt ein Teil seiner einstigen Arbeit auch im SV Leonberg/Eltingen. Yannik Oral, Roman Salathe und Niklas Bolkart waren in der Kornwestheimer Jugend seine Schützlinge als Junioren-Coach, auch Paul Schreiner und Max Schneider waren einst im Salamander-Club. Die wollte der 54-Jährige nicht im Stich lassen, und außerdem: „Die Leonberger haben Yannik nach seinem Wechsel so klasse integriert, sodass ich etwas dafür zurückgeben wollte“, erzählt der unfreiwillig freiwillige Interimscoach.

Yannik Oral (li.) zählt zu den Leistungsträgern im Team des SV Leonberg/Eltingen. Foto: Andreas Gorr

Die Fakten sind geschaffen. Doch Rafet Oral hofft, dass die Trainerfindungskommission der Leonberger aus Matthias Groß, Stefan Schuster und Werner Neuffer bald einen Mann findet, der ihn von diesen Zusatzaufgaben entbindet – schließlich ist er beim SV Kornwestheim als Coach der männlichen A-Junioren regelmäßig gefordert. „Da stehe ich im Wort – und das halte ich“, betont er. Doch die zeitliche Belastung ist keine, die man auf einer Pobacke absitzt: An mindestens sechs Tagen in der Woche ist Rafet Oral nun Handball-spezifisch gefordert; dazu kommt der Job.

Glücklicherweise arbeitet der Handball-Enthusiast in Leonberg, was die Strecke ins Training ziemlich minimiert. Eine Begleiterscheinung jedoch macht dem Vater zu schaffen – die Partien seiner Tochter Jade, die bei Drittligist TSV Wolfschlugen spielt, kann er auf absehbare Zeit nicht mehr live verfolgen. „Das schmerzt mich schon“, sagt er.

Cheftrainer des SV Leonberg/Eltingen will Rafet Oral nicht werden

Wie lange sein Engagement in Leonberg noch dauern wird, vermag er nicht abzuschätzen. „Sicher mehr als zwei Wochen, aber hoffentlich keine zwei Monate mehr“, sagt der Interimscoach, „aber ich stehe zur Verfügung, solange man mich braucht.“ Eines aber stellt er klar: Zum Chefcoach lässt sich der Notnagel nicht befördern.

„Eigentlich wollte ich in Leonberg im Hintergrund stehen“, sagt Oral. Eigentlich. Aber das wird ihm nicht mehr gelingen, wenn der Club einen neuen Cheftrainer installiert hat und Rafet Oral die Spiele seines Sohne Yannik lediglich als Zuschauer von der Tribüne aus verfolgt. Nun ist er bekannt als der Helfer in der Not. Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.

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