SV Leonberg/Eltingen: Rekord mit über 120 Teilnehmern „Männer mögen von Frauen im Yoga nicht beobachtet werden“

Yoga wird als Sport für Frauen wahrgenommen: Rund 85 Prozent der Kursteilnehmer beim SV Leonberg/Eltingen sind weiblich. Foto: IMAGO/Oscar Lopera

An diesem Freitag veranstaltet der SV Leonberg/Eltingen eine Yoga-Stunde ausschließlich für Männer mit mehr als 100 Teilnehmern. Kursleiterin Yasemin Durbak kennt die Gründe, warum gemischte Kurse für manche Männer ein rotes Tuch sind.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Yoga und Männer? Das klingt für manche wie Erdbeereis mit Senf. Die Kurse der aus Indien stammenden Lehre, die sowohl geistige als auch körperliche Übungen und Praktiken enthält, werden zum überwiegenden Teil von Frauen besucht. Der SV Leonberg/Eltingen wollte deshalb ein Zeichen setzen und hat Männer aufgerufen, sich für eine Yoga-Stunde an diesem Freitag (18 Uhr) in der SV-Sporthalle anzumelden – Ziel waren 100 Teilnehmer. Mittlerweile gibt es mehr als 120 Anmeldungen, was SV-Geschäftsführer Carsten Nestele und Kursleiterin Yasemin Durbak ziemlich stolz macht und sie von einem Rekord in der Region sprechen lässt. Die Leonbergerin erklärt, warum sich Männer häufig fürchten, gemeinsam mit Frauen einen Yoga-Kurs zu besuchen.

 

Frau Durbak, ist Yoga was für alle Menschen?

Im Grunde schon. In den Kursen, die ich beim SV Leonberg/Eltingen gebe, muss niemand Profi sein, das ist für alle Level – es ist der eigene Körper, der die Grenzen setzt. Jeder geht soweit, wie er gehen kann und will. Der älteste Teilnehmer ist 73 Jahre alt und auch der macht alle Übungen mit.

Jeder erwachsene Mann in Deutschland dürfte von Yoga gehört haben, aber die wenigsten kommen auf die Idee, einen Kurs zu besuchen. Ich gehöre auch dazu.

Dann wird es wirklich mal Zeit. Ich habe vor eineinhalb Jahren den Kurs gegründet, weil ich festgestellt habe, dass an gemischten Kursen kaum Männer teilnehmen.

Sie wissen bestimmt warum, oder?

Es ist vielen unangenehm. Sie behaupten, Yoga sei ein Frauen-Sport, Männer seien weniger dehnbar und nicht so flexibel – dabei wurde Yoga vor 5000 Jahren von Männern erfunden und Frauen durften es gar nicht ausüben. Jeder Mensch hat seine eigene genetische Flexibilität, natürlich spielen Alter und körperliche Aktivität da mit hinein – jeder hat seine Grenze. Der 73-Jährige aus meinem Kurs sagte mir kürzlich: Heute habe ich es zum ersten Mal im meinem Leben geschafft, meine Zehen mit den Fingern zu berühren. Aber das ist ja gar nicht das Ziel.

Yoga beinhaltet auch moralische Werte

Sondern?

Dass ich mich gut fühle und dem Körper die Möglichkeit gebe, sich zu dehnen. Aber Yoga ist viel mehr. Das ist Atemtechnik, wie kann ich mich beruhigen, wie zu mir selbst finden. Mediation ist der letzte Schritt. Es geht um Bewegungen zu machen und sie zu spüren – ich bin der Energiezweig zwischen dem Universum und der Erde. Es geht aber auch darum, Moral und Ethik zu leben. Das ist der Grund, warum wir den Erlös des Abends ans Kinder- und Jugendhospiz Leonberg spenden. Yoga beinhaltet, solche Werte zu leben.

Aus dieser Sicht ist es doch irgendwie unverständlich, dass es offenbar so ist, dass sich Männer häufig nicht trauen, an Kursen mit Frauen teilzunehmen.

Frauen haben eine andere körperliche Flexibilität und ein anderes Koordinationsgefühl – das hat viel mit Ästhetik zu tun. Es herrscht oft die Ansicht unter Männern, dass alles, was mit Ästhetik zu tun hat, darunter fallen neben Yoga auch Pilates und Tanz, nur was für Frauen ist. Männer sind eher härter unterwegs, und deshalb passt das Konzept nicht. Und dann gibt es noch etwas.

Nämlich?

Männer verraten mir, dass sie es nicht unbedingt mögen, bei Übungen von Frauen beobachtet zu werden – wenn sie etwa im Schneidersitz hocken, sind bei den meisten die Knie viel weiter oben als bei Frauen. Dann fühlen sie sich nicht wohl, sie können nicht frei im Kopf sein. Wenn es darum geht, dass jemand im Baum ewig lange stehen kann oder bei der einbeinigen Taube besonders tief gehen kann, hemmt der Perfektionismus die Männer, weil sie ihr Ziel nicht erreichen können. Da ist es ihnen peinlich, wenn sie das nicht so richtig hinbekommen. Ist es ein Kurs nur für Männer, sind sie sicher, dass es auch andere nicht optimal können – und dann ist das für einen persönlich nicht ganz so schlimm.

Keine Zuschauer sind erlaubt

Ist die Situation vergleichbar mit Sportstudios für Frauen? Da möchten manche Frauen unter sich sein, weil sie an den Gewichten anders arbeiten wie Männer.

Ja, ein Stück weit. Wenn ich aus meiner Komfortzone raus muss, fühle ich mich nicht gut – um mich zu entwickeln, muss ich aber raus. Wenn ich in meiner Zone bin, fühlt sich mein Ego gut. Wenn ich mich aber raus bewege, riskiere ich, mein Ego zu verletzten, weil etwas nicht so gelingt, wie ich es will. Deshalb hat Yoga auch das Ziel: Du musst dein Ego beiseite stellen. Guck nicht nach rechts und guck nicht nach links, sondern komme zu dir selbst.

Sind Sie überrascht, dass sich für Freitag über 100 Männer angemeldet haben?

Ja. Sehr. Die Idee kam bei uns im Kurs zustande, die Jungs wollten einen Rekordversuch starten. Ich sagte: Mit zehn Leuten? Ich habe den Kurs mit drei Männern begonnen, aber ich wusste: Es braucht Zeit. Jetzt sind wir bei 15 gelandet. Die Idee mit dem Rekord hat per Mund-zu-Mund-Propaganda ihren Lauf genommen, das Interesse wurde größer und größer. Einen Weltrekord stellen wir nicht auf, der liegt bei 35 000 Männern in Indien. Aber mit mehr als 100 wäre es sicher ein Rekord für die Region, dazu kommt der Benefiz für das Hospiz.

Haben Sie schon einmal einen so großen Yoga-Kurs geleitet?

Nein, auch das ist eine neue Erfahrung für mich auf die ich mich unglaublich freue. Dabei kam die Frage auf, ob Zuschauer dabeisein dürfen. Das habe ich kategorisch abgelehnt, über die Gründe haben wir ja vorhin schon gesprochen. Ich werde am Freitag die einzige Frau in der Sporthalle sein.

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