Der Meteorologe Sven Plöger erklärt im Waiblinger Bürgerzentrum den Unterschied zwischen Wetter und Klima. Angereist ist der Moderator ist mit seinem Elektroauto. Foto: Julian Rettig
Der bekannte TV-Meteorologe Sven Plöger zeigte in einem Vortrag im Waiblinger Bürgerzentrum, warum wir den Klimawandel mit den aktuellen Maßnahmen nicht stoppen können. Und er erklärte, was die Psychologie des Menschen damit zutun hat.
Der Planet braucht uns nicht, aber wir brauchen ihn. Als der aus dem TV bekannte Meteorologe Sven Plöger diesen Satz sagt, ist es still im vollbesetzen Saal des Waiblinger Bürgerzentrums. Zuerst wird die schweigende Zustimmung zu einem Getuschel, dann zum Applaus – obwohl der Vortrag noch gar nicht zu Ende ist.
„Zieht euch warm an, es wird noch heißer“, heißt das Programm, mit dem Plöger in Waiblingen auftrat. Mal schonungslos, mal humorvoll, aber immer auf der Basis von Zahlen und Fakten erklärt der Meteorologe die Auswirkungen des Klimawandels. Die Initiative „Waiblingen Klimaneutral“ hat die Veranstaltung gemeinsam mit dem BUND und dem Nabu organisiert.
„Wir haben kein Kenntnisproblem, wir haben ein Handlungsproblem“
Dass es den Klimawandel gibt, ist schon lange bekannt. Sven Plöger berichtet, dass der Wissenschaftler und Moderator Hoimar von Ditfurth bereits 1978 vor den Folgen des Einflusses der Menschen aufs Klima mahnte. Inzwischen gebe es zahlreiche Studien, die zu demselben Ergebnis kommen. „Wir haben kein Kenntnisproblem, sondern ein Handlungsproblem“, sagt Plöger. Die Folgen des Klimawandels seien längst sichtbar und würden sich noch weiter verstärken, aber die Gesellschaft und die Politik würden nicht schnell genug darauf reagieren – und teils sogar Schritte zurück gehen.
Warum ist das so? „Wir Menschen können wahnsinnig gut A sagen und B machen“, erklärt der Meteorologe. „Und wundern uns dann, dass A nicht klappt“, fügt er scherzhaft hinzu. Noch nie sei so viel über die Umwelt geredet worden wie 2019 – und noch nie sei so viel geflogen worden wie in genau diesem Jahr. Kognitive Dissonanz heißt das psychologische Phänomen, bei dem die Überzeugungen über eine Sache nicht mit der Handlung übereinstimmt.
Eine Frage der Haltung
Kognitive Dissonanz stehe, so Plöger, im Zusammenhang mit der Evolution. Die Menschen seien gut darin, auf akute Gefahren zu reagieren. Bei schleichenden Prozessen wie dem Klimawandel sei die Bedrohung hingegen nicht konkret, weshalb es den Menschen sehr viel schwerer falle, auch etwas dagegen zu tun. „Die Gesellschaft muss ihre Haltung zum Klimawandel ändern“, schließt Plöger daraus. Es sei wichtig, die Menschen für diese Transformation zu begeistern.
Die jüngsten Hochwasser werden nicht die letzten sein – da sind sich alle Experten einig. Foto: dpa//znapka Petr
Deshalb hat er es sich zur zur Aufgabe gemacht, über den Klimawandel zu informieren – mit Zahlen, Fakten und mit „spannenden Geschichten“, wie er es selbst sagt. Ohne Ideologie, ohne Missionieren, aber mit einer Portion Humor. „Ich finde, man darf humorvoll über das Thema sprechen, wenn man gleichzeitig seine Ernsthaftigkeit versteht”, sagt der Meteorologe. Haltung durch Unterhaltung sozusagen.
Auch mit Bildern arbeitet Plöger, um seinen Zuhörern das Ausmaß des Klimawandels nahezubringen. Er zeigt ein Foto, auf dem Berge zu sehen sind, die so weit im Schnee und Eis versinken, dass gerade so ihre Spitzen herausragen. Genauso hätten auch die Alpen hierzulande ausgesehen – vor etwa 11 000 Jahren, sagt er. Damals sei das Klima im Schnitt drei bis vier Grad kälter gewesen. Wie eine drei bis vier Grad wärmere Welt aussehen würde, ließ er offen. Aber zum Verhältnis: Im Pariser Klimaabkommen wurde 2015 beschlossen, den weltweiten Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Durchschnitt zu begrenzen. Mit den aktuellen Maßnahmen landen wir laut Plöger bei 2,7 Grad.
„Wir beschleunigen die Prozesse“
„Wir beschleunigen die Prozesse, für die die Natur 11 000 Jahre gebraucht hat, auf 100“, sagt er. „Es ist, als hätten wir den Thermostat aufgedreht.“ So schnell könne sich die Erde nicht anpassen. Das Ergebnis: Unter anderem werden Extremwetterereignisse wahrscheinlicher – wie etwa der Starkregen im Rems-Murr-Kreis im vergangenen Juni.
Plöger bringt aber auch hoffnungsvolle Botschaften. „Es gibt Stellschrauben, mit denen wir etwas tun können,“ sagt er. Im Pressegespräch vor dem Vortrag spricht der Moderator etwa über das Potenzial der Meere, der Wälder und der Moore im Kampf gegen den Klimawandel. Die Moore könnten mehr Kohlendioxid aufnehmen, als alle Wälder zusammen, wenn man sie wieder bewässere. „Der Rückwärtsgang ist eine Summe von Möglichkeiten“, sagt er weiter. Jetzt ginge es darum, sie umzusetzen. „Jeder kleine Beitrag kann helfen.“
Was haben die Zuschauer mitgenommen? „Für mich war das Beispiel mit den vier Grad besonders beeindruckend“, sagt Reinhard Schmid aus Wendlingen. „Mir ist wieder bewusst geworden, dass Klimaschutz wichtiger ist als alles andere“, resümiert die Waiblingerin Karin Fischer. Haltung durch Unterhaltung eben.
Werdegang Sven Plöger, geboren 1967 in Bonn, ist Diplom-Meteorologe und ein bekannter Wettermoderator. Seit 1999 ist er im TV zu sehen, unter anderem bei der Sendung „Wetter vor acht“ und bei den Tagesthemen in der ARD.
Engagement Plöger engagiert sich aktiv in der Klimadebatte, hält Vorträge und schreibt Bücher. Sein aktuellstes Buch „Zieht euch warm an, es wird noch heißer“ landete, wie auch sein Vorgänger, auf der Spiegel-Bestsellerliste.