Sven Ratzke als Marlene Dietrich, deren Standhaftigkeit der deutsch-niederländische Sänger und Entertainer bewundert. Foto: Brigitte Dummer
Sven Ratzke bringt Marlene Dietrichs Geschichte nach Waiblingen. Er erzählt von der Kindheit im Hippie-Umfeld, tiefstapelnden Veranstaltern und was ihn an Marlene fasziniert.
Annette Clauß
06.03.2026 - 16:30 Uhr
Sven Ratzke hat mit Nina Hagen, Hanna Schygulla und Hildegard Knef gearbeitet, tourt rund um den Globus und begeisterte als David-Bowie-Darsteller. Nun ist der deutsch-niederländische Musiker, Entertainer und Musicalstar mit dem Jazzpianisten Jetse de Jong unterwegs – als Marlene Dietrich. Am Montag, 9. März, tritt er im Bürgerzentrum Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) auf.
Herr Ratzke, Ihr Tourplan für diese Woche lautet Minden – Dreieich – Wolfenbüttel – Brunsbüttel – Bad Salzuflen. Wie schafft man das?
Dadurch, dass man es wirklich gerne macht. Wenn man sich das selbst ausgedacht hat, ist das eine ganz andere Situation als ein normaler Fünf-Tage-Job, bei dem man vielleicht für einen Chef arbeitet, den man gar nicht mag. Das ist eine Passion.
Sie sind bekannt für Ihre charismatische und extravagante Bühnenpräsenz. Wie viel von dem, was das Publikum auf der Bühne sieht, ist Show, wie viel die Privatperson Sven Ratzke?
Das habe ich ein bisschen gemein mit der Dietrich: Die hat ihre eigene Kunstfigur erfunden. Ich glaube, dass das sehr viele Stars und Künstler machen. Oder dass es halt mit ihnen geschieht. Für die Bühne muss es bei mir sehr authentisch, aber auch glamourös und theatralisch sein. Im täglichen Leben muss ich aber nicht im Pelz rumlaufen oder extravagant sein. Ich finde es sehr schön, dass man eine Privatperson sein und sich auf der Bühne austoben kann. Das Private schütze ich übrigens sehr. In eine Reality-Fernsehshow würde ich nie gehen.
Wie sind Sie aufgewachsen?
In einer Art Hippie-Kommune in einem ehemaligen Kloster, wo 100 Erwachsene, sehr frei denkende Menschen, wohnten. Dort war ich eines der wenigen Kinder und hab mich, weil die Erwachsenen zugehört haben, schon als Sechsjähriger in den Vordergrund gestellt. So war es eigentlich eine natürliche Sache, dass ich mit zehn Jahren eine Talkshow gemacht habe. Mit 16 habe ich die Erwachsenen vor meinen Karren gespannt und gesagt: Ihr macht jetzt in meiner Theaterproduktion mit.
Es war also früh klar, dass Sie auf die Bühne wollen?
Ja, das war für mich und die anderen gar keine Frage. Was ich eben beschrieben habe, waren meine ersten Auftritte. Das wurde immer professioneller und irgendwann habe ich damit mein Geld verdient. Natürlich waren die Anfänge schwierig und nicht so glamourös. Ich glaube, jetzt nach ungefähr 25 Jahren habe ich herauskristallisiert, wer ich bin und was ich mache.
Verraten Sie es uns!
Im Grunde bin ich Entertainer und Sänger, aber in der Basis ein Geschichtenerzähler. Es sind Geschichten, die mich faszinieren. Ob das David Bowie ist oder die Figur Marlene Dietrich. Da suche ich meinen eigenen Bezug dazu und setze das auf die Bühne um.
Was hat Sie an Marlene Dietrich gereizt?
Ich wollte diese Frau und die letzten 15 Jahre ihres Lebens zeigen, in denen sie sich eingeschlossen hat in ihrem Appartement in Paris. Was ist da durch ihren Kopf gegangen? Wir waren nicht dabei, keiner war dabei. Daher habe ich die wunderbare Schriftstellerin Connie Palmen beauftragt, die Monologe zu schreiben, die in dem Stück „Marlene“ gelandet sind. Sie beschreiben, wie sich eine Frau, die sich über Schönheit, Jugend und Sexualität profiliert hat, mit dem Älterwerden und Einsamkeit umgegangen ist.
Anders als Marlene Dietrich hat Sven Ratzke kein Problem mit dem Älterwerden. Foto: Alek Bruessing
Haben Sie ein Problem mit dem Älterwerden?
Cher hat dazu mal in einem Interview gesagt: „It sucks to get older“, also: es nervt, älter zu werden. Daraufhin sagte der Interviewer: „Aber man wird doch immer intelligenter und so weiter“ und Cher meinte: Ja, aber es sei trotzdem scheiße. Ich selbst finde das Schöne am Älterwerden ist, dass man nicht mehr so viel rumzweifelt. Man hat einfach mehr Erfahrung. Ich gehe jetzt auch viel lockerer auf die Bühne als vor 10, 15 Jahren.
Gab es denn Aspekte von Marlene Dietrichs Leben oder von ihrer Person, die Sie überrascht haben?
Ja. Ich wusste zwar, dass sie gegen die Nazis war. Aber die Tragik, dass sie nach dem Krieg, als sie zurückkam nach Deutschland, als Verräterin abgestempelt wurde und damit eigentlich ihr Heimatland verloren hat, war mir nie so richtig bewusst. Mir ist auch klar geworden, dass wir eigentlich sehr stolz auf sie sein können.
Macht es einen Unterschied, ob man einen Mann oder eine Frau darstellt?
Natürlich war das eine extra Herausforderung. Aber ich glaube, was Marlene Dietrich auch ausgemacht hat, war dieses Freidenken. Sie war so unglaublich modern für ihre Zeit, sie wollte ja in keine Schublade rein. Das teile ich mit ihr. Sie hat Männeranzüge getragen, sie hat mit Frauen wie mit Männern Beziehungen gehabt. Sie hat einfach ihr Leben gelebt und hat ihre Karriere selber gemanagt, was damals nicht üblich war. Eine unglaubliche Emanzipation, die sehr viele Menschen inspiriert hat. Auch für die queere Community ist sie ein Vorbild: Sie hat sich nicht unterkriegen lassen, diese Frau.
Wo Sie die queere Community erwähnen: Man hat ja dieser Tage den Eindruck, dass die Toleranz wieder abnimmt. Die CDU etwa wirbt hier zur Landtagswahl damit, dass sie „Politik für ganz normale Leute“ mache…
Das finde ich sehr erschreckend und beängstigend. Was ist denn normal? Wir sind ein riesiger Blumenstrauß mit vielen verschiedenen Farben und Düften. So etwas macht mich traurig, aber auch kämpferisch. Ich war früher nicht so politisch, aber inzwischen äußere ich mich. Man muss die Leute ein bisschen wachrütteln. Wir alle in diesem Land haben eine Stimme und können sagen, dass wir das nicht okay finden, wenn Minderheiten zurückgesetzt, ausgeschlossen oder diskriminiert werden.
Sven Ratzke als alternde Diva Marlene, links mit Julia Herfst. Foto: WieBa Photography//Brigitte Dummer
Wo wollen Sie definitiv nicht auftreten?
Es gibt Länder, wo mich eine Rolle wie die Figur der Hedwig (Anmerkung: Hedwig ist eine genderqueere ostdeutsche Dragqueen und Protagonistin im Rockmusical „Hedwig and the Angry Inch“) ins Gefängnis bringen würde. Dort zieht es mich natürlich nicht hin. Wir hatten auch mal ein Angebot für einen Auftritt in Russland. Aber da hat der Produzent zu mir gesagt, er will das Risiko nicht eingehen. Das finde ich sehr, sehr schade, weil dort viele junge, tolle Menschen sind, die natürlich auch eine Inspiration daraus holen würden.
Sie sind rund um den Globus unterwegs. Welches Land steht noch auf Ihrer Wunschliste als Auftrittsort?
Ich bin ein großer Italien-Fan und bin da auch sehr oft, hatte da aber irgendwie noch nie einen Auftritt. Da hätte ich Bock drauf und muss mich jetzt mal aktiv drum kümmern. In Brasilien würde ich auch sehr gerne spielen. In Mexiko war ich schon, das war cool. Die Leute kommen erst mal eine Stunde zu spät, haben alle Glitzer-Sachen an und rasten komplett aus.
Ich weiß nicht, was Sie über den Schwaben wissen, aber der gilt ja eher als bodenständig und zurückhaltend…
Das ist immer witzig, so was in der Art kriege ich öfters zu hören, auch wenn ich im Norden spiele. Dann sagen die Veranstalter: „Ja, wir im Norden, wir sind ja hier immer so zurückhaltend. Erwarten Sie bitte nichts, Herr Ratzke, es wird keine Standing Ovations geben.“ Und dann ist das nachher gar nicht so und es wird ganz toll.
Welches Traumprojekt schwebt Ihnen noch vor?
Im Grunde mache ich jetzt bereits genau die Sachen, die ich gerne machen möchte. Ein Traum, den ich schon verwirkliche ist, mit meiner Band und einem Symphonieorchester – 70 Mann auf der Bühne – eine Tournee zu machen. Mit Musik von David Bowie. Im Juni geben wir sieben Konzerte in den Niederlanden.
Multitalent des Showbusiness
Biografie Sven Ratzke ist 1977 geboren und in der Kommune Kranenburg (Nordrhein-Westfalen) unweit der deutsch-niederländischen Grenze aufgewachsen. Die Bühne war schon in Kindertagen sein Lieblingsplatz.
Bühnenkarriere Sven Ratzke spielte die Hauptrolle in Musicals wie „Cabaret“ und der „Rocky Horror Show“ und tourte mit „Starman“ als Darsteller von David Bowie um den Globus. Seit 2023 spielt er Marlene Dietrich in „Marlene“. Für seinen Auftritt in Waiblingen am 9. März sind noch wenige Karten erhältlich unter www.buergerzentrum-waiblingen.de.