SWR-Doku-Festival Alte Knochen und fidele Rentner

Dokumentarfilme können hochbrisant sein, aber auch lustig, rührend und erhellend. Das SWR-Doku-Festival zeigt ab 26. Juni 2019 im Stuttgarter Kino Metropol feine Beispiele.

Auf der Suche nach neuen Filmrollen: Connie Sawyer, 104 Jahre alt Foto: Festival/Axel Schneppat
Auf der Suche nach neuen Filmrollen: Connie Sawyer, 104 Jahre alt Foto: Festival/Axel Schneppat

Stuttgart - Film hält jung. Dieser Verdacht kommt jedenfalls auf, wenn man in „Sunset over Hollywood“ Senioren der Traumfabrik in einer Altersresidenz nur für ihresgleichen planen, schreiben, debattieren sieht. Die fidele Schauspielerin Connie Sawyer, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten gerade 104 Jahre alt geworden, erzählt, sie spreche noch immer liebend gerne für Rollen vor.

Wahrheit und Eitelkeit

Das ist keine Flunkerei. Sawyer hat sich tatsächlich im hohen Alter immer wieder erfolgreich beworben – manche Regisseure arbeiten eben lieber mit einer wirklich alten Dame als mit einer heftig auf hochbetagt geschminkten Darstellerin in den besten Jahren. Wobei man in diesem höchst vergnüglichen Dokumentarfilm des deutschen Regisseurs Uli Gaulke bald merkt, dass nicht alle Senioren im Hollywood-Altersheim immer die ganze Wahrheit erzählen, dass manche Eitelkeiten und Rivalitäten länger halten als Haare und Zähne.

„Sunset over Hollywood“ ist am kommenden Donnerstag beim SWR-Doku-Festival zu sehen, das vom 26. bis 29. Juni die Leinwände des Metropol-Kinos mit ganz unterschiedlichen Werken füllen wird. Die Bezeichnung Dokumentarfilm beschreibt das Programm so klar und rätselhaft zugleich, wie ein Wegweiser mit dem Titel „Nahrung“ die vielen Speisekarten eines Feinschmecker-Foodcourts zusammenfassen könnte. Wobei der Begriff Nahrung zumindest nicht mit Vorurteilen zu kämpfen hätte. Unter Dokumentarfilm aber verstehen manche Zeitgenossen immer noch etwas trocken Belehrendes – oder jene launigen kurzen Formen, die das Fernsehen zuhauf bietet.

Das Beste vom Besten

Das SWR-Doku-Festival aber hat als Herzstück den Wettbewerb um den Deutschen Dokumentarfilmpreis. Der wird am Freitagabend an den Gewinner verliehen – bereits am Freitagabend unter anderem deshalb, damit Menschen mit weniger Zeit am Samstag die Chance haben, in aller Ruhe wenigstens die Gewinnerfilme zu sehen. Was im Programm geboten wird, ist gewiss nicht dort gelandet, weil es inhaltlich zu irgendeinem Motto oder Thema passt oder weil der Film gar einen gerade genehmen Blick auf ein bestimmtes Problem bietet.

Was es bis hierher geschafft hat, ist in mehreren Juryrunden aus dieses Jahr 138 Einreichungen ausgesiebt worden. Es ist schlichtweg ein guter Film, also einer, den man nicht schaut, weil man sich für sein Thema interessiert, sondern einer, der beim Schauen das Interesse an seinem Thema sowieso weckt.

Mammut und Moderne

Über die Jäger und Sammler, die in den tauenden Ex-Permafrostregionen Sibiriens nach dem nun vom Boden freigegebenen Elfenbein der längst ausgestorbenen Mammute suchen, dürften sich die wenigsten Menschen hierzulande schon einmal Gedanken gemacht haben. Christian Freis Dokumentarfilm „Genesis 2.0“ (Mittwoch, 18 Uhr) stellt sie vor – und nimmt schnell gefangen mit Bildern dieses harschen Lebens. Er reißt auch ein großes Problem an: den Klimawandel, der die Mammutreste zutage bringt.

Das alles aber verbindet er mit einer wilden Utopie, die auch ein großer Horror werden könnte: mit den Fortschritten in Biologie, Medizin und Genetik, die Designerlebewesen möglich machen. Nun ist nicht mehr nur das Elfenbein interessant, kostbarer noch sind alle möglichen Gewebereste, aus denen das längst verloren geglaubte Erbgut der Mammute extrahiert werden kann.

Alt werden ohne Mord

Frei setzt auf Beobachtung, nicht auf Dozieren. Er hört anderen zu und wirft durch die schlaue Verknüpfung der Bilder interessante Fragen auf. Das braucht Zeit, um seine Wirkung zu entfalten, und die hat so ein Kinofilm jenseits kurzer TV-Formate eben ausreichend zur Verfügung.

Diesen Luxus weiß auch „Sunset over Hollywood“ zu nutzen. So lernen wir etwa ein altes Paar kennen, das vor der Kamera gleich bei seinem ersten Auftritt heftig miteinander giftelt. Er fällt ihr ständig ins Wort, sie weist ihn zurecht. Dann erfahren wir, dass die beiden einen Ratgeber darüber schreiben, wie man miteinander alt wird, ohne einander umzubringen. Und so achten wir fortan gespannt darauf, ob und wie sie über die Runden kommen.

Sondervorstellung: Hip-Hop-Mekka Stuttgart

Auch unsere Zeitung zeigt einen Film auf dem Festival: „Willkommen in der Mutterstadt“. Stuttgart ist nämlich das Mekka für Rapper. Die Fantastischen Vier, Cro, Die Orsons – die Liste der Pop-Stars der Stadt ist lang. Aber was macht Stuttgart zur Hip-Hop-Stadt? Wie hat sich die Kultur seit den 90er-Jahren weiterentwickelt? Wo findet Hip-Hop heute statt? Welche Probleme gibt es? Zahlreiche Stuttgarter Künstler wie die Fantastischen Vier, Max Herre, Cro, Die Orsons, Marz, Bobby Sayyar, Bartek sowie Fans, DJs und Veranstalter beantworten diese Fragen vor der Kamera.

Mehr als ein Jahr lang haben unsere Reporter und VJs die Größen der Stuttgarter Hip-Hop-Szene begleitet und ein vielschichtiges Stimmungsbild eingefangen. Zu sehen ist der halbstündige Film am 26. Juni um 22.15 Uhr im Metropol, Eintritt frei. Zur Einstimmung gibt es hier unsere Multimedia-Reportage.

Info: Das gesamte Programm mit Nebenreihen ist hier zu finden.