SWR-Doku-Festival in Stuttgart Der Dokumentarfilm boomt – einem Eklat zum Trotz

Was würde Jesus heute predigen? Der Schweizer Regisseur Milo Rau beleuchtet in seinem Dokumentarfilm „Das neue Evangelium“ die  Situation von  Flüchtlingen im süditalienischen Matera. Foto:   6 Bilder
Was würde Jesus heute predigen? Der Schweizer Regisseur Milo Rau beleuchtet in seinem Dokumentarfilm „Das neue Evangelium“ die Situation von Flüchtlingen im süditalienischen Matera. Foto:  

Das SWR Doku-Festival zeigt vom 16. Juni an 14 Dokumentarfilme Filme Online. Der dazugehörige Kongress Dokville hat den Boom dokumentarischer Formate zum Thema – und den Betrugsskandal vom Vorjahr.

Kultur: Bernd Haasis (ha)
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Stuttgart - Dokumentarfilme geben Einblicke in Lebensentwürfe und Gesellschaften in einer Tiefe, die keine andere mediale Form bietet. Die Filmemacher verbringen oft Jahre mit der Recherche und der Realisierung. Das SWR Doku-Festival zeigt nun 14 solcher Werke im Rennen um den Deutschen Dokumentarfilmpreis, wegen der Pandemie nun zum zweiten Mal komplett digital.

In „80 000 Schnitzel“ möchte eine Enkelin den einst brummenden Landgasthof ihrer Oma in der Pfalz retten, in „Endlich Tacheles“ versucht der Enkel einer Holocaust-Überlebenden vergeblich, das traumatische Thema für sich abzuschließen. „The Case you“ dreht sich um fünf Frauen, die bei Castings Übergriffe erlebt haben. Filmporträts gibt es von der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg, dem bayerischen Musikerduo Dreiviertelblut und dem Stuttgarter Komponisten Helmut Lachenmann.

Killerkommandos und kenternde Flüchtlingsboote

Auch zwei sehr erschütternde Filme sind im Programm: In „Blutige Kohle“ zeigen Christopher Stoeckle und Paola Tamayadas, wie Killerkommandos in Kolumbien gegen Dörfler vorgehen, die dem Tagebau nicht weichen wollen; der Brennstoff wird auch nach Deutschland exportiert. In „Das Purpurmeer“ kentert ein Flüchtlingsboot im Mittelmeer, und Amel Alzakout filmt alles live mit der Unterwasserkamera an ihrem Handgelenk, das Chaos, den drohenden Tod.

„Die Aktivierungsenergie, wie man in der Chemie sagt, ist beim Dokumentarfilm vielleicht höher als beim Spielfilm“, sagt die Festival-Leiterin Irene Klünder, „aber wir haben die Erfahrung gemacht: Wenn Menschen die Hürde einmal genommen haben und einen Dokumentarfilm anschauen, gehen die meisten am Ende bereichert heraus.“ Sie hat es 2021 nicht nur mit der Pandemie zu tun, sondern mit einer zweiten Anomalie: Es ist der erste Wettbewerb nach dem Eklat um den Deutschen Dokumentarfilmpreis.

Inszenierte Szenen müssen kenntlich sein

Im März 2021 wurde bekannt, dass Elke Margarete Lehrenkrauss, eine der Gewinnerinnen des 2020 geteilten Hauptpreises, betrogen hatte. Sie zeigt in ihrem Dokumentarfilm „Lovemobil“ den harten Alltag Prostituierter in Wohnmobilen am Rande von Bundesstraßen, doch passagenweise sind gar nicht Prostituierte und Freier zu sehen, wie es der Film suggeriert, sondern Darsteller. Lehrenkrauss hätte diese Passagen als inszeniert kennzeichnen müssen, sie hat es aber selbst auf Nachfragen bei öffentlichen Vorführungen nicht offengelegt. Als Konsequenz hat sie den Preis zurückgegeben. Ein Film über Prostitution und eine Betrügerin – auf einmal waren der Dokumentarfilm und seine Glaubwürdigkeit in der Diskussion.

Die Festivalchefin Klünder sieht „Produzenten und Redaktionen“ in der Pflicht: „Die müssen das während der Herstellung und bei Abnahme prüfen, dort gibt es Kontrollmechanismen“, sagt sie. „Lovemobil“ sei jedenfalls kein Grund, die gesamte Branche in Sippenhaft zu nehmen: „Alle eingereichten Filme wegen dieses Einzelfalls unter Generalverdacht eines Betrugs zu stellen wäre diesen gegenüber unangemessen.“ Letztlich ist der Fall Lehrenkrauss einer wie der Fall des Geschichtenerfinders Claas Relotius, der 2018 den „Spiegel“ erschütterte: Eigenes Wirken durch unlautere Mittel größer erscheinen zu lassen, existiert als Versuchung, seit es Menschen gibt.

Detlev Rohwedder und Sophie Scholl

In der Branche hat der Vorfall eine rege Diskussion angestoßen, der Kongress Dokville, der vom 17. Juni an parallel zum Doku-Festival aus dem Stuttgarter Gloria-Kino gestreamt wird, greift ihn aber nicht explizit auf. „Das Thema zieht sich durch viele Panels“, sagt die Kuratorin Astrid Becker vom Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms, das Dokville veranstaltet. „Es schwingt mit, wenn Nicola Graef über den korrekten Umgang mit Protagonistinnen spricht oder wenn wir über die Rohwedder-Serie reden, die wie ein Spielfilm produziert und inszeniert worden ist.“

„Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit“, die erste deutsche Dokuserie von Netflix, spielt verschiedene Varianten der bis heute ungeklärten Ermordung des ersten Treuhand-Chefs Detlev Rohwedder 1991 durch. Sie steht symbolisch für einen Boom des Dokumentarischen, genau wie das Doku-Fiction-Projekt „Ich bin Sophie Scholl“ auf Instagram. Der Ludwigsburger Produzent Jochen Laube („Berlin Alexanderplatz“) hat es realisiert und wird erklären, wie er und sein Team sich der Widerstandskämpferin gegen das Nazi-Regime zu deren 100. Geburtstag genähert haben. „Das ist ein hybrides Format aus dokumentarischer Recherche und fiktionalen Mitteln, was vielfach auch kritisiert wurde, und eine Frage wird sein: Wie weit darf man gehen bei einem solchen Thema?“, sagt Ulrike Becker, die Leiterin des Hauses des Dokumentarfilms. „Für uns geht es jetzt um Vertrauen, um Authentizität, darum, dass künstlerische Mittel so eingesetzt und gekennzeichnet werden, dass der Pakt mit den Zuschauern stimmt.“

Für den Dokuboom gibt es mehrere Erklärungsmuster. „Zum einen hat der Lockdown eine große Nachfrage nach Streaming-Content gebracht, zum anderen sucht das Publikum in einer Zeit großer Fakes nach Wahrhaftigkeit, Echtheit“, sagt Astrid Beyer. „Wir sehen eine große Experimentierfreude mit Formaten und Plattformen, die auf die öffentlich-rechtlichen Sender übergesprungen ist. Sie produzieren in der Konkurrenz mit den Streamingdiensten nun zum Beispiel mehr exklusiven Content direkt für die Mediatheken.“ Auch das wird ein Dokville-Thema sein.

Das Festival und der Kongress

Der SWR veranstaltet das Festival von 16. bis 19 Juni vollständig online. 14 der 15 Wettbewerbsfilme sind frei abrufbar, mit Untertiteln und teilweise mit Audiodeskriptionen versehen. Zu allen Werken gibt es Filmbesprechungen, Trailer sowie Interviews mit Filmemachern und Jurymitgliedern.

Der Hauptpreis für den besten Film ist mit 20 000 Euro dotiert. Der Norbert Daldrop Preis (5000 Euro) geht an ein dokumentarisches Werk über Künstler oder die Entstehung von Kunst, der Musikpreis (5000 Euro) an eines über Musik oder die Entstehung von Musik. Der Förderpreis (3000 Euro) zeichnet Erstlingswerke oder Abschlussfilme aus. Zwei Preise wurden neu geschaffen: Den fürs Lebenswerk bekommt der Dokumentarfilmer Georg Stefan Troller, außerdem vergibt eine Zuschauer-Jury der SWR-„Landesschau“ erstmals den Publikumspreis (3000 Euro).

Am 18. Juni 2021 um 19 Uhr werden die Gewinner digital präsentiert, die Preisträgerfilme sind zusätzlich am 19. Juni im digitalen Festivalkino zu sehen. Der jährlich parallel zum Festival stattfindende Branchenkongress für Fachbesucher, veranstaltet vom Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms, wird von 17. bis 19. Juni aus dem Gloria-Kino gestreamt. Die Themen sind unter anderem der Boom der Dokuserien und faire Arbeitsbedingungen.




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