SWR-Doku-Festival Filmemacher suchen die Konfrontation

Von Bernd Haasis 

Eine große Bandbreite gegenwärtiger und historischer Themen spiegelt sich in den Werken der Regisseurinnen und Regisseure beim SWR Doku-Festival in Stuttgart. Am Freitagabend wurden im Metropol-Kino die Preise vergeben.

Blicke in deutsche Vergangenheiten: „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ von Thomas Heise Foto: Festival
Blicke in deutsche Vergangenheiten: „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ von Thomas Heise Foto: Festival

Stuttgart - Das 20. Jahrhundert aus deutscher Perspektive lässt der Film „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ noch einmal Revue passieren als historischen Bilder- und Textbogen. Den exemplarischen Mikrokosmos seiner eigenen Familiengeschichte hat der Dokumentarfilmer Thomas Heise dafür gewählt, in dreieinhalb (!) Stunden führt er vom Kaiserreich übers Nazi-Reich in die DDR und die Bundesrepublik, dazwischen die beiden Kriege. Familienfotos, rollende Züge, schwarzweiße Landschaftsimpressionen, Deportationslisten dienen als Folie für eingesprochene Zeitzeugnisse, Aufzeichnungen und Briefe Familienangehöriger. Im Zentrum des ebenso philosophischen wie poetischen Ringens um Gedanken und Worte steht das Wesen des Menschen und zwischendurch auch das Wesen des Krieges: „Im Kriege wird der Mensch zum Tier, sowie er erst Blut fließen sieht, ist er verloren“, heißt es gleich zu Beginn.

SWR-Intendant hat gute Nachrichten

Viel Arbeit steckt in diesem Werk, dessen einzige Dramaturgie der chronologische Ablauf ist und das nun am Freitag beim SWR-Doku-Festival im Stuttgarter Metropol-Kino den Deutschen Dokumentarfilmpreis 2019 bekommen hat. Der scheidende SWR-Intendant Peter Boudgoust bekundet am Abend ebenfalls seine große Liebe zum Dokumentarfilm. Der SWR sei der größte Lieferant von Dokumentarfilmen im ARD-Verbund, betont er, trotzdem habe er „auf den letzten Metern“ den Etat für Dokumentarfilme deutlich erhöht. Stuttgarts OB Fritz Kuhn und die Kunststaatssekretärin Petra Olschowski weisen ebenfalls darauf hin, Dokumentarfilm sei wichtiger als je zuvor als Instrument zur Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit.

Einen Vorgeschmack geben Jasmin Herold und Michael Beamish. Sie haben ihr ebenfalls prämiertes Werk „Dark Eden“ im Ölsand-Abbaugebiet im Norden Kanadas gedreht und eine ungewöhnliche Perspektive gewählt: Umweltaktivisten (Jane Fonda) und Ureinwohner, die die chemische Verseuchung riesiger Landstriche anprangern, sind nur en passant zu sehen, den Hauptteil der Handlung tragen unkommentiert kleine Leute, die für die Raubbauer arbeiten. Die meisten sind der Verheißung gefolgt, schnell viel Geld zu verdienen – doch kaum fällt der Ölpreis, bröckelt der Traum vom bessere Leben in der unwirtlichen Retortensiedlung vor rauchenden Schloten. Um krebskranke Kinder, vergiftete Natur und ein letztes, verzweifeltes Klammern ans Ölzeitalter geht es nun.

Großer berührender Moment

Das ist harter Stoff – sich damit zu konfrontieren, entspricht aber dem Geist einer Zeit, in der die Menschheit womöglich dabei ist, ihre natürlichen Lebensgrundlagen zu verspielen. Die „Fridays for Future“-Demonstrationen der Schüler sind Zeichen eines neuen Bewusstseins und auch der Zuspruch zum Doku-Festival wächst: „Die Zahl der Besucher hat sich gegenüber 2018 mehr als verdoppelt“, sagt der Festival-Leiter Goggo Gensch vom SWR. „Ich habe das Gefühl, das Festival ist jetzt in Stuttgart angekommen.“

Einen der berührendsten Momente des Festivals bringt die Dankesrede der mit stehendem Applaus geehrten Regisseurin Beryl Magoko, deren Film „In Search …“ den Preis der Leser-Jury der Stuttgarter Zeitung gewonnen hat. Die Auszeichnung, sagt die sichtlich ergriffene Filmemacherin, die von den Folgen ihrer Genitalverstümmelung erzählt, gebe ihr Mut, sie zeige ihr, dass sie die richtige Entscheidung getroffen habe, Scham zu überwinden und Schweigen zu brechen. Die aus Kenia stammende Filmemacherin wurde als Kind selbst Opfer des in Afrika nach wie vor verbreiteten Rituals der „Beschneidung“. Magoko sucht offensiv die Konfrontation. Sie diskutiert mit Leidensgenossinnen in Deutschland über die physischen und emotionalen Folgen und über männliche Machtausübung. Schließlich fährt sie nach Afrika, um ihre eigene Mutter zur Rede zu stellen.

Kroatien und New York

Einen kühnen ästhetischen Ansatz hat die Gewinnerin des Förderpreises gewählt. Die Schweizerin Anja Kofmel spürt Jahrzehnte später ihrem Cousin nach, der 1991 nach Kroatien fuhr, um vom Jugoslawienkrieg zu berichten, und ums Leben kam. Die Rückblenden rekonstruiert sie aus Aufzeichnungen und Augenzeugenberichten in einer Schwarzweiß-Animation, die zwischen Traum und Albtraum schwankt, während der stets rauchende Cousin immer tiefer in den Abgrund des Krieges gerät und in seine wie Fliegenschwärme flirrenden Fänge. In der Realität trifft Kofmel im heutigen Kroatien Akteure, die dabeiwaren: eine abgebrühte Schweizer Journalistin, einen zynischen spanischen Sprengstoffexperten.

Ein Werk zum reinen Genießen immerhin fand auch den Weg aufs Siegertreppchen: Sophie Huber, noch eine Schweizerin, bekam den Musikpreis für „Blue Note Records – Beyond the Notes“. Sie erzählt die hinlänglich bearbeitete Geschichte des legendären New Yorker Jazzlabels Blue Note noch einmal, und es lohnt: Sehr nah kommt sie dem Lebenswerk der beiden Berliner Juden Alfred Lion und Francis Wolff, die vor dem Morden der Nazis flohen und 1939 den afroamerikanischen Musikern in den rassengetrennten USA erstmals eine ehrliche Plattform für ihre Musik boten.

Starker Jahrgang

Huber stellt die Markenzeichen des Labels in den Vordergrund, den speziellen Blue Note-Sound des Tonmeisters Rudy van Gelder, die Fotos von Wolff, die LP-Covers von Reid Miles, die Liebe zum Jazz und seinen Protagonisten, die in Studio-Mitschnitten erlebbar wird – und in Gesprächen mit den noch lebenden Zeitzeugen Herbie Hancock und Wayne Shorter. Dass es Huber am Ende noch gelingt, die Verbindung zwischen Jazz und Hip-Hop herzustellen mit aktuellen Jazz-Stars wie Robert Glasper und Ambrose Akinmusire ist mehr als bemerkenswert.

Genau wie die beeindruckende inhaltliche Bandbreite, die das Doku-Festival abgedeckt hat. „Es war ein starker Jahrgang“, bestätigt der Festival-Leiter Gensch. Er verabschiedet sich nach drei Jahren Aufbauarbeit. Der SWR führt das Festival weiter, das den Dokumentarfilmern eine wichtige Plattform bietet.

Auf einen Blick

Deutscher Dokumentarfilmpreis: „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ von Thomas Heise. Vorstellung an diesem Samstag um 20.30 Uhr im Metropol-Kino.

Leserpreis der Stuttgarter Zeitung: „In Search“ von Beryl Magoko und Jule Katinka Cramer. An diesem Samstag um 18 Uhr im Metropol.

Preis der Norbert Daldrop Förderung für Kunst und Kultur: „Chris the Swiss“ von Anja Kofmel. An diesem Samstag um 16 Uhr im Metropol.

Förderpreis, gestiftet vom Haus des Dokumentarfilms: „Dark Eden“ von Jasmin Herold und Michael Beamish. An diesem Samstag um 14 Uhr im Metropol.

Preis für die beste Musikdokumentation, gestiftet von der Opus GmbH: „Blue Note Records: Beyond the Notes“ von Sophie Huber. Der Film ist im Rahmen des Festivals Jazz Open am 14. Juli um 15 Uhr im Stadtpalais zu sehen.

Tickets für die Vorführungen der Preisträgerfilme am Samstag, 29. Juni 2019, gibt es an der Kinokasse oder unter www.innenstadtkinos.de.