SWR Doku Festival Wahrheit in Filmen

Szene aus „Ein dicker Sommer“. Der Film läuft in der Kategorie Grenzgänger und Newcomer, mit der das Festival Werken eine Plattform bieten will, die sich abseits von bekannten Pfaden bewegen. Foto: SWR/Franziska Kabutke

Das SWR Doku Festival von 18. bis 22. Juni bietet emotionalen Stoff und rückt die Themen unserer Zeit in den Fokus. Von Kämpfen in der Ukraine und Iran bis hin zu Feminismus. Unterhaltend wird es mit dem Musikschwerpunkt zu Punk und Hip Hop. Ein Überblick.

Kultur: Kathrin Waldow (kaw)

Eine geballte Ladung Einblicke in das echte Leben samt Familie, Flucht, Krieg und Liebe, Alter, Beruf, Zusammenleben, Identität und Körper; eine gute Portion Musik und Natur sowie Preisgekröntes und Brandneues: So etwa könnte das Rezept für das diesjährige Programm des SWR Doku Festivals lauten.

 

Mit rund 30 Filmen an fünf Veranstaltungstagen sowie Gesprächsrunden nimmt sich das Festival in den Stuttgarter Innenstadtkinos viel vor. Zu viel vielleicht?

Dokumentarfilm, das heißt auch Realität abbilden, im besten Fall so, wie sie ist. Auch 2024 geht das in Anbetracht der Kriege und Krisen traurigerweise nicht ohne Leid. Das Festival nimmt zwei Brennpunkte dieser Welt in den Fokus und zeigt die Doku „White Angel“ des Journalisten Arndt Ginzel, der den Zerfall der ukrainischen Stadt Marinka und die Misere der Bewohner im russischen Angriffskrieg durch die Helmkamera des Polizisten Vasyl Pipa zeigt.

Brennpunkte der Welt im Blick

Mit „Sieben Winter in Teheran“ steht der Gewinnerfilm des Deutschen Filmpreises in der Kategorie Dokumentarfilm und Schnitt auf dem Programm. Darin: die Geschichte der getöteten iranischen Studentin Reyhaneh Jabbari, die 2014 vom iranischen Regime hingerichtet wurde. Die 1987 geborene junge Frau hatte bei einer versuchten Vergewaltigung einen Mann in Notwehr getötet. Trotz ihres Kampfes um ihr Leben noch aus dem Gefängnis heraus musste sie sterben. Heute gilt sie als Symbol des Widerstands und des Kampfes für Frauenrechte im Iran.

Szene aus „Sieben Winter in Teheran“ Foto: SWR Presse/Bildkommunikation

Das Arbeitsleben einer sehr neugierigen, nach Kunst hungrigen und starken Frau würdigt die Retrospektive: Drei Werke der mittlerweile 81-jährigen Filmemacherin Ulrike Ottinger, die auf dem Festival den Ehrenpreis für ihr Lebenswerk erhalten soll, werden gezeigt. Ottinger reiste um die Welt und rückte immer wieder Menschen verschiedener Kulturen und Lebensumstände von der Mongolei über Japan bis nach Osteuropa in den Fokus.

Szene aus „Die koreanische Hochzeitstruhe“ von Ulrike Ottinger Foto: SWR Presse/Bildkommunikation

Das Festival steht auch stellvertretend für den Deutschen Dokumentarfilmpreis. Der wird in diesem Jahr am Freitagabend, 21. Juni, vergeben. Nominiert sind neben „White Angel“ und „Sieben Winter in Teheran“ neben einigen anderen auch der österreichische Film „27 Storeys“ über das Leben und die Bewohner im Wiener sozialen Wohnpark Alterlaa sowie der Dokumentarfilm über den Missbrauchsskandal der evangelischen Brüdergemeinde in Korntal „Die Kinder aus Korntal“. Außerdem: „Goldhammer“ von André Krummel und Pablo Ben Yakov. Sie zeigen den verblüffenden Werdegang des derzeitigen AfD-Politikers Marcel Goldhammer – der 37-Jährige ist zum Judentum konvertiert, Schauspieler, betreibt eine Agentur für Wahlwerbung und führt einen exzentrischen Lebensstil.

Dokus über Punk, Hip-Hop und Frauen in der Rockmusik

Versteckt hingegen leben die Protagonisten des Films „Harraga – Marokkos verlorene Kinder“ in der spanischen Exklave Melilla in Marokko. Es sind Kinder und Jugendliche ohne Eltern, die in einer Höhle unter dem Leuchtturm von Melilla leben und nachts versuchen auf eines der Schiffe Richtung spanisches Festland zu gelangen.

Szene aus „Mutterland“ Foto: SWR Presse/Bildkommunikation

So nimmt das Festival auch die brennenden Themen Migration und Heimat auf: Der Film „Mutterland“, der außer Konkurrenz zu Beginn des Festivals am Mittwoch, 19. Juni, um 18 Uhr läuft, beleuchtet die Geschichte einer Gastarbeiterinnentochter in der Schweiz, die ihre Vergangenheit und ihre Eltern besser zu verstehen versucht. Im Anschluss daran spricht Anna Koktsidou, Beauftragte für Vielfalt und Integration des SWR, mit der Regisseurin Miriam Pucitta und Sara Alterio von der Abteilung Integrationspolitik der Stadt Stuttgart über das Thema Gastarbeiter.

Diskutiert werden soll viel auf dem Festival, laut Programm auch im Anschluss an die Werke über Musikphänomene, die einen weiteren Schwerpunkt ausmachen: so etwa die mehrteiligen Serien zu Hip-Hop („Hip Hop Made in Germany . . . And Stuttgart“ ) und Punk („Millennial Punk“), die beide in der ARD-Mediathek verfügbar sind. Marita Stocker, Autorin von „Rock Chicks – I am not female to you“, kommt ebenfalls zum Gespräch nach ihrem Film über Frauen in der Rockgeschichte. So verspricht dieses Doku-Festival auch gut abgeschmeckt mit Unterhaltung zu sein.

Nichts desto weniger ist der Blick der Dokumentarfilmenden in einer Zeit, in der subjektive Wahrnehmung, Manipulation und Fake-Inhalte oft ungefiltert verbreitet werden, umso wichtiger. Oder wie es die Direktorin des Festivals, Irene Klünder, in ihrem Grußwort formuliert: „Dokumentarfilme sind Zeugnisse von Leidenschaft, Engagement und dem unermüdlichen Streben nach Wahrheit. Und genau das macht sie so wertvoll.“

Lesen Sie hier ein Interview mit der SWR Doku Festival-Leiterin Irene Klünder.  

Termin Das Festival findet von 18. bis 22. Juni unter anderem in den Stuttgarter Innenstadtkinos Gloria 1, 2 und Cinema statt. Veranstaltungen gibt es etwa auch im Württembergischen Kunstverein und im Kunstmuseum Stuttgart. Der Deutsche Dokumentarfilmpreis wird am 21. Juni ab 19 Uhr (Gloria 1) vergeben.

Programm

Termin
Das Festival findet von 18. bis 22. Juni unter anderem in den Stuttgarter Innenstadtkinos Gloria 1, 2 und Cinema statt. Veranstaltungen gibt es etwa auch im Württembergischen Kunstverein und im Kunstmuseum Stuttgart. Der Deutsche Dokumentarfilmpreis wird am 21. Juni ab 19 Uhr (Gloria 1) vergeben.

Weitere Infos rund um die Filme unter:https://www.swr.de/swr-doku-festival/index.html

Details
Das ganze Programm gibt es unter: https://www.swr.de/swr-doku-festival/programm-swr-doku-festival-2024-100.html

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