SWR-Reform irritiert Aufseher Große Koalition gegen Aus für Polittalk

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Es rumort erheblich im SWR-Rundfunkrat: Die „Kultblondine“ Daniela Katzenberger kommt als Krimistar. Der Polittalk von Thomas Leif wird abgesetzt. Für Letzteres gibt es mehrere Gründe, offizielle und inoffizielle.

Seine Talkshow „2 + Leif“ soll auslaufen:   SWR-Chefreporter Thomas Leif. Foto: SWR
Seine Talkshow „2 + Leif“ soll auslaufen: SWR-Chefreporter Thomas Leif. Foto: SWR

Stuttgart - Es gibt für Politiker angenehmere Runden als „2 + Leif“ im Südwest-Fernsehen. Mit Floskeln und Plattitüden kommen sie nicht weit beim Polit-Talk des SWR-Chefreporters Thomas Leif. Der Moderator ist meist bestens vorbereitet und bohrt bei seinen beiden Studiogästen so lange nach, wie es nötig ist. Binnen dreißig Minuten werden die Themen so oft weitaus tiefer durchdrungen als in den großen Talkshows von ARD und ZDF. Hinterher setzt es beim Sender immer mal wieder Beschwerden von Politikern, die sich von Leif zu hart rangenommen fühlten.

Wenn eine solche Sendung abgeschafft werden soll, könnte man meinen, weinen ihr die Politiker keine Träne nach. Doch das Gegenteil ist der Fall: Seit bekannt wurde, dass der SWR „2 + Leif“ im Zuge der Neuausrichtung des dritten Fernsehprogramms auslaufen lassen will, melden sich immer mehr Fürsprecher des Formats. Bei der jüngsten Sitzung des Rundfunkrates am vorigen Freitag in Baden-Baden waren es vor allem Politiker aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, die die Pläne der SWR-Spitze kritisch hinterfragten – und das über Parteigrenzen hinweg.

Quoten zu niedrig, Kosten zu hoch

Das Aus für den Polit-Talk hat mehrere Gründe, offizielle und inoffizielle. Wie die ARD will der SWR den Anteil der Talksendungen reduzieren. Erhalten bleiben sollen die „Menschen der Woche“ und das „Nachtcafé“ mit den Altmeistern Frank Elstner und Wieland Backes. Die einzige politische Runde, jeweils montags um 23 Uhr, soll hingegen entfallen. Dürftige Quoten und vergleichsweise hohe Kosten werden intern als Begründung genannt.

Im Rundfunkrat bilanzierte der SWR-Intendant Peter Boudgoust, die Anfang 2009 gestartete Sendung habe „nicht so funktioniert, wie wir es uns versprochen hatten“. Zu viele bundespolitische statt regionale Themen machte er ebenso als mögliche Gründe dafür aus wie ein „verändertes programmliches Umfeld“ mit immer mehr ähnlichen Politrunden in ARD und ZDF. Auch diverse Änderungen hätten nicht den erhofften Erfolg gebracht. Man habe zwar „einen langen Atem“, so Boudgoust, wolle aber nicht starrsinnig an bestimmten Formaten festhalten.

Wo gibt es künftig Platz für den Diskurs?

Doch bei den Rundfunk- und Verwaltungsräten stieß der SWR-Chef auf erhebliche Skepsis. Der Stuttgarter Bundesratsminister Peter Friedrich (SPD) etwa erkundigte sich besorgt, wo denn künftig „Raum für offene, streitige Diskussionen“ sei; der Diskurs scheine ihm im neuen SWR-Programm zu kurz zu kommen. Zuspruch erhielt er umgehend vom Balinger CDU-Abgeordneten Günther-Martin Pauli: Man müsse die „Streitkultur weiter pflegen, in welcher Form auch immer“.

Auch der Stuttgarter Landtagsvizepräsident Wolfgang Drexler (SPD) warf sich für „2 + Leif“ in die Bresche: Man dürfe ein solches Format „nicht so einfach opfern“, die Begründung für das Aus überzeuge ihn nicht. Mit den anderen politischen Talkrunden sei die SWR-Sendung jedenfalls „nicht zu vergleichen“. Bei Leif werde ganz anders argumentiert als etwa bei Günther Jauch oder Sandra Maischberger, sekundierte die rheinland-pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner. Den Produktionsstandort Berlin gegen die Sendung ins Feld zu führen, gehe schon gar nicht.

Intendant will keine „Entpolitisierung“

Von dem parteiübergreifenden Gegenwind war Boudgoust sichtlich beeindruckt. Strittige Debatten, verteidigte er sich, fänden „schon längst im Regelprogramm statt“ und sollten dort künftig „noch stärker stattfinden“. Man plane mitnichten eine „Entpolitisierung“ des SWR-Fernsehens. Für Leif wolle man ein neues Format entwickeln, ergänzte der Fernsehdirektor Christoph Hauser, in dem er seine Qualitäten als Rechercheur entfalten könne – etwa eine „investigative Dokumentation“.

Zusätzlich genährt wurde die Skepsis der Gremienmitglieder durch eine ­Nachricht, die sie kurz vor der Sitzung erreichte: Die „Kultblondine“ Daniela Katzenberger, hatte der Sender stolz vermeldet, übernehme die Hauptrolle in einem neuen Regionalkrimi von SWR und ARD fürs Erste. Für die bisher aus dem Privatfernsehen bekannte 26-jährige Pfälzerin sei es „die erste Schauspielrolle“, man habe die Komödie „eigens für sie entwickelt“.

Empörung über Rolle für Katzenberger

Leif soll abgesetzt, Katzenberger engagiert werden – prompt brach über Boudgoust und seine Mannen ein Sturm der Entrüstung los. Hoffnung auf mehr Niveau und Qualität mache das „nicht unbedingt“, ätzte der SPD-Mann Friedrich. Sein Parteifreund Drexler zitierte genüsslich aus der Pressemitteilung, wonach Katzenberger mit ihrer Krimirolle „alles toppen“ wolle. Sein Kommentar: „Na, Prost Mahlzeit, das ist unsere Befürchtung.“ Noch schärfer rügten mehrere Rätinnen die „unerträgliche“ Verpflichtung der Blondine: Katzenberger stehe für all das, was der SWR gerade nicht sein wolle, das von ihr verkörperte Frauenbild passe nicht zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Zerknirscht räumte der Intendant ein, das „einmalige Engagement“ sei „vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss“. Doch mit der Fernsehreform habe es „nichts, aber auch überhaupt nichts“ zu tun. Vergeblich, das Klima war schon zu gereizt. Boudgousts Wunsch, der Rundfunkrat möge die Umbaupläne „zustimmend zur Kenntnis“ nehmen, erfüllte sich nicht: Genau das, widersprach der SPD-Mann Drexler, werde man nicht tun. Weiter geht die Reform freilich trotzdem.