Beim Auftritt von Oliver Pocher haben viele verärgert das SWR-Sommerfestival vorzeitig verlassen – einer davon war der frühere SWR-Star Matthias Holtmann. Er übt scharfe Kritik an dem Comedian. Und was sagt Kabarettist Christoph Sonntag dazu?

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Es sei nicht seine Art, schickt Matthias Holtmann voraus, „Kollegen in die Pfanne zu hauen“. 36 Jahre lang war er ein Star bei SDR und SWR, hat vor 16 Jahren das Format „Pop und Poesie“ erfunden, von dem er sich auf dem SWR-Sommerfestival in einer höchst emotionalen Nacht verabschiedet hat. Noch bevor der 73-Jährige auch nur ein Wort sagen konnte auf der Bühne des ausverkauften Schlossplatzes, erhob sich das gesamte Publikum zu Standing Ovations und verneigte sich vor einem Mann, der Radiogeschichte geschrieben hat.

 

Anderntags wollte sich Holtmann mit seiner Lebenspartnerin einen schönen Abend beim Festival machen und besuchte die Comedy-Show im Ehrenhof, bei der nicht mal halb so viele Zuschauer wie bei seinem Abschied gekommen waren. Die Auftritte von Andreas Müller und Christoph Sonntag gefielen der Stuttgarter Radiolegende noch sehr gut – als dann aber der „Höhepunkt“ kam, stieg bei „Matze“ ein Gefühl des Fremdschämens so sehr auf, bis er den Auftritt von Oliver Pocher vorzeitig verließ.

„Das war nicht auszuhalten“, sagt Matthias Holtmann, „so herablassend geht man nicht mit seinem Publikum um.“ Auch er habe in seiner langen Laufbahn Späße mit Zuhörern gemacht, aber immer darauf geachtet, gewisse Grenzen nicht zu überschreiten.

Kritik auch von SWR-Leuten hinter vorgehaltener Hand

Pocher hatte eine Besucherin über ihre Intimsphäre ausgefragt und sich mehrfach darüber lustig gemacht, dass sie ohne Sex lebt. Nach Show bat sie unter Tränen den SWR, diese Szenen nicht auszustrahlen. Mit seinen Entgleisungen habe der Comedian seinen Kollegen, die vor ihm auftraten, schwer geschadet sowie allen Macherinnen und Machern eines hervorragenden Festivals, sagt Holtmann.

Hinter vorgehaltener Hand kritisieren etliche SWR-Leute Pochers Auftritt, äußern sich aber freilich nicht öffentlich, zumal SWR-Kommunikationschefin Anja Görzel als offizielle Sprachregelung ihres Hauses gegenüber unserer Redaktion gesagt hat: „Wir als öffentlich-rechtlicher Sender bewerten künstlerische Programme nicht.“ Es solle nicht der Eindruck entstehen, man wolle zensieren. Der SWR selber hat in seiner eigenen Berichterstattung über das Sommerfestival den Vorfall mit Oliver Pocher in keinem Wort erwähnt.

Was Christoph Sonntag dazu sagt

Christoph Sonntag, der vor Oliver Pocher aufgetreten ist, sagt unserer Redaktion, von seinem Menschenbild her neige er dazu, sein Publikum „liebevoll und freundlich zu necken und respektvoll zu behandeln“. So gesehen passt Pocher nicht zu ihm. Doch Sonntag sieht seine Aufgabe als Künstler nicht darin, „dem Veranstalter vorzuschreiben, wen er neben mir beauftragt“. Jeder Künstler habe eine andere Art, das was Pocher macht, „wäre nicht meine“, erklärt Sonntag: „Aber er hat ja Erfolg damit. Die Menschen rennen ihm die Bude ein. Es scheint also vielen zu gefallen, was er macht.“