SWR Symphonieorchester Chefdirigent François-Xavier Roth setzt auf Wagner

Dirigent François-Xavier Roth, hier bei einem früheren Konzert in Prag Foto: imago/CTK Photo

François-Xavier Roth dirigiert erneut das SWR Symphonieorchester in der Stuttgarter Liederhalle. Diesmal holt er Wagners Opern in den Konzertsaal. Ist das gelungen?

Ein Sympathieträger wird François-Xavier Roth, seit Beginn der Saison Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters, wohl nicht mehr werden. Man kriegt sie einfach nicht aus dem Sinn: die „Dickpics“, die Fotoaufnahmen seines eigenen Geschlechtsteils, die er vor einigen Jahren – der Fall wurde 2024 öffentlich – per Handy an seine Musiker und Musikerinnen versendet hat. Ob er nun auf der Bühne steht oder als Plakat-Konterfei von Stuttgarter Litfaßsäulen herunter lächelt.

 

Die #MeToo-Vorwürfe gegen ihn hätten dazu führen müssen, dass er wenigstens für eine Zeit lang in der Versenkung verschwindet. Stattdessen: eine dicke Abfindung vom Gürzenich-Orchester und den Orchester-Chefposten beim SWR. Das bleibt ein Skandalon. Man mag das drehen und wenden wie man will. Kann denn ein Mensch innerhalb weniger Monate ein anderer werden, wie es Roth von sich behauptet?

Das Gras will nicht wachsen

Vermutlich erwartet der SWR, dass bald Gras über die Vorwürfe wächst. Derzeit scheint dieses Gras aber nicht einmal einen Millimeter hoch zu sein. Denn das Abo-Konzert des SWR Symphonieorchesters am Donnerstag im Beethovensaal, Roths viertes Programm, das er dirigierte, war schlecht verkauft. Im hinteren Drittel des Parketts herrschte gar gähnende Leere. Es war offenbar nicht nur ein Fehler des SWR, Roth trotz aller Vorwürfe zum Chefdirigenten zu machen, es war auch ein Fehler, ihm gleich fünf der zehn Abo-Konzerte zu überantworten.

Die Stimmung ist an diesem Abend kühl, der Auftrittsapplaus für Roth höflich zart. Er stürzt sich gleich gestenreich in die Arbeit: Wolfgang Rihms „In-Schrift“ von 1995. Auf der Bühne herrscht Arbeitsatmo. Ein leidenschaftliches, inniges Miteinander sieht anders aus. Aber das Orchester spielt das gut, dieses komplexe Nacheinander von kathedraler Fülle und knorriger, harscher, kantiger Rhythmik. Und schön herausgespielt auch: der Überraschungseffekt, wenn mittendrin plötzlich sinnlich, glimmend, süß die Renaissance beschworen wird.

Ein kurioses Programm: 20 Minuten Rihm, also einstige Avantgarde, dann 20 Minuten Pause, dann 70 Minuten aus Richard Wagners „Ring“- Oper „Die Walküre“, erster Aufzug. Roth und der SWR folgen darin der merkwürdigen Tradition, mit diesem wuchtigen, in sich geschlossenen Opern-Teil fast ein ganzes Sinfoniekonzert zu füllen. Aber welchen Mehrwert hat es, dieses Inzestmärchen von Siegmund und Sieglinde in die klangsezierende Sterilität eines Konzertsaals zu verlegen? Musik und Szene gehören bei Wagner eng zusammen, ergeben eine Einheit. Nimmt man der Musik die Opernbühne, wird es langweilig: Dieser endlose Sprachgesang, nun im luftleeren Raum! Da wird es gelegentlich auch unfreiwillig komisch.

Das Orchester agiert entfesselt

Und weil das Orchester auf der Konzertbühne – weil ja ohne Grabendeckelung – dynamisch entfesselt agieren kann, müssen die Singenden sehen, wie sie sich darüber hinwegsetzen. Johanni van Oostrum als Sieglinde gelang das gut. Weniger erblühte ihre Sopranstimme, als dass sie sich kraftvoll und mit wohltönender Höhe Gehör verschaffte. Auch der robusten Bassstimme von Mika Kares gelang das problemlos; dabei Hundings eintönigen, machtgierigen, gewalttätigen Charakter gut vermittelnd. Dem Tenor Maximilian Schmitt fehlte es aber als Siegmund deutlich an Energie und Kraft. Oft ging er im orchestralen Klangmeer unter. Die Wirkung der attraktivsten Stelle der „Walküre“, seine Arie „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ verpuffte ohne Silberzauber.

Derweil feierte sich das Orchester im Wagner’schen Beziehungszauber: in Unheil verkündendem, andeutungsgesättigtem Wogen und Wabern, in fluffig ratternden Hornchören, in innigen Cello- und Bläsersoli, in weich federnden Posaunenfanfaren.

Am Ende gab’s Applaus vor allem für das Gesangstrio. Roth versteckte sich ein bisschen im riesig besetzten Orchester, legte es auf ein Verbeugungssolo gar nicht erst an. Warum es dann noch eine Zugabe geben musste, und zwar ausgerechnet den aufdringlich lärmenden Walküren-Ritt, steht in den Sternen.

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