InterviewHolocaust-Professorin Sybille Steinbacher Prozesse sind eine Frage der politischen Kultur

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Wie wichtig sind die späten Urteile in den NS-Prozessen der letzten Jahre um Oskar Gröning oder Reinhold Hanning?
Es ist sehr wichtig, dass diese Prozesse geführt werden. In der Folge des Demjanjuk-Urteils änderte sich ja die Rechtssprechung. Zuvor mussten detaillierte Tatnachweise geführt werden. Nun ist es möglich, all diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, die dazu beigetragen haben, die Vernichtungsmaschinerie in den eigens dafür geschaffenen Lagern und anderswo am Laufen zu halten. Dass Ermittlungen in Gang gesetzt werden, zeigt, dass hohes Alter nicht davor schützt, dass diese Verbrechen geahndet werden. Ich finde es richtig, dass diese Leute aufgespürt werden und damit rechnen müssen, vor Gericht zu kommen.
Was steht für Sie im Vordergrund: die juristische Schuld oder noch einmal über ein Stück deutsche Zeitgeschichte zu verhandeln?
Es geht darum, dass diese Menschheitsverbrechen nicht verjähren. Das ist nicht nur eine juristische, sondern auch eine gesellschaftspolitische Frage und eine zentrale Frage für die politische Kultur der Bundesrepublik, zu deren elementaren Bestandteilen heute ja der selbstkritische Umgang mit der NS-Vergangenheit zählt.
Wie halten Sie es aus, sich nur mit dem Holocaust zu beschäftigen?
Wenn es mich belasten würde, mich damit beruflich zu beschäftigen, würde ich es nicht tun. Für mich ist es aus vielen Gründen wichtig, mich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, gerade auch aus gesellschaftspolitischen. Antrieb dazu gab mir unter anderem die Bekanntschaft mit Überlebenden, beispielsweise mit Max Mannheimer, der im letzten Jahr gestorben ist und den ich lange und gut kannte.
Was bedeutet der Tod der Zeitzeugen für Sie als Forscherin?
Es ist natürlich ein großer Verlust, wenn sie uns von ihren Erfahrungen nicht mehr erzählen können. Aber wir haben das alles in Büchern und in Filminterviews dokumentiert. Es ist nicht so, wie es oft heißt, dass keine Geschichtsforschung mehr möglich sei, weil die Zeitzeugen sterben. Erinnerung ist ja nicht Geschichtsschreibung. Zeitzeugenerzählung und kritische Geschichtsforschung sind zwei unterschiedliche Dinge, das ist wichtig zu betonen.




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