Sybille und Claude aus Stuttgart An Weihnachten beginnt die große Liebe

Kennengelernt in Tübingen, geblieben in Stuttgart: Sybille und Claude in ihrer Wohnung in Botnang. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Claude ist 1976 in Tübingen stationiert. Am Weihnachtstag laden viele Einheimische die französischen Soldaten zu sich ein. In einer dieser Familien trifft Claude auf Sybille. Während es draußen schneit, beginnt es zwischen den beiden zu knistern.

Psychologie/Partnerschaft: Florian Gann (fga)

Am 25. Dezember 1976 steht Claude Malafosse vor der Loretto-Kaserne in Tübingen. Es schneit leicht an diesem Tag, und gleich wird ihn ein Mann im Mercedes abholen, zu seiner Familie fahren, etwas zu essen anbieten, einen Ausflug planen. Etwas Gastfreundschaft für den 22-jährigen französischen Soldaten, der sonst den Weihnachtstag ohne Familie in der Kaserne verbringen müsste. Claude Malafosse konnte zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass dieser Tag sein Leben verändern wird.

 

Katholischer Soldat gesucht – und gefunden

Die Wochen zuvor: Claude absolviert in diesem Jahr seinen Militärdienst in Tübingen, einer Stadt, von der er zuvor noch nie gehört hatte. Und er weiß, dass er an Weihnachten nicht nach Hause zu seiner Familie wird fahren können. Ein Kumpel macht ihn darauf aufmerksam, dass einheimische Familien am Feiertag französische Soldaten zu sich einladen. Claude füllt die Anmeldung aus, trägt Architektur-Student als Beruf ein, macht bei der Konfession ein Kreuzchen bei römisch-katholisch.

Ungefähr zur gleichen Zeit liest eine Frau Salomon von der Aktion in der Zeitung und sagt zu ihrer Familie: „Laden wir doch so ein Soldätle ein.“ Und im Rathaus, wo die Anmeldungen zusammenlaufen, wird die Frau – ihr Mann ist Architekt – sagen: „Aber schickt mir ja einen Katholischen.“

Dann taucht Sybille auf, nicht geschminkt, nicht herausgeputzt

Eines der ausgefüllten Formulare passt besonders gut zu diesen Anforderungen: Deswegen wird Claude am Weihnachtstag von Herrn Salomon vor der Kaserne abgeholt und zum Zuhause der Familie gebracht. Als Claude – braune Samtschlaghose, schicker weißer Pullover – die Wohnung betritt, sieht er zuerst die Frau des Hauses. Und dann kommt die Tochter aus der Küche, eine Konservendose mit Wachteleiern in der Hand, einen grün gestreiften Pullover an, eine schwarze lockere Hose, nicht geschminkt, nicht herausgeputzt. Aber für Claude ist Sybille, so heißt die Tochter, wunderschön.

Sybille ist damals 18 Jahre alt. Ihre Haare leuchten so rot, dass sie Kupfer im Sonnenschein blass aussehen lassen. Sommersprossen, die Gesichtszüge noch kindlich, sie könnte auch 15 sein. Sybille beobachtet Claudes Blicke genau. Später, als sie mit der ganzen Familie Karten spielen – die Oma, die Nachbarin und die Patentante sind auch dabei –, wird sie immer wieder prüfen, ob Claude zu ihr schaut. Und dann sofort nach unten schauen, wenn sich ihre Blicke treffen.

Beim Abschied gibt es ein erstes Küsschen

Die ganze Familie scheint Claude gleich zu mögen, obwohl nur Sybille richtig mit ihm auf Englisch reden kann. Er spielt ein paar Lieder Klavier, direkt neben dem Christbaum mit dem vielen Lametta. Der Familie gefällt das. Sie essen gemeinsam Rehbraten, nehmen ihn mit zu einer Krippenausstellung. Er schenkt ihnen eine Flasche Wein, sie ihm ein Briefpapier, das sie als lilablassblau bezeichnen. Sie wollen diesen Weihnachtstag gar nicht enden lassen und erbitten bei der Kaserne, dass er ein paar Stunden länger bleiben darf. Gegen 23 Uhr bringen ihn Sybille, ihre Oma und ihr Vater zurück. Als sie sich verabschieden, sagt Claude „Darf ich?“ und verabschiedet sich von Sybille mit Küsschen links, Küsschen rechts. Ein bisschen aufregend ist das schon.

Ein paar Tage vergehen, dann flattert Sybille ein Brief ins Haus. „Dear Sybille“, liebe Sybille, beginnt er, saubere, geschwungene Schrift auf diesem lilablassblauen Papier, das nur von Claude sein kann. Er bedankt sich für den schönen Weihnachtstag, dann schreibt er: „If you want, I should be very pleased to see you again“, also: „Wenn du willst, wäre ich sehr erfreut, dich wiederzusehen.“ Sybille ist im siebten Himmel.

Von da an sehen sie sich immer wieder. Sie gehen spazieren in Kressbach, da schießt Claude ein erstes Foto von Sybille. Sie treffen sich bei ihr zu Hause, manchmal platzt die Mutter ins Zimmer. Der richtige Moment für den ersten Kuss war noch nicht dabei.

Die Marienkäfer fliegen – und die beiden kommen sich näher

Im März 1977 machen Claude und Sybille einen Ausflug nach Wildberg, sie fahren mit Sybilles Eltern und der Oma. Es ist ein Frühlingstag, sehr warm für diese Jahreszeit.

Das junge Paar spaziert durch den Wald, überall sind Marienkäfer, kleine rote Pünktchen vor dem Grün der Bäume. Sie hocken sich auf eine Bank, und Sybille sagt: „Ich wäre sehr traurig, wenn du wieder nach Frankreich gehst.“ Claude wird klar, dass da echte Gefühle sind. Er, eigentlich der Zurückhaltende, bewegt sich auf sie zu, ihre Lippen berühren sich, der erste Kuss, die Marienkäfer sind Zeugen. Sie gelten nicht umsonst als Glücksbringer.

Den Sommer danach verbringen Sybille und Claude noch teilweise gemeinsam, aber sein Militärdienst ist vorbei. Er muss zurück nach Paris, um dort sein Architektur-Studium fertig zu machen. Es beginnen drei Jahre mit vielen Briefen. Claude überprüft schon vor der Uni immer den Briefkasten, ob es Post von Sybille gibt. Sie nimmt seine Briefe mit ins Bett, riecht daran, legt sie unters Bett. Heute füllen die mit Liebesbekundungen und Sehnsüchten vollgeschriebenen Blätter einen ganzen Ordner in ihrer Wohnung in Stuttgart-Botnang.

Die große Liebe an Weihnachten, „fast ein bisschen kitschig“

Als diese Phase überstanden ist, sucht er eine Anstellung in Stuttgart, denn Sybille wäre Paris zu groß, zu hektisch gewesen, zu groß wäre auch das Heimweh gewesen. 1980 bekommt Claude einen Job in einem Architekturbüro in Stuttgart, das Paar zieht dorthin. Am 25. Dezember 1980, genau vier Jahre nach ihrem ersten Treffen, geben sie vor der Familie in Versailles ihre Verlobung bekannt, 1981 heiraten sie in Tübingen, 1982 und 1984 kommen die beiden Töchter zur Welt, mittlerweile gibt es fünf Enkel zwischen zweieinhalb und sechzehn Jahren. Sybille und Claude, 67 und bald 71 Jahre alt, bezeichnen sich als stolze Großeltern. Und am kommenden 25. Dezember werden sie an die vielen Zufälle denken und das große Glück, das vor genau 48 Jahren begann. „Das ist eine echte Weihnachtsgeschichte“, sagt Claude Malafosse heute, lächelt seiner Frau zu und meint: „Fast ein bisschen kitschig.“

*Der Artikel wurde ursprünglich am 19.12.2023 veröffentlicht und aktualisiert.

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