Die neue deutsche Freiheit ist die Gehirnfreiheit. Dieses treffende Wort ist der „Süddeutschen Zeitung“ entnommen, die damit das Sylter Party(un)wesen charakterisiert: eine „Richkid“-Szenerie, von der sich schnell herausstelle, dass auch andernorts zu den vergleichsweise unschuldigen Beats von Gigi D’Agostinos „L’amour toujours“ Naziparolen gegrölt werden.
Das Problem wird uns leider auch dann noch erhalten bleiben, wenn dereinst der steigende Meerespegel den Sylter Wohlstandschauvinismus verschlungen haben wird. Reiche Menschen finden immer ein Reservat, in dem sie sich sicher wähnen. Peter Thiel zum Beispiel, der deutsch-amerikanische Milliardär, Investor und Demokratieverächter, denkt an schwimmende Inseln im Meer, die den Vorteil böten, dort jeglicher staatlichen Zumutungen entzogen zu sein. Auf Neuseeland und Hawaii besitzen Thiel und andere Finanz-Tech-Show-Größen Latifundien, auf denen sich die eine oder andere Katastrophe aussitzen lässt. Davon kann der gewöhnliche Reichsbürger und Prepper, der im Keller Raviolidosen hortet und im Schuppen das Jagdgewehr ölt, nur träumen.
Gemeinhin gilt Bildung als Prophylaxe gegen ethnozentrisches und nationalistisches Denken. Aber so einfach verhält sich die Sache nicht. Die Sylter Dumpfbacken dürften eine ordentliche Schul- und wohl auch eine Form von Hochschulbildung genossen haben. Das AfD-Personal, dessen geistige Wurzeln im Nationalsozialismus in ihrem Frontmann Björn Höcke sichtbar werden, weist einen nennenswerten Anteil von Akademikern, gar Promovierten auf. Geistige Verwirrung mischt sich mit moralischer Verwahrlosung. Im Gegenzug beweisen gerade einfache Menschen ein hohes Maß an Hilfsbereitschaft und praktischer Vernunft. Rechtspopulismus und Rechtsextremismus sind kein Spezifikum von Abgehängten.
Bei Gehirnfreiheit und Werteabstinenz handelt es sich also um Phänomene, die unabhängig von formalen Bildungsabschlüssen auftreten. Dabei lautet doch das Versprechen der europäischen Aufklärung, auf der letztlich auch unsere Demokratie gründet: Selbst denken schützt vor Tyrannei, vor Verführung und Aberglaube, vor Ideologien und Heilsversprechen. Die neuere Geschichte zeigt jedoch: Aufklärung allein mag zwar den Geist befriedigen. Eine Gesellschaft aber braucht nicht nur gute Gedanken, sondern auch eine gewisse Gleichheit.
In der digitalen Welt tauchte in Reaktion auf die Filmschnipsel aus der Sylter Schnöselbar – war es ein Witzbold oder gar ein Sozialdemokrat? – der Vorschlag auf, vielleicht doch wieder einmal über die Erbschaftsteuer zu reden. Dieser Gedanke führt etwas von der Nordsee weg, enthält aber einen wahren Kern. Eine liberale Demokratie verträgt einen Anteil an Gehirnfreiheit, doch wird sie nur Bestand haben, wenn sie ein Mindestmaß an Gemeinsinn aufweist. Das gilt für Einheimische und Zugewanderte, aber auch für Reiche und Habenichtse. Die aktuellen Diskussionen um die Vier-Tage-Woche und den Lebenssinn jenseits der Arbeit sind überhaupt nur zu verstehen vor dem Hintergrund einer Erbengeneration, die teilweise schon mit der Geburt einer gesicherten materiellen Existenz entgegensieht und über Quellen leistungsloser Einkommen verfügt. Großer Reichtum wird de facto kaum besteuert, es gibt Mittel und Wege, die dies verhindern. So bilden sich neue feudale Strukturen heraus. Zumal Kapitaleinkommen gegenüber Arbeitseinkommen steuerlich bevorzugt werden. Wer arbeitet ist der Dumme. Der Grund dafür sind nicht die Bürgergeldempfänger, die als Schreckbild neoliberaler Wahlkämpfer herhalten müssen. Nach unten treten hat Tradition. Unverdienter Reichtum wird als gottgegeben hingenommen. So gedeiht kein Gemeinsinn.
Der Brexit zum Beispiel war das Ergebnis von Machtspielchen einer abgehobenen Oberschicht, die Figuren wie David Cameron und Boris Johnson hervorbringt – intelligente Leute, jedoch skrupellos in ihrem Machtdrang. Ungleiche Gesellschaften benötigen Ideologien, die den Skandal ihrer Existenz vernebeln. Dazu gehört der Nationalismus. „Global Britain“, „Make America great again“, „Deutschland den Deutschen“: Das sind Parolen, die soziale Ungerechtigkeit hinter dem Hass auf das Fremde verschwinden lassen sollen. Sie sind Instrumente, um die Demokratie zu zerstören und das Böse an die Macht zu bringen.