Synagoge in Stuttgart Darum lohnt sich eine Führung

Binah Rosenkranz führt durch das jüdische Jahr mit seinen Festen. Hinter ihr der Tora-Schrank. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 8 Bilder
Binah Rosenkranz führt durch das jüdische Jahr mit seinen Festen. Hinter ihr der Tora-Schrank. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Synagoge in der Büchsenstraße ist von Außen unscheinbar, aber innen offenbaren sich die Schätze. Führungen gibt es regelmäßig. Ein Blick in das Gotteshaus in der Innenstadt.

Lokales: Sybille Neth (sne)
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Stuttgart - Die Synagoge in der Innenstadt steht allen offen. Wer sich anmeldet, bekommt einen Besichtigungstermin vielleicht mit etwas Wartezeit, denn nur für Gruppen gibt es die eineinhalbstündige Führung. „Wir haben Reitklubs, Firmen, Familien – alle können sich melden“, sagt Binah Rosenkranz. Sie ist im Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs und informiert ihre Zuhörer nicht nur während der Woche der Brüderlichkeit über die jüdische Religion, ihre Werte und ihre Feste. Die Männer bekommen vor dem Eintreten in den Gottesdienst-Raum im Foyer eine Leih-Kippa. Für Frauen gibt es dagegen keine bestimmte Kleiderordnung.

Grundriss wie ein Kino

Wer sich schon gewundert hat, dass die Synagoge, die 1952 eingeweiht wurde, so gar nicht wie ein Gotteshaus aussieht, wird aufgeklärt: Erst auf Druck der amerikanischen Besatzer ließ die Stadt wieder eine Synagoge bauen. Sie beauftragte den Architekten Ernst Guggenheimer aber mit der Auflage, dass das Gebäude so zu planen sei, dass es auch als Kino genutzt werden könne. Schließlich wisse man nicht, ob es immer eine Synagoge bleiben werde. „Beth knesset“ wurde sie genannt und steht auf dem Grundstück des in der Reichspogromnacht zerstörten ursprünglichen Gotteshauses.

Nach dem Holocaust lebten 1945 noch 24 Mitglieder der früheren Gemeinde in Stuttgart. Vor dem sogenannten Dritten Reich waren es 4500, was etwa einem Prozent der Einwohner entsprach. Zu Beginn der 90er Jahre wuchs die Jüdische Gemeinde durch die Kontingentflüchtlinge aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion stark an und heute hat sie über 3000 Mitglieder. Sie betreibt eine Kita und eine Grundschule. Beides besuchen auch Kinder aus Familien anderer Religionen, darunter sind Kinder muslimischen Glaubens. „Sie haben dann keine Probleme mit dem Essen für die Kinder“, erklärt Binah Rosenkranz. Schweinefleisch ist in beiden Religionen verboten. Der jüdische Religionsunterricht in Württemberg wird ebenfalls von der Büchsenstraße aus organisiert. Dafür reisen die Lehrer durch ganz Württemberg, denn auf dem flachen Land leben nur vereinzelt jüdische Familien.

Speisen wie die Vorfahren

Über die jüdischen Fest-und Gedenktage könnte Binah Rosenkranz stundenlang erzählen: Beeindruckend sind die minutiös festgelegten Rituale, die stets dazu gehören. So verlangt das Pessach-Fest zu Ehren des Auszugs der Israeliten aus Ägypten und damit dem Ende der Sklaverei ganz bestimmte Speisen. Lebensmittel, die die Israeliten am Abend vor ihrem Aufbruch zu sich genommen haben sollen: Auf jedem Teller werden bis heute Erdfrüchte wie Radieschen, Sellerie oder Petersilie nebst einem hart gekochten Ei angerichtet. Zum Mahl gehören auch Frühlingskräuter und ein Mus aus geriebenem Apfel, Zimt und Wein sowie gebratenes Lammfleisch am Knochen und eine Schale mit Salzwasser. Eine bestimmte Speisenfolge, die fest zu den religiösen Riten gehört, ist charakteristisch für viele Feste.

Beeindruckende Tora-Rollen

Der Höhepunkt bei der kleinen Reise in die jüdische Religion ist der Moment, in dem Rosenkranz den schweren blauen Samtvorhang an der vorderen Wand der Gebetsraumes zur Seite zieht und sich der Schrank offenbart, in dem die opulent mit Silberornat verzierten Tora-Rollen lagern. Für diese steht zentral in der Synagoge ein Pult, auf dem sie zum Lesen geöffnet werden können. Die Besucher dürfen die gestochen scharfe und unglaublich gleichmäßige hebräische Schrift bewundern. Tora-Rollen-Schreiber ist ein eigener Beruf – und wenn selbst so einem Profi ein kleiner Fehler unterlaufen sollte, muss er alles noch einmal schreiben. Denn Verbesserungen werden nicht geduldet. Deshalb ist es für die Mädchen, wenn sie mit zwölf und die Jungen, wenn sie mit 13 Jahren religionsmündig werden, die höchste Ehre, dass sie zum ersten Mal aus der Tora lesen dürfen. „Alle sind da sehr aufgeregt“, erzählt Binah Rosenkranz. Natürlich wird auch dieser Tag im großen Familienkreis mit einem Essen und einem Fest gefeiert.

Synagogenbesuche gibt es ab einer Gruppengröße von acht Personen. Auch Einzelpersonen können sich anmelden und bekommen einen Termin mit anderen Interessierten zusammen. Es herrschen strenge Sicherheitsvorschriften. Weitere Informationen und Kontakt unter: http://www.irgw.de/synagogenbesuche/




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