Synodalversammlung soll Reformen erreichen „Die Geduld des Kirchenvolks ist aufgebraucht“
Der Pflichtzölibat muss fallen, die Verteufelung der Homosexualität muss enden, sagt Christian Weisner, der Sprecher von „Wir-sind-Kirche“.
Der Pflichtzölibat muss fallen, die Verteufelung der Homosexualität muss enden, sagt Christian Weisner, der Sprecher von „Wir-sind-Kirche“.
Stuttgart - Das Problem der sexualisierten Gewalt ist ebenso weit verbreitet wie die Degradierung von Frauen in der Kirche und der Priestermangel, sagt Christian Weisner von der Reformbewegung „Wir sind Kirche“. Mit dem Synodalen Weg könnten „Antworten auf die weltweiten Krisenphänomene gefunden werden“.
Das muss er in jedem Fall werden, denn die Vertröstungen wirken schon lange nicht mehr. Vor zehn Jahren wurde der Missbrauch am Canisius-Kolleg aufgedeckt. Vor 25 Jahren hat der Missbrauchsskandal um den Wiener Kardinal Groër das österreichische Kirchenvolk aufgebracht. Schon damals hat die Basis genau die Reformen gefordert, die jetzt wieder auf der Agenda stehen, um Missbrauch zu bekämpfen. Nun müssen endlich Konsequenzen gezogen werden. Die Geduld des Kirchenvolks ist aufgebraucht.
Was macht Ihnen jetzt Hoffnung?
Vor allem der Papst. Franziskus steht für einen Kurs der Öffnung im Gegensatz zu seinen rückwärtsgewandten Vorgängern Benedikt und Johannes Paul II.. Er fördert ausdrücklich die Synodalität und verlangt mutige Schritte von der Kirche. Dazu kommt, dass auch zahlreiche Theologen heute die Reformforderungen mittragen.
Aber kann es denn in der katholischen Weltkirche separate Lösungen für Deutschland geben?
Es geht hier überhaupt nicht um einen deutschen Sonderweg. Das Problem der sexualisierten Gewalt ist ebenso weit verbreitet wie die Degradierung von Frauen in der Kirche und der Priestermangel. Mit dem Synodalen Weg könnten Antworten auf die weltweiten Krisenphänomene gefunden werden.
Gelingt dies schon in der jetzt beginnenden Synodalversammlung?
Das müssen wir abwarten. Skeptisch stimmt mich allerdings, dass manche Bischöfe schon vorab erklären, sie seien nicht an die Beschlüsse gebunden. Außerdem ist die Theologie stark unterrepräsentiert bei dem Treffen. Nur drei Personen konnten die Fakultäten benennen. Warum zum Beispiel ist Hubert Wolf nicht dabei, der zur Amazonas-Synode im Vatikan extra mit einer Expertise zum Zölibat beauftragt war? Zumindest in den folgenden Arbeitsgruppen muss dringend das theologische Know-how, das wir in Deutschland haben, integriert werden.
Doch auch das wird nicht zu verbindlichen Beschlüssen führen.
Tatsächlich wurde das Kirchenrecht in den vergangenen Jahrzehnten so verändert, dass quasi alles Bestehende zementiert wurde. Die katholische Kirche ist mittlerweile eher ein Rechtsinstitut als eine Glaubensgemeinschaft. Franziskus will die Mauern abbauen, doch in Rom pfuschen ihm die Konservativen ins Handwerk. Notwendig wäre, dass die deutschen Bischöfe den Kurs von Franziskus noch viel stärker unterstützen.
Welche Ergebnisse braucht es, damit sich der Aufwand des Synodalen Weges am Ende lohnt?
Es braucht kraftvolle Voten, die von Rom nicht ignoriert werden können, für das Diakonat der Frau und für die Freiwilligkeit des Zölibats. Wir brauchen Frauen in Leitungsämtern, eine umfassendere und transparente Aufarbeitung der sexuellen Gewalt, und wir brauchen ein Hoffnungszeichen für Homosexuelle. Die Verteufelung gleichgeschlechtlicher Liebe muss aufhören.
Erwarten Sie solche Eindeutigkeiten angesichts der Meinungsverschiedenheiten der Bischöfe?
Eigentlich müssten die Bischöfe erst mal für sich einen synodalen Weg zurücklegen. Viele fühlen sich immer noch als geistliche Herren. Ihnen ist nicht klar, wie schädigend ihre Zerrissenheit für das Ansehen der ganzen katholischen Kirche in Deutschland ist.