Syrien Die Terroristen in Ost-Ghuta

Von Götz Aly 

Das Morden in Syrien geht weiter. Unser Autor Götz Aly warnt vor einer einseitigen Parteinahme in diesem Konflikt. Sie nütze den Menschen nicht.

Das von  Syrischen „Weißhelmen“ zur Verfügung gestellte Videostandbild zeigt Mitglieder des Zivilschutzes, die während Luftangriffen und Beschuss Anwohnern  von Ost-Ghuta helfen. Foto: dpa
Das von Syrischen „Weißhelmen“ zur Verfügung gestellte Videostandbild zeigt Mitglieder des Zivilschutzes, die während Luftangriffen und Beschuss Anwohnern von Ost-Ghuta helfen. Foto: dpa

Stuttgart - Die Ghuta-Ebene ist die größte Oase in Syrien. Von dort wird Damaskus mit Wasser und frischen Lebensmitteln versorgt, die Vorstädte reichen bis in dieses fruchtbare Land. Von Saudi-Arabien und der Türkei massiv gefördert, haben sich seit 2013 in Ost-Ghuta islamistische Gotteskrieger eingenistet. Von dort beschossen diese immer wieder die syrische Hauptstadt mit Granaten, verbreiteten mit Bombenattentaten Terror und Tod unter der Zivilbevölkerung von Damaskus.

Monatelang drehten sie den zwei Millionen Damaszenern das Trinkwasser ab – ein veritables Kriegsverbrechen. Die von Russland – nicht von den USA oder Deutschland! – im September 2017 für Ost-Ghuta ausgehandelte Waffen- und Verhandlungsruhe wurde von den Führern der islamistischen Freikorps, Bombenleger und Heckenschützen bislang beharrlich missachtet. Ähnlich wie die islamistischen Weltanschauungskrieger in Ost-Aleppo oder Mosul verstehen sie offenbar nur die Sprache der Gewalt. Sie nehmen die Zivilbevölkerung in Geiselhaft, missbrauchen sie als menschliche Schutzschilde.

Andersdenkende werden von Islamisten drangsaliert

Am 7. Februar 2018 schrieb die erfahrene Nahost-Korrespondentin der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), Monika Bolliger: „Vor Ort gibt die Saudi-Arabien nahestehende salafistische Miliz des Jaish al-Islam den Ton an und terrorisiert Andersdenkende.“ Sie berichtete von dem Menschenrechtler Osama Nassar in Ost-Ghuta, der 2017 „unter Androhung von Gewalt“ seine Zeitung einstellen musste, weil sie „islamische Werte“ verletze.

Nassar, dessen Initiative zivilgesellschaftliche Projekte fördert, wurde „von einem Mob in seinem Büro bedroht“: „Die Schläger stammten aus dem Umfeld des Jaish al-Islam. Vier von Nassars Mitstreitern, unter ihnen die prominente Aktivistin Razan Zeituneh, sind seit über vier Jahren verschwunden.“ Und warum? „Sie hatten nicht nur Menschenrechtsverletzungen des Regimes, sondern auch solche der Rebellen dokumentiert.“ Nassar ist „überzeugt, dass Kämpfer des Jaish al-Islam sie entführt haben“. Soweit die NZZ.

Zum türkischen Angriff auf Afrin schweigt Merkel

Zu all dem schweigen die meisten deutschen Journalisten und Politiker, weil schlichte Tatsachen nicht in ihre – im Zeichen des eingebildeten „Arabischen Frühlings“ von 2010 - extrem verengte Optik passen. Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilte den Kampf der syrischen Regierung gegen den islamistischen Terror in Ost-Ghuta als „Massaker“. Im Fall des viel schlechter begründeten Panzer- und Bombereinfalls unseres Nato-Partners Türkei in die bislang unzerstörte syrische Provinz Afrin fiel ihr dieses Wort nicht ein. Zu den Vieltausenden zivilen Opfern der US-geführten, von deutschen Aufklärern geförderten Befreiung Mossuls aus den Klauen des IS schwieg sie.

Keine Frage, der IS musste militärisch niedergerungen werden – wie zuvor die islamistische Gewaltherrschaft in Ost-Aleppo. Seit diesem Erfolg kehrten laut UN-Flüchtlingskommissar in den ersten sechs Monaten 2017 rund 440 000 Flüchtlinge nach Aleppo zurück, 300 000 davon nach Ost-Aleppo. Jetzt muss die Weltgemeinschaft die islamistischen Kämpfer zum Abzug zwingen. Den meisten Menschen in Syrien nützt einseitige Parteinahme nichts. Ihnen nützt Hilfe beim Wiederaufbau und bei der Stabilisierung des Alltags. Dazu gehört auch, die Heimkehr von Flüchtlingen zu fördern. Später soll dann über Demokratisierung verhandelt werden.