Paar aus Kreis Esslingen in Syrien Kaffee und Tee zwischen Trümmern – Paar begleitet Deutsch-Syrer in Heimat

Dieser Mann besucht jeden Tag sein Haus in Dschubar – beziehungsweise was davon übrig geblieben ist. Foto: Markus Schwarz/privat

Cornelia und Markus Schwarz aus Leinfelden-Echterdingen haben im April  einen deutsch-syrischen Freund in die Heimat begleitet. Diese Eindrücke haben sie in Damaskus gewonnen.

Filderzeitung: Natalie Kanter (nak)

Cornelia und Markus Schwarz sind in Gedanken noch oft in Syrien und bei den Menschen, die sie getroffen haben. „Ein Teil meiner Seele ist noch in Damaskus“, sagt er. „Ich bin immer ein Teil dieser anderen Welt“, sagt sie. Die Journalistin und der Fotograf aus Oberaichen, einem Stadtteil von Leinfelden-Echterdingen, haben im April einen guten Freund in das vom Bürgerkrieg geschundene Land begleitet.

 

Der Freund war 2015 nach Deutschland geflohen – wie viele junge Männer aus Syrien. „Er hat ein Land verlassen, in dem er nicht atmen konnte, wo man Nachbarn nicht vertrauen konnte, ein Land voller Druck und Traurigkeit“, sagt Markus Schwarz. Mittlerweile ist der Freund deutscher Staatsbürger, hat studiert, arbeitet als Diplom-Ingenieur. Zehn Jahre lang hatte er seine Heimat nicht besucht, um nun mit deutschen Freunden in ein verändertes Land zurückzukehren.

In Damaskus trennen nur wenige Kilometer Orte stiller Schönheit von den Spuren tiefster Zerstörung. So beschreibt der Fotograf diese Aufnahme. Foto: Markus Schwarz

Die Drei haben Teile seiner Verwandtschaft besucht. Sie waren in Damaskus und den Vororten der Stadt unterwegs. Die Rebellengebiete haben sie ausgespart. Gefährlich war die Reise dennoch. Als sie mit dem Auto und einem Fahrer vom Libanon aus ins Land einreisen wollten, sind sie mehrmals von Milizen kontrolliert worden. „Das war schon abenteuerlich“, sagt Markus Schwarz. „Die hätten uns rausziehen können“, sagt Cornelia Schwarz.

Foto: Markus Schwarz

Sie sind in ein Land gereist, das derzeit nur Journalisten, Diplomaten und Politiker besuchen. Dort hätten sie zwar eine Aufbruchsstimmung erlebt, aber Syrien sei noch immer ein zerrissenes, kaputtes Land, das vor großen Herausforderungen stehe. Unter den Trümmern lägen immer noch Leichen, die Menschen seien in Syrien regelrecht abgeschlachtet worden. Andere hätten in Tunneln überlebt, die sie mit Schraubenziehern gegraben hätten. In der Hauptstadt gebe es kein fließendes, warmes Wasser, manchmal sechs Stunden lang keinen Strom. Das Land sei vom Bankensystem abgeschnitten – schwierige Umstände, um zu investieren, um die Wirtschaft wieder aufzubauen, um Geld zu spenden.

Dass in Deutschland zur Diskussion steht, nach dem Kriegsende könnten ja jetzt alle Syrer in ihre Heimat zurückkehren, findet das Ehepaar haarsträubend: „Der Bürgerkrieg ist vielleicht zu Ende. Jetzt aber beginnen die Binnenkriege“, sagt er. Das sehe man nicht nur an Israel, das Luftangriffe auf Damaskus fliegt. Zumal niemand wisse, was der Chef der Übergangsregierung, Ahmed al-Scharaa, machen werde. „Bevor man sich hier Gedanken macht, Menschen auszuweisen, sollte man sich überlegen, welche Kräfte wir bündeln können, um Menschen Baumaschinen zu geben, damit sie ihr Land wieder aufbauen können“, sagt sie.

Fasziniert sind die Beiden von der Gastfreundschaft der Menschen. „Für uns war das ein neues Land – wir wussten nicht, was uns erwarten würde – und haben uns dann sehr willkommen gefühlt“, sagt der Fotograf. In einer Gasse im christlichen Viertel von Damaskus wurde Markus Schwarz von Kaffeegeruch in einen kleinen Laden gelockt. Er wollte zwei Päckchen Kaffee kaufen – und durfte nicht. Die Verkäuferin hat sie ihm nach einem längeren Gespräch geschenkt. „Das ist normal in diesem Land“, sagt sie.

Selbst in den Vororten der Hauptstadt, wo kein Stein auf dem anderen geblieben ist, die ältere Generation nichts mehr an ihre Kinder vererben kann und die Jüngeren versuchen, sich in Trümmern wieder eine Existenz aufzubauen, wurden die beiden eingeladen. „Uns wurde Kaffee und Tee angeboten.“

Auch Männer der Regierungstruppen, die das Ministeriumsgebäude in Damaskus bewachten, empfanden sie als zugewandt. „Einer hat uns auf deutsch angesprochen“, sagt die Journalistin. „Er war als unbegleiteter Minderjähriger in Deutschland, hat im Saarland gelebt und ist schon vor dem Umbruch nach Syrien zurückgegangen.“ Die deutsche Sprache war oft ein Türöffner: „Sobald die Leute mitbekommen haben, dass wir Deutsche sind, haben sie uns fast die Füße geküsst und gesagt: Ihr habt unsere Kinder aufgenommen und ihnen damit das Leben gerettet“, berichtet sie.

Mahmoud hat Jahre lang um seine Heimatstadt in Darayya gekämpft. Hier steht er in den Trümmern seines ehemaligen Friseurgeschäfts. Foto: Markus Schwarz

Das Ehepaar hat auch den Ort Darayya besucht, wo ihr syrischer Pflegesohn geboren ist. Dort wurde die erste Demonstration gegen das Assad-Regime ausgetragen. Dort haben sie einen Friseur kennengelernt, der früher Rebellenkämpfer war. Er hat ihnen seinen Laden gezeigt, den er gerade aus dem Nichts aufbaut. Er hat Markus Schwarz die Haare geschnitten, ohne Geld dafür zu verlangen.

In Dschubar haben sie an einer Straße, an der sich kilometerweise Ruine an Ruine reiht, einen alten Mann getroffen, der mit Frau und Tochter die Reste seines Hauses besucht hat – wie jeden Tag. „Er hat uns seine Geschichte erzählt und von den Massakern, die er erleben musste. Ihm sind Tränen über das Gesicht geflossen“, erzählt Markus Schwarz. Er hat den Dolmetscher gebeten, ihn zu fragen, ob er ihn fotografieren darf. „Für den alten Mann war das eine Ehre. Wie auch für mich“, sagt der Fotograf.

In Dschubar stand auch eine der ältesten Synagogen Syriens. Muslime und Juden haben diese bis zum Schluss gegen Angriffe verteidigt, berichtet Cornelia Schwarz. Die Synagoge wurde geplündert und niedergebrannt. Die Bürgerkriegsparteien machten sich laut Medienberichten gegenseitig für die Zerstörung verantwortlich. Auf den Resten der Synagoge ist auf Arabisch zu lesen: „Ich habe das Recht zu spielen.“ Achmad, neun Jahre alt, hat dort überlebt. Markus Schwarz hat den Jungen fotografiert. Cornelia Schwarz ist dieser Moment besonders stark in Erinnerung geblieben: „Wir stehen an der Synagoge. Von fern ist der Gebetsruf zu hören, und im gleichen Moment beschießt Israel Damaskus.“

Die Altstadt von Damaskus lebt – durch die Menschen und ihre Sehnsucht nach einem Morgen, das anders ist als das Gestern, schreibt der Fotograf. Foto: Markus Schwarz

Für ihren Mann war diese Reise eine seiner emotionalsten Fotoreisen. „Ich brauche erst mal Abstand zu den Bildern“, sagt er. Dann wolle er seine Aufnahmen ausstellen, in Stuttgart, aber auch in Damaskus. Die Menschen, die er in Syrien fotografiert hat, haben ihn darin bestärkt, der Welt zu zeigen, „was Assad mit uns gemacht hat“, aber auch, „wie schön Syrien ist“. „Das nehme ich als Auftrag mit.“ Cornelia Schwarz, Chefredakteurin des Zahnärzteblatts Baden-Württemberg, wird eine Reportage über Zahnärzte in Syrien veröffentlichen. Die nächste Reise ist auch schon geplant: Im Herbst soll es mit ihren vier Kindern nach Kamerun gehen.

Auch ihr deutsch-syrischer Freund ist mittlerweile nach Deutschland zurückgekehrt. Ob er irgendwann ganz zurück in seine Heimat geht? „Das ist eine gute Frage“, sagt Markus Schwarz. „In dem Moment, wo Syrien dafür eine Basis bietet, werden viele Syrer in ihr Land zurückkehren“, sagt Cornelia Schwarz. Davon ist das Ehepaar überzeugt.

Das Ehepaar Schwarz

Flüchtlingshelferin
Cornelia Schwarz hat viele Jahre als freie Journalistin gearbeitet. Mittlerweile leitet sie das Informationszentrum Zahn- und Mundgesundheit in Stuttgart und ist Chefredakteurin des Zahnärzteblatts Baden-Württemberg. Gleichzeitig ist sie als Flüchtlingshelferin mindestens einmal im Jahr in einem Krisenland unterwegs.

Monochrom-Fotograf
Der Fotograf Markus Schwarz hat sich auf monochrome Fotografien spezialisiert. Er porträtiert Menschen, unverstellte Szenen sind ihm wichtig. „Ich beobachte und greife in keine Szenerie ein“, beschreibt er seine Art zu fotografieren. „Überwiegend in schwarz-weiß, unverstellt und abbildend.“ Die beiden leben mit ihren vier Kindern in Oberaichen, einem Ortsteil von Leinfelden-Echterdingen.

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