Syrisches Essen Flüchtlinge als Gründer: Das syrische Restaurant in Horb

Von Leonie Wagner 

IdeenwerkBW-Serie „coole Startups im heißen Sommer“ – in Kooperation mit der Macromedia Hochschule Stuttgart (6): Ausländische Restaurants sind in Deutschland Normalität. Syrische Gerichte hat hingegen noch kaum ein Deutscher gegessen. Das wollen Alaa und Abodi ändern. Die Flüchtlinge als Gründer eröffneten in Horb am Neckar ihr Restaurant „Projekt Morgenland “.

Abodi und Alaa mit Unterstützerin Eva vor dem Restaurant. Foto: Projekt Morgenland
Abodi und Alaa mit Unterstützerin Eva vor dem Restaurant. Foto: Projekt Morgenland

Horb - Eigentlich heißen die beiden Abdul Rahim Khalaf und Alaa Eddin Al Jabara. Gemeinsam mit der Unterstützung von Unternehmerin und Flüchtlingshelferin Eva Michielin versuchen die Flüchtlinge als Gründer mit syrischem Essen Geld zu verdienen.

Beide Männer kamen 2015 von Syrien nach Deutschland. Ohne Geld, ohne Papiere und ohne ihre Familien. Abodi führte einen Elektronikgroßhandel in Homs, einer Stadt nur wenige Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt. Homs, das bedeutete noch vor weniger als 15 Jahren mehr als eine Millionen Einwohner, die drittgrößte Stadt in Syrien und ein beliebtes Ziel bei Touristen. Davon ist seit dem Bürgerkriegsbeginn 2011 nichts mehr zu spüren. Homs wurde die Hochburg der syrischen Rebellen. Die Bomben des Assad-Regimes radierten die Stadt beinahe völlig aus: Etwa ein Drittel liegt in Trümmern, ganze Viertel sind unbewohnbar, vielerorts fehlen Strom und Wasser. Abodis Heimat, wie er sie einst kannte, gibt es nicht mehr.

Auch Alaas Zuhause, ein kleiner Ort in der Nähe von Damaskus, ist praktisch verloren. Alaa wuchs in den Jahren des Friedens auf. Er studierte Erdöl-Ingenieurswesen, kam aus einem wohlhabenden Elternhaus und erlebte eine glückliche und freie Kindheit. Damaskus ist die Hauptstadt Syriens, das Zentrum von Assads Macht. Dort wurden als allererstes die Soldaten für die Regierung eingezogen. Wer gegen das Regime revoltierte und der Einberufung nicht folgte, hatte nur noch einen Ausweg: Fliehen, und das so schnell es geht. Alaa hatte eine strahlende Zukunft vor sich und im Krieg dann alles verloren. Ganz unten, in einem fremden Land und alleine wieder anzufangen – das ist nicht leicht.

Die Inspiration

Die Idee eines syrischen Food-Service kam eigentlich von Eva. Kennengelernt hatten sich Alaa, Abodi und Eva bei einem Unterstützungstreffen 2015, kurz nachdem die Flüchtlinge nach Horb kamen. Zusammen mit 17 weiteren Männern lebten die beiden in einem alten Haus in einem kleinen Ort in der Nähe von Horb. Als die Männer, aus Dankbarkeit für die freundliche Aufnahme, den Helfern jeweils einen Blumenstrauß schenkten, war Eva gerührt und verlegen.

Angekommen ohne irgendwelchen Besitz, hatten die Flüchtlinge für diese kleine Geste ihr weniges Taschengeld ausgegeben, das sie zu Beginn bekommen hatten. Für Eva war klar, dass sie den Syrern den Einstieg in Deutschland, das Leben in dem noch fremden Land, so angenehm und freundlich wie möglich machen wollte. Kurzerhand lud sie die Horber Flüchtlinge zu einem Silvesteressen zu sich nach Hause ein. Abodi, der Koch der Flüchtlinge, bot an zu kochen und zauberte dabei “ein Festmahl”, erinnert sich Eva.

Abodi hatte in den Jahren vor seiner Flucht schon einige Erfahrung als Koch gesammelt. In der ersten Phase des Krieges wurde Homs zum Berlin Syriens. Geteilt in eine freie und eine von Assad kontrollierte Stadthälfte, flohen viele unterdrückte Bürger in die freien Viertel. Abodi, der seine Passion fürs Kochen von seinem Vater, einem begnadeten und leidenschaftlichen Hobbykoch, geerbt hatte, wurde in den letzten zwei Jahren zu einem “Flüchtlingskoch”.

Auch für Alaa war der Gastronomiebereich die einzige Möglichkeit sich ein wenig über Wasser zu halten. Nachdem er wegen des Krieges sein Studium abbrechen musste, arbeitete er in einem kleinen Restaurant in der Nähe von Damaskus. Das reichte gerade dafür, um seine kleine Familie zu unterhalten.

Das gute Essen an Silvester und die Erfahrung der beiden in der Gastronomie inspirierten Eva zu dem Konzept, das drei Jahre später zum „Projekt Morgenland“ werden sollte.

Der Weg der Flüchtlinge als Gründer

Die Flüchtlinge als Gründer fingen bei ihrem ”Projekt Morgenland” erstmal klein an. Die Zukunft von Alaa und Abodi war zu diesem Zeitpunkt auch noch mehr als ungewiss. Würden sie in Deutschland bleiben dürfen? Würden sie feste Unterkünfte finden? Was würde mit ihren Familien passieren? Vor allem Abodi beschäftigte die letzte Frage sehr. Trotz aller Bemühungen musste er seine Kinder bei seiner Ex-Frau in Syrien zurücklassen. Nachdem diese die Kinder einfach bei ihrer Großmutter absetzte, hielt Abodi es nicht mehr aus.

Er wollte seine Kinder wiedersehen, so schnell wie möglich. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion brachte Abodis Mutter die Kinder in die Nähe der türkischen Grenze. Teuer bezahlte Schlepper sollten die beiden im doppelten Boden eines Krankenwagens in Sicherheit bringen. Abodi hat Tränen in den Augen, wenn er von dieser Nacht erzählt. Sie gehöre zu den schlimmsten seines Lebens, sagt er. Nach mehr als drei Jahren voller Unsicherheit, Angst und Einsamkeit gelang es dann 2018 Abodis Kinder über die Türkei nach Deutschland zu holen. Das Wiedersehen der kleinen Familie am Stuttgarter Flughafen bleibt einer der berührendsten Momente in Evas Leben, erinnert sie sich.

Doch all die Beschwerlichkeiten und Zweifel hielten das Team rund um Abodi und Alaa nicht auf. Die beiden wollten arbeiten. In den nächste Monaten bekochten unterschiedliche Veranstaltungen im Umkreis von Horb sowie im Bekanntenkreis von Eva.

Gleichzeitig suchten sie nach möglichen Gebäuden in Tübingen und Umgebung, die als Restaurant in Frage kommen könnten. Da fingen die Hürden für die Flüchtlinge als Gründer aber erst richtig an. Wenige Leute nahmen das Projekt ernst, und wenn sie es doch taten, dann waren die Pachten unbezahlbar oder ihre Abneigung spürbar. Nicht nur einmal gab es gerümpfte Nasen wegen der Herkunft der beiden Männer. Nach monatelanger Suche kam Eva durch einen Tipp einer Bekannten auf die alte “Buß” in Horb.

Das „Tor zum Schwarzwald“, wie das 70 Kilometer südlich von Stuttgart gelegene Horb auch genannt wird, verkörpert perfekt das Bild einer über 1000 Jahre alten schwäbischen Stadt. Die auf einem Berg gelegene Altstadt ist mit ihren Burgruinen und dem ehemaligen Klostergebäude schon von weither zu sehen. In der letzten Ecke, versteckt hinter schmalen Gässchen und dem historischen Marktplatz, steht das kleine Fachwerkhaus der „Alten Buß“.

Aufgrund der günstigen Pacht, und um dem historischen Städtchen wieder mehr Leben einzuhauchen, entschieden sich Abodi und Alaa gemeinsam mit Eva für das alte Gebäude. Nach langer Überzeugungsarbeit bei der Besitzerin, die „auf jeden Fall keinen Euro investieren“ wollte, gelang es Eva dann eine vorläufige Zusage für das Projekt zu erlangen.

Der Name „Projekt Morgenland“

Im Gegensatz zu dem Ort war der Name „Projekt Morgenland“ schnell entschieden. Eine Ein-Minuten-Entscheidung, sagt Eva. Abodi und Alaa sind aus dem Morgenland gekommen und haben von dort ihre Kultur und Küche mitgebracht. In Deutschland wird sich ihre Zukunft entscheiden. Hier haben sie die Chance, sich wieder ein Leben aufzubauen. Ihr ganzes „Morgen“ wird sich in diesem Land abspielen, denn nach Syrien gibt es kein Zurück. Für sie ist Deutschland ihr Morgenland.

Dadurch nahm das Projekt wirklich an Fahrt auf. Ort und Name waren zwar gefunden, aber noch hatte der Gasthof nicht die Ausstrahlung und das passende Ambiente, das sich das Team rund um Abodi, Alaa und Eva wünschten. Dafür brauchte es noch ein wenig finanzielle Unterstützung. Zum Glück ließ diese nicht lange auf sich warten. Auf der Startup-Website “Start-Next”, wurde eine Crowdfunding-Seite angelegt, mitsamt Motivationsfilm. Von allen Seiten kamen Helfer und Spenden, die das “Projekt Morgenland” gerne förderten. Auch die Freunde und Bekannten der Familien packten bei dem Umbau mit an, um Kosten für Handwerker zu sparen.

Nach drei Jahren Ideenfindung, unermüdlichem Suchen von Möglichkeiten und harter Arbeit konnte dann im Sommer 2018 endlich gefeiert werden. Das “Projekt Morgenland” öffnete seine Türen. Eva erinnert sich noch bildlich an die Eröffnungsfeier und an die rührenden Dankesworte von Abodi in seinem gebrochenen Deutsch: „Mein Deutsch schlecht“, sagt er, „aber ich will Dir sagen: Du mir immer, immer, immer gehilfen. Warum Du mir immer gehilfen? Du mir immer hilfen. Tausend, tausend Dank an Dir.“

Die Küche

Ganz unter ihrem Motto: „Orientalisch, Mediterran, Lecker!“ kocht Abodi in der kleinen Küche die Rezepte seiner Heimat. Viele der Gerichte erinnern die beiden an ihre Kindheit, an die Zeit, als ein Leben in Syrien noch gut war und man noch unbeschwert in das kleine Restaurant um die Ecke gehen konnte. Diese Erinnerung wollen sie wach halten für sich, ihre Familien und auch für die deutschen Nachbarn. Denn Syrien bedeutet mehr als nur Krieg und Terrorismus.

Und die Botschaft kommt an. Bei über 50 Rezensionen auf Google hat das Restaurant eine Bewertung von 4,7 Sternen. Die Horber sind begeistert von der Möglichkeit einer “kulinarischen Reise” in einer “multikulturellen Stube” in einem alten deutschen Gasthaus. Bei den Jugendlichen kommt vor allem die Toschka gut an. Das Kalbfleisch, das mit Käse im Fladenbrot frittiert wird, wird einfach und schnell mit der Hand gegessen. Perfekt für einen kleinen Imbiss in der Mittagspause.

Auch für die Vegetarier gibt die Speisekarte einiges her. Besonders beliebt ist die “Eva Aubergina”, das Lieblingsgericht von Unterstützerin Eva. Das aus Dankbarkeit nach ihr benannte Essen besteht aus gebackenen Auberginenscheiben mit Joghurtsoße, Granatapfelkernen und Petersilie. Laut Eva: “richtig zum Reinsitzen”. Wer ein Fest im „Projekt Morgenland“ feiern möchte, kann in den Genuss kommen, sich durch eine, extra von Abodi zusammengestellte, Auswahl durchzuprobieren.

„Ich mag vor allem die Mischung zwischen arabischem Essen und deutscher Kultur“ – Gudrun P.

„Wir haben schon Werbung gemacht. Das Essen ist einfach richtig bekömmlich.“ – Klaus S.

Reaktionen und Kritik

Nicht alle Reaktionen auf das “Projekt Morgenland” sind positiv. Grundsätzlich gilt die Kritik nicht dem Essen, sondern ist eher den kulturellen Unterschieden geschuldet. Vor allem die von manchen als ineffizient empfundene Arbeitsweise der beiden entspricht nicht ganz dem erwarteten Standard. “Sie trödeln zu viel. Man muss mehrfach nachfragen. Es ist noch ein wenig unordentlich”, sind Sätze, die öfter von Gästen wiedergegeben werden.

Besonders im Ramadan zeigen sich die gravierenden Unterschiede zwischen der deutschen und der syrischen Kultur. Die eh schon langsamere Bedienung lässt noch länger auf sich warten und die Öffnungszeiten beschränken sich auf nur wenige Stunden am Abend. Der Tagesablauf von Alaa und Abodi während der sechs Wochen zeichnet sich durch Schlafen und anstrengendes Fasten am Tag und nächtliche Feste bis 3:00 Uhr aus. Eva bezeichnet die beiden in diesem Zeitraum auch gerne als “ihre Zombies”.

Die meisten Leute zeigen jedoch Verständnis für die Flüchtlinge als Gründer. Sie wissen, dass es nicht leicht ist, sich an eine völlig andere Arbeitsweise anzupassen. Natürlich gibt es auch einige extreme rassistische Fälle, die einen regelrecht schockieren. So wurde Eva unter einem Facebook-Post des Restaurants vorgeworfen, “sie würde eine Terror-Zelle in Horb eröffnen”. Doch solche Aussagen halten sich in Grenzen. Letzten Endes reißt das Essen es für jeden Gast raus, und das ist das Wichtigste.

Die Texte der Serie wurden von Studierenden der Macromedia Hochschule in Stuttgart im Rahmen eines Seminars erstellt. Gesammelt und im Original sind sie auf der Webseite Startup-Kultur.de zu finden. Für IdeenwerkBW werden die Texte und die Darstellung teilweise bearbeitet.